“Einmal Kadiköy bitte!”

haydarpasa

Haydarpasa Hbf. auf der asiatischen Seite. 1906-08 gebaut von der Fa. Philipp Holzmann

Kadıköy ist die Hauptstadt des gleichnamigen Landkreises der türkischen Provinz Istanbul sowie ein Stadtteil auf der asiatischen Seite und ein Außenbezirk bzw. Vorort der Büyükşehir Belediyesi (Großstadtkommune) Istanbul. Kompliziert genug erklärt?

Pfefferspray kannst du auch in Kadiköy einatmen, vielleicht gerade hier. Hier leben, wie soll man es nur ausdrücken; Andersdenkende, die mir eher zusagen als die anderen Andersdenkenden. Nicht nur, dass ich in diesem Stadtteil, auf der Bagdat Straße („Die Straße“ CADDE genannt), geboren wurde, nein, Kadiköy hat was, was alle elektrisiert. Ich möchte mal behaupten, wer Istanbul, mit seinen vielen Facetten kennenlernen möchte, der sollte nach Kadiköy reisen. Erdogan und seine Mannen haben hier keine Chance. Hier werden immer die Sozialdemokraten gewählt. Nicht weil man links orientiert ist, auch hier ein klares NEIN. Die Menschen hier haben ein Gefühl für das Böse und entscheiden sich immer für das kleinere Übel. Die Nutznießer sind in diesem Fall die Sozialdemokraten.

Jeder Stadtteil hat seine Besonderheiten, die man gesehen, erlebt und gerochen haben muss, wie im Falle von Kadiköy. Hier werdet Ihr Menschen sehen, die miteinander reden, sich anlächeln, singen, tanzen, musikmachen…

Wer einmal hier gelebt hat, der wird nicht woanders hinziehen, das ist sicher. Auch wenn man demonstrieren möchte, muss man nicht erst nach Taksim reisen, das machen wir z.B. am Hafen, direkt vor der Haustür. All inclusive.

Der Stadtteil Kadiköy ist nicht gerade klein. Es erstreckt sich von Bostanci bis Moda und doch kann man sich an jeder Ecke wohlfühlen.

Eigentlich bist du in Kadiköy, weit weg von allem. Du bist für dich allein und doch mit vielen netten Menschen zusammen. Kommst du mit dem Schiff z.B. von der europäischen Seite von Istanbul und tust dein Fuß aufs Land, liegt der ganze Stress hinter dir. Du bist zuhause angekommen und technisch sogar auf einem anderen Kontinent, was auch psychologisch auf dich wirkt.

„Das Land der Blinden“ hat man vor einigen Hundert Jahren Kadiköy wohl genannt. In Anspielung darauf, dass die europäische Seite viel schöner sei. Ganz im Gegenteil. Erst von hier kann man die Schönheit der europäischen Seite sehen. Der Sonnenuntergang, das Meer, der Bosporus und gegenüber die Prinzeninseln. Ehre, wem Ehre gebührt, die alten Bewohner von Kadiköy waren alles andere, nur nicht blind. So viel Schönes kann man nur von hier aus betrachten. Ich denke, damals dachten die Bewohner, dass sie hier, weit weg vom Herrscher, der Bosporus dazwischen, besser leben könnten, wie das heute auch der Fall ist.

kadiköy1Çarşı, der Markt von Kadiköy ist ein Markenzeichen, auch wenn es in der letzten Zeit durch viele Kneipen etwas verhunzt wurde, so kann man das Besondere immer noch fühlen. So viele nette, schmucke Läden werdet ihr sonst nirgendwo finden. Da muss man einfach hin. Alle Seitenstraßen rauf und runter. Gewürzläden, Feinkostläden, Fischgeschäfte, Fischrestaurant… Junge Menschen, alte Menschen, viele Ausländer, Roma, Straßenmusiker, Tchibo-Laden… Herz, was willst du mehr?

Sucht Euren Fisch aus und genießt es mit Freunden bei einem oder mehreren Glas Raki. Oder, wohnst du gar in Kadiköy, dann kauf ein bei Ecevitler, vom Fleischer Yilmazlar dein Fleisch, von Kadinimet dein Fisch, vom Petek Firin (Bäckerei) dein Brot, lass dein Fisch noch von den Fischerläden entgräten, nimm noch zu deinem Fisch, Ruccola, Radieschen und Zitronen mit, dann bist du komplett, Raki hast du ja sowieso im Kühlschrank.

Ansonsten gibt es noch Halil (Türkisch-Pizza LAHMACUN), Benusen Restaurant, Çiya Restaurant, Fatoş’un Mutfağı Restaurant u.v.a.m.

Zwischen Kadiköy und Bahariye könnt Ihr stöbern ohne Ende. Antiquitäten, alte Schallplatten… Ihr werdet Läden finden, die Ihr Euch gar nicht vorstellen könntet. Ein Erlebnis.

Von Moda runter zum Hafen sind die Bars. Für jeden Geschmack ist was dabei. Menschen, die jederzeit zu jedem Dialog bereit sind, egal in welcher Sprache. Alles da!

kadiköy2

Unbedingt in die Linie 20 einsteigen. Keine Angst, es fährt nur die Linie 20.

Stadtteil Moda, ist meine große Liebe. Hier sind zumeist alteingesessene wohlhabende Familien und pensionierte hohe Militärs von Früher zuhause. Hier findet Ihr auch alle Religionen. Moda ist der Stadtteil, mit den meisten Kirchen. Ich kann mich an fünf erinnern. Durch Moda fährt auch die Nostalgie-Straßenbahn rund. Die Straßenbahnen sind Originale aus Deutschland. Baujahr 1917.

Kadiköy, fängt und endet mit der Bagdat Straße, ‚Die Straße‘ genannt. 14 km lang durchläuft es in westöstlicher Richtung durch Maltepe und Kadiköy. DIE STRASSE zählt zu den fünf wichtigsten Straßen weltweit, wurde mehrmals durch renomierte Lifestyle Magazine ermittelt.

Bagdat CadIch liebe die Straße u.a. auch deshalb weil ich hier meine Freunde aus dem Ausland, ins Staunen versetzen kann. Man kann förmlich sehen, wie Ihr Bild vom Türken in sich zusammenfällt.

cadde

Die Straße

Bostanci, Suadiye, Saskinbakkal, Erenköy, Caddebostan, Göztepe… Hier residierte man früher noch im Sommer und nach den Ferien zog man auf die europ. Seite, wo gearbeitet wurde. Ich kann mich noch erinnern, dass gut die Hälfte der Häuser im Herbst und Winter nicht bewohnt waren. Anfang Mai kam die Dame des Hauses mit einer Putzfrau und machte alles sauber, für den Sommer.

Der größte Unterschied von Kadiköy zu der europäischen Seite ist, dass hier viel Fläche ist, was dem Staat gehört und noch nicht privatisiert bzw. den Gemeinden übereignet wurden. So gehören die wenigen Strände, die man noch hat und die ganzen Uferstraßen und Parks, den Menschen hier. Solch ein Gefühl ist der anderen Seite von Istanbul nicht gegönnt. In Kadiköy leben 12.500 Menschen auf ein km2 Fläche. Dennoch kommt man sich nicht beengt vor, wenn man nicht gerade im Auto sitzt und im Stau steht, wie überall in Istanbul.

Auf der ‚Straße‘ gibt es noch die Verbundenheit zum Stadtteil. Ich bin aus Bostanci und er ist aus Suadiye. Überall hin kann man zu Fuß gehen. Die Menschen hier grüßen sich auf der Straße. Man kennt sich, oder lebt halt in Kadiköy zusammen.

Hier gibt es neben dem Modernen, sehr viele Läden, Restaurants, die noch mit der Dekoration von anno dazumal arbeiten. So etwas kennt man in Nisantasi und Cihangir (den Nobelorten der europ. Seite) nicht. Das mag auch der Grund sein, warum die Menschen nach Kadiköy ziehen und umgekehrt fast nichts geht. Wer weiß warum?

kadiköy

Foto: www.balcilar.de

VAPUR, die Schiffe hauchen Kadiköy Leben ein. Schiffe verkehren überall in Istanbul, nur für den, der in Kadiköy lebt, bedeutet es mehr. Allein die Silhoutte vom Haydapasa Bahnhof, lässt das Herz schon höher schlagen. 20 Minuten dauert die Überfahrt auf die andere Seite und das sind die 20 Minuten, wo du frische Luft einatmest, die Möwen mit Sesamringen fütterst, oder einfach nur zuschaust, wie diese neben dir herfliegen, dir eine gewaltige Ladung Istanbul einhauchst und dein Leben revuepassieren lässt.

Das gibt es nur in Kadiköy.

Auch Yazicioglu Is Hani (Yazicioglu Business Center), ich weiß die Übersetzung lässt ein Hochhaus vermuten, gibt es nur hier. Das Gebäude ist hinter dem Is Bank gelegen und sicher über 50 Jahre alt. Hast du ein technisches Problem zu lösen, du braucht Ersatzteile für irgendein Elektrogerät, dann bist du hier richtig. Goldrichtig! “Hallederiz abi…” („Machen wir schon!“). Hier schickt man niemanden, ohne Problemlösung weg.
Ali Usta in Moda ist bekannt für sein Eis. In den 70er Jahren kam er mal in Guinness Buch der Rekorde, mit dem meistverkauften Eiskugeln am Tag. Damals, kann ich mich erinnern, bildeten sich, in 3-4 Reihen, jeweils 20-30m Schlangen vor dem Laden. So viel ist es in heutiger Zeit nicht, aber die Eisproduktion läuft weiterhin auf Hochtouren. Obwohl er durch den Laden zu einem wohlhabenden Mann wurde, dem alleine über Hundert Mietwohnungen in der Gegend gehören, steht er noch jeden Tag im Laden. Direkt neben ihm ist Kemal Usta. Nachweislich hat er als erster die belgischen Waffeln in der Türkei eingeführt. Er packt so viele Zutaten auf die Waffeln drauf, so an die 40 Alternativen stehen zur Verfügung, dass darunter die Waffeln vergessen, dass sie belgischer Art sind. Dennoch, die Qualität und wie diese präsentiert werden, sorgt seit Jahrzehnten für Schlangen vor dem Laden. An dieser Ecke von Moda duftet es ständig nach Schokolade.

boga

Stammt aus Frankreich, Bj. 1860. Ein Geschenk von Wilhelm II.

Boğa, DER STIER von Kadiköy. Steht in Altiyol und ist das Symbol von Kadiköy überhaupt. Eigentlich hätte die Fußballmannschaft Fenerbahce, der aus Kadiköy kommt, sich nicht nach Kanarien nennen sollen, wo doch der Stier hier steht.

Vor dem Stiert sieht man immer wartende Menschen, die auf irgendjemandem warten. Auch wird hier demonstriert, gemacht, getan. Was in Köln; „Vor dem Dom“ ist, in Kadiköy ist es „Vor dem Stier“.
Der Stier ist eigentlich mit seinen 150 Jahren, für eine Statue, in einem mittleren Alter, hat aber eine bewegte Geschichte. Der Stier ist nach dem Sieg der Franzosen über die Deutschen, nein, nicht bei der Europameisterschaft, sondern im Elsass, 1860 fertiggestellt worden. Der Erschaffer Isidore Bonheure, wollte damit die Entschlossenheit, Wut, Mut und die Stärke der Franzosen, darstellen. Nur knapp zehn Jahre später, nach der Schlacht von Sedan, wo die Deutschen siegten, nahm Bismarck die STÄRKE der Franzosen mit nach Deutschland. Der Stier blieb bis 1917 in Deutschland und wurde danach von Wilhelm II., an Enver Pascha geschenkt. Der Stiert stand zuerst im Garten des Schlosses von Enver Pascha. Nur als er in den 1. Weltkrieg zog, wurde es dort vergessen. Fünfzig Jahre später stand es vor dem damals neu erbauten Hilton Hotel. Gerade muss ich an eine Freundin denken. Die Eltern hatten sich dort kennengelernt. Vielleicht wurde dieser Stier Zeuge davon, wie sich die Eltern kennenlernten.

Der Wanderstier, steht dann kurze Zeit im Gezi Park. Anfang der 70er Jahre geht es dann nach Kadiköy. Dort steht er zuerst vor dem Rathaus und seit 1990 da, wo er jetzt steht. Der Stier hat schon oft das Trikot von Fenerbahce überzogen bekommen und auch von Anhängern von Galatasaray rot/gelb angemalt und verunstaltet worden. Ich finde, wenn man die Geschichte von diesem Stier kennen würde, würde man evtl. voller Ehrfurcht ihm begegnen. Oder, doch nicht. Statuen haben in der Türkei kaum einen Stellenwert.

Eigentlich steht der Stier auch dafür, wie die Türkei und die Türken mit ihrer Kulturerbe umgehen. Der Stier von Kadiköy wird unter Wert präsentiert und verkauft. Ihm gebührt eine geschützte Stelle, damit er uns noch lange erhalten bleibt und wir sagen können, ‚rechts vom Stier‘, ‚am Stier‘, aber nicht ‚auf dem Stier‘.

Kurbagalidere (Bach der Frösche), direkt am Stadion von Fenerbahce gelegen. Hier könnt ihr viele Menschen im Park beim Picknick sehen. Eigentlich eine der schönsten Ecken von Kadiköy, wenn dieser Gestank nicht wäre. Seit Jahrzehnten bekam man es nicht in den Griff. Der Gestank macht Kurbagalidere so Besonders. Wo sonst können sich die Menschen, bei solch einem bestialischen Gestank, so gemütlich aufhalten. Prädikat: Besonders riechenswert.

Ufer bedeutet auf der europäischen Seite, ca. 2 Meter Fläche, was von den Restaurants, die sich aneinander reihen, Teegärten und sonstigen Einrichtungen, sowie von den Tausenden Fischern, noch für die Bewohner von Istanbul, übrig bleibt.

CADDEBOSTAN

In Caddebostan stehen noch einige wenige Residenzen aus früheren Zeiten. Rest musste dem Bauboom ausweichen.

Caddebostan in Kadiköy, stellt das Gegenteil dar. Hier gehört das Ufer dem Istanbuler. Spazierengehen, liegen, laufen, Picknick machen, sich austoben.

Zurück zu Bagdat Caddesi. Die Bürgersteige auf beiden Seiten sind breiter als die Fahrbahn: Obwohl 4spurig in ein Richtung, ist hier ständig Stau. Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte, Gastronomie, Einkaufsgelegenheiten, soweit das Auge reicht. Die Atmosphäre hier, färbt auf die Menschen ab. Man hat das Gefühl, sich in einer Urlaubsgegend zu befinden. Hier bewegen sich die Menschen ganz bequem.

Koco Restaurant in Moda. Wer dort isst, wähnt sich in einem der türkischen Kinostreifen aus den 40er, 50er, 60er Jahren. Fisch und Raki schmecken, aber allein dort zu sein, verleiht dem Ganzen einen besonderen Zauber, die man nicht beschreiben kann. Übrigens, die meisten Kellner dort sind Teilhaber des Restaurants.

Unweit von Moda gibt es noch Cafe Kemal, wo ich Jahrelang direkt gegenüber in dem grünen Haus, gewohnt habe. Es ist wesentlich kleiner, aber feiner als die Moda Cay Bahcesi (Teegarten), direkt nebenan. Hier gibt es mit Sicherheit eines der schlechtesten Cay’s der Stadt, aber anscheinend kommen die Menschen wegen Moda und der Atmosphäre hierhin. 2.400 Sitzplätze, die an den Wochenenden ständig voll sind. Die Kellner lassen die Unterteller immer auf dem Tisch stehen und wenn bezahlt werden soll, zählen sie diese und wissen, wer was zu bezahlen hat. Die Aussicht noch. „Da rechts gegenüber ist der Topkapi Palast, etwas weiter nach links, die Hagia Sophia und das da rechts ist die Blaue Moschee.“ Wegen diesem Ausblick bin ich damals aus Deutschland nach Istanbul gezogen, wo ich doch nie vorhatte zurückzukommen.

Neu sind in Kadiköy die vielen Straßenmusiker. Die meisten von ihnen sind Musikstudenten. Nach Cihangir, Tünel, Asmalimescit, Bomonti, Sisli, Tesvikiye, Besiktas tummeln sich hier immer mehr Hipster und bringen noch mehr Abwechslung nach Kadiköy.

Hierhin wandern sehr viele aus. In Kadiköy gibt es, Türkei weit, die meisten Radfahrer. Die Radwege, am Ufer entlang, laden dazu ein.

Ich liebe Kadiköy. Hat man es gemerkt?

Kaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

Das könnte Dich auch interessieren …