Braucht die Türkei High-Potentials?

Er hat 4 Jahre an einer türkischen Universität studiert und danach noch 2 Jahre Weiterbildung gemacht, um weitere Zertifikate zu bekommen, die ihn von der Masse abhebten.

jugend„Warum diese zusätzlichen Zertifikate und Diplome?“ frage ich ihn.
„Ich wollte das Studium etwas aufpolieren“ sagt er.
Ohne zu überlegen, ohne ein Ziel und schnell musste es außerdem gehen. Anschließend fing er an sich zu bewerben. Ich schaue in sein CV und stelle nichts fest, was ihn von den anderen unterscheidet. Nur der Name ist ein anderer.
Er hat kein Praktikum gemacht, nicht in sozialen Verbänden und sonstigen Organisationen gearbeitet, sich kein Netzwerk aufgebaut. Er hat nur studiert und ohne zu merken hat er am Ziel vorbei studiert.
Jetzt sucht er einen Job, mit einem CV, die es noch millionenfach gibt. Er hat studiert weil es einen Alternativweg nicht gibt. Auch, wenn Berufsschulen existieren, so werden diese ignoriert, obwohl die Türkei, gerade die 
Absolventen dieser Schulen dringend braucht. Mit Job-Garantie.

Wie viele der arbeitsuchenden Akademiker, möchte unser Student auch nur arbeiten und nicht irgendwo ankommen. Hauptsache ein Job.

Über 20.000.000 aktive Jobsuchende sind in den Job-Maschinen. Eigentlich ist diese Zahl nur in yenibiris.com. Klar, nicht alle Suchenden sind Arbeitslos. Die Masse der o.g. Suchenden hat einen Job. Er oder sie sind aber unzufrieden und während sie fleißig Gehalt kassieren, suchen sie den Folge-Job. Das ist so üblich in der Türkei. Da es sich um Mindestlohnjobs handelt und diese wie Sand am Meer gibt, kann man immer weiter suchen und finden, bis man etwas hat, wo man ungestört Nichts tun kann.

An dieser Stelle möchte ich die, die Wahrheit bzw. Kritik nicht vertragen bitten, sich nicht aufzuregen. Die Zahlen sprechen ihre eigen Sprache. Die türkischen e-Commerce Portale erzielen die höchsten Umsätze während der Arbeitszeit von 10 – 12 und von 14 – 16 Uhr. Man beachte! Die Mittagspause wird korrekt eingehalten.

Weiter mit unserem Studenten. Ich frage ihn:
„Was möchtest du verdienen?“ Auch diese Antwort kommt, wie aus der Pistole geschossen: „“2.000 TL“. Seine Augen strahlen als ob ich ihm ein Job versprochen hätte, allein der Gedanke löst ein Hype bei ihm aus.

 „Du wirst 2.000 TL bekommen und wenn die Arbeitsstelle das hergibt, dafür 20 Tage, in der Regel 25 Tage, im Monat arbeiten. Also verdienst du pro Tag 100 TL. Zu dem Betrag arbeitet nicht einmal die Putzfrau, die verlangen mehr.” Der Glanz in seinen Augen schwindet. Diese Rechnung hat er nie aufgemacht.„Sie haben Recht!“ sagt er. 

„Dafür hast du 18 Jahre lang die Schulbank gedrückt?“. “Wenn sich deine Eltern das leisten konnten, bist du womöglich mit 3 Jahren schon in ein Kindergarten gegangen. 2 Jahre Kindheit und der Rest, Schule und Studium. Jetzt suchst du ein Job, fast zum Mindestlohn?”

“Aber ich finde ja selbst zu diesen Bedingungen keinen Job.” sagt er. Da hat er recht. Man nimmt, was man bekommt, wenn man es bekommt. Ich habe mehr Wut im Bauch als er, schließlich weiß ich besser, wie schlecht es um und um Seinesgleichen bestellt ist. 

Ich muss immer schmunzeln, wenn in der Türkei manchmal gesagt wird: “Wir holen die High-Potentials aus Deutschland, da haben wir ein Reservoire von denen.” Wofür braucht die Türkei High-Potentials? Die High-Tech Exporte machen von Jahr zu Jahr, immer einen noch kleineren Teil der Exporte aus. Forschung und Entwicklung wird in kleineren Einheiten, zumeist von den multinationalen Unternehmen betrieben, die ihre regionalen Zentralen hier haben. Außerdem, High-Potentials möchte “High”, aber zumindest gerecht bezahlt werden. Das ist aber nicht drin. 

Auch hier spreche ich von Erfahrung. Einige Türkei-Verrückte Freunde, die unbedingt in die Türkei kommen und hier arbeiten wollten, heulen mir was vor, von wegen schlechter Bezahlung, aber immer heißt es: “Von meinem Wissen rufen die nichts ab. Ich komme mir fehl am Platze vor. Die meiste Zeit muss ich mich selbst beschäftigen” So ist das auch.

Der Einzelne mus schon im Gymnasium sich Gedanken machen, wie es im Leben für ihn weitergehen soll. Ziele müssen definiert werden und Aktivitäten unternommen, damit die Vorzeichen stimmen. Letztendlich kann man auch mit einem Mindestlohn anfangen, wenn man weiß, dass es einen weiterbringt.

Nur in der Türkei gibt es die Räume für diese Gedanken nicht. Zuerst müssen Aufnahmeprüfungen bestanden werden. Die Punktzahl entscheidet, was man werden kann und darf (Ausnahme: Wenn man Syrer ist, kann man sich auf jedes der Unis einschreiben lassen). Es gibt keine Berufsberatungen, die einem den Weg und die Möglichkeiten aufzeigen.

Ich könnte z.B. als lebens- und berufserfahrener Vater für meinen 10 jährigen Sohn planen. Das kann ich, aber nicht innerhalb des türkischen Schulsystems. Schließlich weiß ich nicht, welche Punktzahl er bei der Aufnahmeprüfung zu Uni erreichen wird. Auch weiß ich nicht, ob es dann noch diese Prüfungen geben wird. Was ich weiß ist, dass er im türkischen Schulsystem nicht viel Nützliches lernt bzw. überhaupt nichts lernt. Auswendig lernen, per Multiple-choice die Kreuze an der richtigen Stelle und das auswendig gelernte vergessen. Auch wird er auf der Universität kaum was lernen. Ich habe für die Unternehmen, die ich in die Türkei geführt habe, einige Hundert Personen schon eingestellt. Ich weiß also ganz genau, was die Akademiker nicht können.

In einer schrumpfenden Wirtschaft (Türkei), trotz gerade verkündeten Plus 4,8% (basierend auf die hohen staatlichen Investitionen und der Bautätigkeit im Lande), wo doch jährlich ca. 800.000 Türken und momentan ca. 300.000 Syrer in den Arbeitsmarkt drängen, wird sich auf Jahre nichts zum Positiven wenden können.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, nur worauf soll sie basieren?

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