Ein namenloser Großer

alisamil

Ali Samil

Ali Şamil.
Er war nur 110 cm.
Er wurde Enver Pascha geschenkt.
Wie ein Sklave.
Zum Hofnarren haben sie ihn gemacht.
Er musste seltsame Kleider tragen.
Die Damen amüsierten sich.
Die Kinder ebenfalls.
Der I. Weltkrieg kam. Alles wurde auf einmal anders. Enver Pascha musste Istanbul verlassen und in den Krieg ziehen. Der Pascha war so gütig und schenkte Ali an die Tochter des ottomanischen Sultans Vahdettin. Er sollte im Serail die Menschen zum Lachen bringen.

ismailhakki

Ismail Hakki Pascha

Ismail Hakki Bey, der Ehemann des Prinzessin Ulviye war ein gerechter und aufrechter Mann. Er machte Ali Samil zu seinem Backgammon-Partner. So schützte er den kleinen Mann vor den eigentlichen Hofnarren, im Serail. Die Zeit verstrich und der Aufbruch nahte. Die nationale Befreiung sollte alsbald losgehen. Die Türken, die für die Befreiung des Vaterlandes, zu sterben bereit waren und sich von den Besatzern, dem Herrscherhaus der Osmanen loslösen wollten, strömten nach Anatolien.

Des Herrschers Schwiegersohn Ismail Hakki Bey, war einer von ihnen. Er bereitete sich vor und wollte sich alsbald nach Anatolien absetzen. Undenkbar, dass der Schwiegersohn des Herrschers sich Mustafa Kemal (Atatürk) anschloss. Nicht einmal seine Frau ahnte was bevorstand. Nur sein Backgammon-Partner Ali Samil wusste davon. Ismail Hakki Bey wollte sich ein letztes Mal von ihm verabschieden. Hätte er besser nicht getan. Der kleine Mann mit dem riesen Herzen hat ihm gedroht, sein Geheimnis preis zu geben, wenn er ihn nicht mitnimmt. Ismail Hakki Bey bekam feuchte Augen. Da stand dem Ismail Hakki Bey, ein in ein kleinen Körper eingezwängter, Riese gegenüber. Ab da waren die beiden unzertrennlich.

Falsche Ausweise, Verstecke, Tarnung als Hirte, Schlaf unter freiem Himmel, Hunger… Sie gelangten über Adapazari nach Ankara. Mustafa Kemal wusste Bescheid über sein Kommen und wartete bereits auf ihn. An seiner Seite Ali Samil. „Meine unvergesslichste Begegnung“ sagte Ali Samil später, über dieses Treffen. Er durfte mit Mustafa Kemal anstoßen (kein Ayran).

Und dann? Drei Jahre lang, wo der Ismail Hakki Bey war, da war auch Ali Samil. Wasserträger, Telegrafenbote, Gewährträger von Gewähren, die manchmal länger waren als er… Er machte alles, was anfiel. An der Front lebte er mit Kopf unterm Arm, jeder Moment bedeutete für ihn Gefahr. Er war unter den Ersten die nach Izmir einmarschierten. Das, was er auf der Brust trägt (siehe Foto), ist die Tapferkeitsmedaille der Türkei, Istiklal Madalyasi.

Die Hofnarren von heute, können nicht begreifen, was in diesem kleinen großen Mann vorging.

Der Hofnarr der Osmanen war ein gleichwertiger Bürger in der neuen türkischen Republik. Die Osmanen lachten über ihn und in der Türkischen Republik lachte er über die Osmanen. Er wollte Izmir, die Stadt, in die er als Befreier einmarschierte, nicht mehr verlassen. Am Bahnhof Basmane wurde er Bahnhofsvorsteher.

Geboren war er am Van See Ufer, im äußersten Osten der Türkei. Dort war ihm seine Freiheit durch Enver Pascha weggenommen worden. Er wurde wie eine Ware weitergereicht und verschenkt. Die Republik gab ihm nicht nur seine Freiheit, sondern auch seine Familie zurück. Er fand sie wieder. Heiratete zweimal. Er verstarb 1978 in Izmir. Sein Grab liegt in Izmir Kokluca.

Ruhe in Frieden, kleiner großer Mann.

Wenn der Tag gekommen ist, werden wir sehen, dass dieses Land nicht nur aus freiwilligen Hofnarren besteht.

Foto: Ali Samil und Ismail Hakki Pascha. In Anlehnung an eine Kolumne von Y. Özdil.
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