Der Deutsche kann doch nicht ganz dicht sein!

Mit einem namhaften Konfitürenhersteller aus Deutschland waren wir bei einem potentiellen türkischen Joint-Venture-Partner in der türkischen Stadt Isparta.

Lustig war es für mich zu erfahren, dass der Deutsche sehr belesen war und über diesen Teil von Anatolien viel zu erzählen wusste und für eine kurzweilige Reise sorgte.

Für die ca. 70km von Antalya nach Isparta nahmen wir ein Taxi.

In Isparta angekommen, trafen wir vor dem Hotel den potentiellen türkischen Joint-Venture Partner. Da sich die Geschichte vor ca. 20 Jahren zugetragen hatte, gab es dort noch kein 4 oder 5 Sterne Hotel. Gab es überhaupt Sterne-Hotels in der Stadt? Ich denke nicht.

An der Rezeption bekamen wir unsere Zimmerschlüssel ausgehändigt. In dem 2 stöckigen Gebäude hatte ich mein Zimmer auf der 1. Etage und mein Auftraggeber auf der 2. Etage. Wir wollten uns frisch machen und uns unten treffen. Im Zimmer angekommen dann ein erstes Schockerlebnis. An die 40 Betten waren im Raum. Das sollte ein Single-Room sein? Ich ließ mein Koffer dort stehen und machte mich auf dem Weg nach unten. Ein Fehler müsste unterlaufen sein. Unterwegs zur Rezeption begegnete ich den deutschen Unternehmer. “Herr Dener, da ist was faul. Bei mir im Zimmer sind an die 30 Betten.” Zwei Männer, ein Problem.  An der Rezeption dann die Erklärung. In die Stadt kamen viele Tagelöhner, die in Agrarbetrieben arbeiteten und diese schliefen alle Zusammen in solchen Räumen.

Wir schauten uns nur an. Ohne Worte! Wie viele Tausend Menschen mögen wohl in diesen Betten gelegen haben? Im Zimmer angekommen, suchte ich mir die Anziehsachen zusammen, die ich am nächsten Tag anziehen wollte. Alles andere aus meinem Koffer, breitete ich auf das Bett auf. Ich durfte mit dem Bettzeug auf keinem Fall in Berührung kommen. Zum Glück wollten wir nur einmal übernachten.

Nach dem Abendessen ging es wieder zurück zum Hotel. An ein Schlaf war nicht zu denken. Zum einen kann sich schwer entscheiden, in welchem der 40 Betten man schlafen möchte und zum anderen, jedes Geräusch vor der Tür sorgte für Unruhe. Würde jetzt noch einer reinkommen und sich in eines der restlichen 39 Betten legen?

Am nächsten Morgen waren ich und mein Auftraggeber total platt. Der türkische Unternehmer holte uns ab und wir fuhren in sein Betrieb. Ich übersetzte.

Der türkische Unternehmer war Marmeladenhersteller, der nur Rosenmarmelade herstellte. Er wurde vom Deutschen mit der Feststellung konfrontiert, dass man aus Rosen unter Marmelade/Konfitüre nichts dergleichen produzieren könne. Ich glaube es waren die Lebensmittelstatuten in Deutschland, die es unmöglich machten. Wie sollte ich dieses an den Türken weitergeben, der in der 4.Generation davon lebte? Es ging dann weiter.

Der deutsche Unternehmer (im weiteren DU genannt) : Wieviel Zuckergehalt haben Sie in der sogenannten Rosenmarmelade ?

Der türkische Unternehmer (im w. TU genannt: (mit den Händen und Armen zeigend) In solch einen großen Kessel kommt ungefähr soo ein großer Kessel voll Zucker rein. (Nachher stellten wir ein Zuckergehalt von 98% fest. Somit erfuhr der Unternehmer nach vier Generationen, wie hoch der Zuckergehalt seines Produktes war).

DU: Wie ist den die Rendite bei Ihnen ?

TU: Herr Dener, wenn ich dem Deutschen jetzt sage, dass wir bei 600% liegen, fällt er tot um, was soll ich ihm sagen ? Er sagte 20%.

DU: Ahmet Bey, der Deutsche kann doch nicht ganz dicht sein.

TU: Was sagt er?

Ich : Er ist begeistert und denkt, dass man gemeinsam ebenfalls Erfolg haben würde.

TU: Wie viel haben Sie letztes Jahr verdient?

DU: Wir hatten mit 3% ein gutes Jahr.

TU: Ahmet Bey (Herr Ahmet), übersetzen Sie das bitte nicht aber der kann doch nicht ganz dicht sein, oder?

DU: Was sagt er ?rosenmarmelade

Ich : Das sind Zahlen, die keinen türkischen Unternehmer zufriedenstellen würden.

TU: (grübelnd, voller Unverständnis) Ahmet Bey, mit dem Deutschen werden wir tolle Geschäfte machen. Er wird mit allem zufrieden sein, was wir machen.

Erstaunlicherweise wurden die Rahmenbedingungen ohne grössere Widerstände abgesteckt. Der Gesellschaftervertrag sollte geschrieben, übersetzt und an den deutschen Partner geschickt werden.

Das Geschäft ist nicht zustande gekommen. Der Türke hatte nur im ersten Satz des Gesellschaftervertrages das eigentliche Vorhaben erwähnt. Unternehmenszweck : Herstellung von Konfitüren jeglicher Art. Danach ging es mit Erzabbau, Teppichknüpferei, Geschenkartikelherstellung und -Vertrieb, Marmor-Exporte… weiter.

Alles was in der Region möglich war, ist auf 2 Seiten aufgelistet gewesen.

Ausgangspunkt des türkischen Geschäftsmannes war: Wer mit 3% Rendite zufrieden ist, mit dem kann man noch viele andere Geschäfte machen.

Leider schickte der türkische Unternehmer den Gesellschaftervertrag nicht zu mir nach Köln, sondern direkt zu seinem zukünftigen Partner.

Er war entsetz über die Unseriösität des türkischen Unternehmers. Ich konnte ihn nicht davon überzeugen, dass es die galoppierenden türkischen Gene waren, die den türkischen Unternehmer übermütig werden ließ.

Wenn ich den Gesellschaftervertrag als Erster zu Gesicht bekommen hätte, wäre alles nochmal gut gegangen. Die Adapterfunktion zwischen Türken und Deutschen kann man nur dann optimal übernehmen, wenn man die Eigenheiten beider bis ins kleinste Detail kennt. Bis heute sind einige deutsche und türkische Geschäftsleute durch mich zu Partnern geworden. Die Auswahl stimmte und sie waren kompatibel von Anfang an. Die Partnerschaften haben immer noch Bestand. Nur hätte ich nicht als Adapter gewirkt, hätte es in manchen Fällen sogar Verletzte geben können. 😉

Isparta ist eine Provinz der Türkei und liegt im nordwestlichen Teil der Mittelmeerregion. Die Provinz hat 418.780 Einwohner auf einer Fläche von 8.993 km². Die Provinzhauptstadt ist Isparta.

Isparta ist bekannt für seine Rosen, Rosenprodukte und handgeknüpfte Teppiche. Außerdem ist die Provinz bekannt für ihre Äpfel, Sauerkirschen und Trauben.

Die Türkei hat beim Rosenöl einen Weltmarktanteil von 50%, gefolgt von Bulgarien mit 40% und der Rest (Iran, Indien, Marokko, Afganistan). 

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