Wenn die Menschen versagen, sprechen die Fahnen

Vor einigen Tagen berichtete ich bereits über die massenhafte Fahnenproduktion in der Türkei. Heute denke ich, dass die Türkei ohne Fahnen nicht funktionieren kann. Wer wohin gehört, zeigt dies mit Fahnen.

Lass die Fahne sprechen

In Ankara sterben 100 Menschen durch den Terror bei einer Friedensdemo und schon fragen sich die Menschen, bevor sie evtl. zu trauern anfangen: „Warum waren dort keine Türkei-Fahnen zu sehen?“

Schon sind Fragezeichen in den Köpfen. Bevor man per DNA die Toten identifiziert, versucht man zu klären, zu welcher Gruppierung oder Glauben sie gehören. Lohn es sich überhaupt um diese Menschen zu trauern? Die Türkei ist in den Köpfen schon längst gespalten.

Ich kann über einen 16 Jährigen aus Alanya berichten. Die Geschichte ist gerade mal einige Stunden alt (ich bekam es im Metzgerladen erzählt).
Mit drei Bussen waren die zumeist HDP Anhänger zum Friedensdemo nach Ankara gereist. Vater und Sohn (der o.g. 16 jährige) waren mit dabei.

Der Vater arbeitete beim Bau und versuchte seine drei Kinder durchzubringen. Sein größter Traum war, dass sein jetzt 16 jähriger Sohn Arzt wird, denn er selber war Analphabet. Er wollte, dass seine Kinder zu etwas bringen. Alles kam anders. Der Vater kam beim Terroranschlag in Ankara um.

Die Familie ist kurdischen Ursprungs. Der Junge sagt, dass sein Vater nie was mit der PKK zu tun hatte und nicht mal sympathisierte. Das bestätigt auch mein Metzgerfreund, der den Vater sehr gut kannte und den Jungen bei sich gelegentlich aushelfen lässt.
Bei der Beerdigung des Vaters war wieder eine Fahne im Spiel. Die PKK Fahne war auf einmal auf dem Sarg. Der Junge wollte es selber wegnehmen (bezeugt der Metzger), jedoch wurde er zurückgehalten; „Lass das, sonst tun sie dir was an“, daran kann er sich noch erinnern. Da war die Fahne. Die türkische Fahne hätte es nicht sein können, weil es kein Staatsbegräbnis war und wer zuerst kommt, der mahlt zuerst. Da war nun die PKK Fahne. Der Vater tot und eine ganze Familie zum Terroristen abgestempelt.

Während wir der Story des Jungen im Metzgerladen zuhören, höre ich hinter mir einen sagen; „Das sagt er jetzt nur so, das sind bestimmt welche von der PKK, dieser Kurdenpack“.
Als ich sagte „was erzählen Sie da für ein Schwachsinn?“ merke ich auf einmal, dass der Metzger, der Junge und ich auf einer einsamen Insel sind. „Wo war denn die Türkei-Fahne?“, „Ja, wo war denn die Türkei-Fahne?“ …

Nach meinem Eindruck wird die Familie aus Alanya wegziehen müssen. So viel Hass kann man auf Dauer nicht ertragen. Auf einmal sagte der Metzgerfreund; „Warum gehen die (er meinte die Demonstranten in Ankara) auch nicht da demonstrieren, wo kein Frieden herrscht, im Osten der Türkei. Dort ist es denen nämlich zu unsicher, deshalb sind sie ja alle hier und deshalb demonstrieren sie da, wo sowieso Frieden herrscht“. Das stimmte mich nachdenklich, dennoch, bevor ich auf der Insel, mit dem Jungen ganz alleine dagestanden hätte, habe ich ihn gesagt; “Gel sana bir cay ikram edeyim konusalim” (Komm ich lade dich zum Tee ein).

Es hat mir das Herz zerrissen, was er von sich gab und wie er drauf war. Zum Glück schien die Sonne und ich trug eine Sonnenbrille. Ich werde ihm helfen, dass er in Frieden leben kann. Er wird Arzt werden. Einige meiner Freunde unter den Ärzten, denen es sehr gut geht, haben bereits ihre Unterstützung zugesagt.

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