Warum sich die Türken gewaltig irren, wenn sie Deutschland …

Wenn man in der Türkei über Fortschrittlichkeit, Willenskraft und Zielstrebigkeit spricht, dauert es nicht lange, bis der Türke mit dem Beispiel ‚Deutschland‘ um die Ecke kommt. „Schau dir Deutschland an, nach dem zweiten Weltkrieg war das Land am Boden zerstört und wo stehen sie jetzt?“

Da tun sich die Türken aber unrecht. Ihnen ist z.B. nicht bewusst, dass Atatürk mehr geschaffen hat als jemals Deutschland in seiner ganzen Geschichte, innerhalb so kurzer Zeit, bewegt hat.

Was die Türken vergessen ist, dass Deutschland schon vor dem II. Weltkrieg eine Wirtschaftsmacht war. Die Militarisierung vor dem Krieg brachte auch mit sich, dass die Schwerindustrie stark anwuchs. Im Vergleich zu 1928 wuchs die Schwerindustrie zu 1944 hin um 120-140% an. Eine wahrlich gewaltige Steigerung.

Am besten kann man das am Beispiel der Flugzeugproduktion darstellen, zumal die türkische Regierung den Fortschritt immer mit der Produktion eines eigenen Flugzeuges verknüpft.

Während im Jahre 1931 der deutsche Flugzeugbau praktisch noch nicht ins Gewicht fiel, erzielte die Flugzeugindustrie 1934 einen Ausstoß von 2000, 1939 von 8000 und Ende des zweiten Weltkrieges von mehr als 25 000 Flugzeugen jährlich.(*)

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Vergiss das nicht!

Die Zahlen sollten ausreichend dafür sein, darzulegen, wie stark die deutsche Wirtschaft vor dem Zerfall war. Apropos Zerfall. Trotz der schwierigen Ausgangslage nach der bedingungslosen Kapitulation im Jahre 1945 waren im Gebiet der späteren Bundesrepublik anders als etwa im Hinblick auf großstädtischen Wohnraum etwa 80 bis 85 Prozent der Produktionskapazitäten unzerstört geblieben. Die Gesamtkapazitäten nach dem Krieg übertrafen sogar jene des letzten Friedensjahres 1938. Während die Menschen viel Leid zu ertragen hatten, war Deutschland, über die Wirtschaftsbrille betrachtet, intakt. Das soll auf keinem Fall die Leistung der Trümmerfrauen & Co. schmälern, sie haben Großes vollbracht. Kommen wir jetzt dazu, warum die Türken unter der Leitung von Atatürk, wesentlich Größeres vollbracht haben, was auf der Erde einmalig ist und bleibt.

Am 30. Oktober 1923, also einen Tag nach der Republiksgründung schreibt Mustafa Kemal Pascha handschriftlich einen Brief an Ismet Pascha.

ARD: Zwischen den Zeilen habe ich meine Sichtweise der Dinge dargelegt.

Der Text und die Kopie liegen in dem Buch “Atatürk Milliyetçiliği.” (Parola Verlag) vor.

Der Brief zeigt ein osmanisches Erbe, das die Gesichter erröten lässt, und zeigt aus welchen Anfängen die Republik bis zum heutigen Tag gelangt ist.

Atatürk stellt fest, dass man zwar einen großen militärischen Sieg errungen hätte, dennoch würde man noch am Anfang stehen und bei Null anfangen.

ARD : Atatürk drück sich recht optimistisch aus, zumal der Nullpunkt für die junge Republik unerreichbar weit weg zu sein scheint.

Die Feststellungen sind einmalig. Lange Rede kurzer Sinn. Hier ist die Übersetzung des Briefes:

* * *

Mein Lieber Ismet Pascha,

dich stelle ich mir als den ersten Ministerpräsidenten der Republik vor. Halt, sag jetzt nicht sofort ‚Nein‘.

Ich sage dir, warum ich mich für dich entschieden habe.

Uns erwartet wieder ein großer Krieg. Einen Teil davon kennst du als Frontkommandant und Hauptdelegierter bei den Verhandlungen zum Lausanner Vertrag natürlich selber.

Nach deiner Rückkehr aus Lausanne hast du uns selbst berichtet, dass die großen Nationen unsere katastrophale Lage kennen und damit rechnen, dass wir uns bald ergeben werden.

ARD: Hier ist feinstes diplomatisches Geschickt gefordert. Die Gefahren auf politischer Ebene abwehren und dennoch die wirtschaftliche Lage und das Elend des Volkes in Ordnung bringen.

Ich sage dir aber jetzt etwas noch traurigeres und resümiere unsere momentane Lage.

Wir haben ein überschuldetes und krankes Land geerbt.

Wir sind eine Nation, die aus einer bettelarmen Landbevölkerung besteht.

Wir haben kaum Straßen, die über vier Jahreszeiten dauerhaft benutzt werden können. 4.000 km Schiene, wovon uns nicht ein Meter gehört. Außerdem nicht ausreichend. Wir müssen das Land vom Norden bis Süden und vom Westen bis nach Osten zu einer Einheit werden lassen.

Wir müssen der Bevölkerung Land und zwei Ochsen geben und diese zu Bauern werden lassen.

ARD: Die Agas und Scheichs sind zu Zeiten Erdogans wieder auf der Bildfläche erschienen. Er hat sie noch letzte Woche in seinem Palast empfangen, wollte aber nicht, dass sie fotografiert werden. Man sah sie nur bei einigen TV Interviews, wo sie voller Inbrunst verkündeten, dass sie hinter der Partei Erdogans stehen. Zeitreise zurück!

Wir müssen die Situation in Ordnung bringen und das Volk retten. Die Geldverleiher nehmen das Volk vielerorts aus.

Eigentlich sollen wir ein Agrarland sein, nur das Mehl für unser Brot müssen wir aus dem Ausland kaufen. Die Rinderpest vernichtet unsere Rinderzucht.

Wir haben 337 Ärzte, 434 Gesundheitsbeamte und 136 Hebammen.

Apotheken haben wir nur in den wenigsten Städten.

Die Seuchen töten unsere Menschen. 3 Millionen Menschen haben alleine Trachom (Erkl.: Stark ansteckende Krankheit, lässt die Menschen erblinden).

Malaria-, Typhus-, Tuberkulose-, Syphilis- überall (Erkl. : Hat die Republik gänzlich in der Griff bekommen).

Das sind ernste Probleme.

Das halbe Volk ist krank. Die Kindersterblichkeit liegt bei über 60%. 80% der Bevölkerung lebt auf dem Lande und ein Großteil davon sind Nomaden.

Telefon, Motoren und Maschinen haben wir nicht.

ARD: Erinnern wir uns an Deutschland nach dem Krieg: 80 bis 85 Prozent der Produktionskapazitäten unzerstört geblieben. Was eine Industrie kann, der alleine in der Lage ist 25.000 Flugzeuge im Jahr zu produzieren, kann man sich unschwer vorstellen.

Die Industriegüter kaufen wir alle aus dem Ausland. Sogar die Ziegelsteine müssen wir im Ausland kaufen. Strom gibt es nur in Istanbul und in einigen Vororten von Izmir.

 Die Feinde haben 830 Dörfer komplett vernichtet. 114.408 Gebäude wurden in Brand gesteckt. Wir müssen fast das ganze Land nochmals neu aufbauen.

 Es gibt alleine über 400.000 Flüchtlinge aus Griechenland.

ARD: Die Flüchtlinge und die Türkei scheinen untrennbar zu sein. 

Unsere Wirtschaft und der Bildungsstand sind mitleiderregend. Wir haben kaum Ökonomen

Nur ¼ der Schulpflichtigen können eine Schule besuchen. Um die Bildung der Bevölkerung hat sich niemand gekümmert.

Eigentlich muss die Republik Menschenmaterial heranschaffen und die Front der Ehrenhaftigkeit muss gestärkt werden.

ARD: Eine ganz starke Feststellung. Ein Mann zeigt abermals seinen tadellosen Charakter und nimmt ein Wort in den Mund, der heutzutage im türkischen Sprachgebrauch nicht vorkommt: EHRENHAFTIGKEIT . Das Volk und die Menschen sollen die Ehre zurückbekommen, eigentlich erstmals bekommen, die sie nie gehabt haben. Durch die Jahre des osmanischen Reiches lebte nur der Sultan, alle anderen waren seine Untertanen. ‚Ehrenhaftigkeit‘, ‚Menschenwürdiges Leben‘ waren auf diesen Böden jahrhundertelang Fehlanzeige.

Die Kulturwerte und Historisches wurden und werden außer Landes geschafft. Die Berichte sind detailliert und geben bittere Wahrheiten Preis.

ARD: Die ausländischen Museen sind voll mit diesen. Eigentlich aus Anstand und Ehre allein müssten diese wieder an die Türkei zurückgegeben werden.

Gebe diese Informationen auch an die Minister und den Parteivorstand weiter. Sie sollen komplett informiert sein.

Unser Budget und unser Einkommen reichen nicht aus. Ich habe da eine Idee, wie wir aus der wirtschaftlichen Misere herauskommen können. Das erkläre ich dir, wenn wir uns sehen.

Unser Ziel muss die ökonomische Unabhängigkeit und zwar die dauerhafte wirtschaftliche Unabhängigkeit sein.

ARD: Der Große spricht hier ein Satz aus, denn man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Vorbei damit. Die letzten 10 Jahre wurden die schwer erschaffenen Sahnehäubchen der türkischen Wirtschaft vollends an die Ausländer veräußert. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit ist Geschichte.

Die Osmanen haben diese Situation zu spät erkannt und als sie es gemerkt hatten, war es zu spät.

ARD: Nach hunderten von Jahren haben die Osmanen das Ganze zu spät erkannt. Halte das Volk dumm und bleibe an der Spitze war auch schon damals die Methode.

Wir müssen der Republik eine entsprechende Verfassung geben. Um aus dieser Misere herauszukommen haben wir weder ein Beispiel noch einen Erfahrungswert zur Verfügung.

Wir dürfen nicht aufgeben und uns mit vorläufigen Lösungen abgeben. Um das Volk zu retten, die Probleme zu lösen, einen Aufbruch auszulösen, weiterzukommen und zu einem souveränen Volk zu werden, das Niveau des Jahrhunderts zu erreichen, kurz und bündig: mit der Zeit zu gehen. Diese Ideale müssen wir erreichen.

Dieses Ideal vor Augen habend, sind wir hierhergekommen. Wir müssen ab jetzt noch schneller vorwärts schreiten. Den geeigneten Weg hierzu werden wir gemeinsam suchen und finden.

Wir werden für die armen und gefangenen Nationen ein Beispiel abgeben.

ARD: Der Große umarmt alle Nationen dieser Welt in gleicherweise und denkt für sie mit.

Das Schicksal hat diese heilige Verantwortung unserer Generation auferlegt.

ARD: Besteht die Möglichkeit, dass wir Anschluss an diese Generation knüpfen können, oder müssen wir auf den Atatürk II. warten?

Ich wollte die Schwere und die Ehre dieses Auftrages mit dir teilen.

Allah möge uns beistehen !

Mustafa Kemal Atatürk

Bei der ersten offiziellen Volkszählung von 1927 betrug die Einwohnerzahl der Türkei 13,6 Millionen.

Der Große ist für die meisten Worldleader der Größte überhaupt. Jetzt die Frage hinterher. Warum geben die Türken immer wieder Deutschland als Beispiel an, wenn sie über Fortschrittlichkeit, Willenskraft und Zielstrebigkeit reden? Was Atatürk und die Türkei geschaffen haben und das in so kurzer Zeit, dass ist wahrlich nicht zu überbieten.

1979 war die Türkei 16. größte Wirtschaft der Welt (heute 18.)

Hier noch ein Kommentar meines Freundes Haci Emre Parlatan, der den Nagel auf den Kopf trifft:

Keine Stimme , keinen Ton, kein Gefühl und keinen Gedanken kann ich nach erneutem lesen dieses Briefes erfassen. Unglaublich und unfassbar sind adjektive die die Siuation von Atatürk als Verantwortlichen widergeben. Welch ein Mut welch ein Tatendrang ohne zu Verzweifeln? Oh Atatürk Mustafa Kemal Atatürk Du grosser Mensch, ich kann Dir nur meine armselige Hochachtung und tiefe Ergebenheit bieten. Niemals vergessen werde ich deine Taten und deine Weitschicht, ich verspreche Dir auf deinen Spuren zu wandeln und niemals diesen Pfad zu verlassen. Danke Atatürk Du wirst in der Seele der Türken auf ewig existieren.

(*) Wolfgang König: Die siebziger Jahre als konsumgeschichtliche Wende in der Bundesrepublik. In: Konrad H. Jarausch: Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte. Göttingen 2008, S. 84–99.
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