WARUM? ……. Da liege ich nun. Mit dem Gesicht im Sand.

Da liege ich nun.

Mit dem Gesicht im Sand.

Meine kleinen Ärmchen an meinem Körper entlanggestreckt. Nunmehr leblos.

Ich bin TOT.

Nein nicht einfach gestorben. Sondern TOT.

Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern – aber irgendwie ging alles so furchtbar schnell. Nur meine Qualen wollten nicht aufhören. Als ich keine Luft mehr bekam im tiefen Wasser der Ägäis.

Meine kleinen Lungenflügel füllten sich mit dem Salzwasser das eigentlich die Heimat der Fische ist. Bin ich ein Fisch – dachte ich in einem kleinen Moment bevor ich keine Luft mehr bekam und von den Wellen des Meeres durchs Wasser gewirbelt wurde.

Nun – weiß man nicht mal wer ich bin!

Ich kann es ihnen nicht mehr sagen. Ich kann es euch nicht mehr sagen. Ich habe viele Namen.

Zu viele, als das ihr sie alle in eurem Gedächtnis halten könntet. Aber es wird euch auch nicht lange interessieren. Mein Bild wird bald aus euren Köpfen verschwunden sein. Mein ICH, mein toter Körper am Strand – mein Gesicht das sich am Strand von Bodrum vergräbt.

WARUM?

Warum ich?

Was wenn nicht ich sondern andere noch bevor sie auf die Menschheit losgelassen worden wären diese Schicksal erlitten hätten?

Was wenn ich Hitler gewesen wäre?

2. Weltkrieg – 50 Mio. Tote – Holocaust – Atombombe – Vertreibung … nur eine Horrorgeschichte? Trotz Friedensapellen, Trotz Parlamenten und Demokratien, trotz Wissenschaften und Humanismus, trotz Kirchen, Moscheen, Synagogen, Friedensnobelpreisen, trotz Völkerbünden – trotz des schrecklichen 1. Weltkrieges …

Warum ich – war ich so gefährlich für euch?

Das ich nicht mal das Schulalter erreichen sollte … ?

Wo ist das Happy-End?

Wo die Telenovela die doch alles wieder gut macht?
Hollywood … wo bist du wenn man dich mal braucht?
Epochale Erzählungen, Blockbuster, Spannung, Action und die Freude vor dem Abspann.

Ich konnte nicht schwimmen. Und meine Sachen wurden schwer im Wasser – sie zogen mich runter. Ich strampelte so lange ich konnte – bis ich keineKraft hatte- bis ich nicht mehr atmen konnte, bis ich …

Meine Eltern hatten mich nie auf diese Situation vorbereitet.

Ich hatte schon zu viel gesehen – aber noch weniger verstanden. In letzter Zeit wurde es sehr laut in unsere Gegend.

Schreie, Gewehrschüsse, immer laufende Menschen, eine bedrohliche Hektik beherrschte meine Heimat.
Plötzlich wurde es laut auf dem Boot und ich war verschwunden.
Mein Vater konnte mich nicht mehr festhalten. Ich hatte schon Tage auf seinem Arm verbracht – durch viele Gegenden und Ländern die ich vorher noch nie gesehen hatte – waren wir unterwegs.
Es war sehr heiß. Ich habe immer geschwitzt und hatte immer zu Durst. Am Ende ertrank ich …

Ich – das Kind ohne Namen. Ich hatte nie gewusst, dass ich einen Ausweis haben musste damit ich ICH sein konnte. Jeder rief doch immer nach mir.
Ich dachte es würde ausreichen wenn ich lebe um glaubhaft zu machen, dass es mich gibt.

Mein Name wird schnell aus dem Gedächtnis verschwinden – noch schneller aus dem Gewissen ….

Ich war Aylan.

Was hätte ich alles werden können?

Neil Armstrong, Charles Darwin, Alfred Nobel, Wolfgang A. Mozart, Friedrich Schiller, Nicolaus August Otto, Leonardo Da Vinci, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Dalai Lama ….

Aber, ich bin Aylan – und tot!

Noch bevor ich richtig leben konnte, noch bevor ich lesen und schreiben konnte, noch bevor ich mit meinen kleinen Händen große Dinge bewegen konnte, noch bevor ich mich zum ersten Mal in meinem Leben verlieben konnte … nur weil ich flüchten musste aus meinem geliebten und kuscheligen Bett, meine Lieblingsspielsachen liegen lassen musste. Die Wohnung, Straße und meine geliebte Heimat verlassen musste.

zavalliWARUM?

Herr Victor Orban – sie treffen sich heute mit ganz vielen schlauen Leuten in Brüssel um 8 Mio. Euro zu verdienen – damit meine Brüder und Schwestern nicht durch ihr wunderschönes Land reisen. Sie bauen Meterhohe und Kilometerlange Zäune – und waren noch selber vor nicht allzu langer Zeit selber hinter einem Zaun und haben geweint.

Warum darf ich nicht durch ihr Land? Wie gefährlich bin ich für sie?
Mister Cameron und Monsieur Valls geben Millionen aus um den Ärmelkanal vor Kindern wie mir zu schützen – Europa beauftragt ihre selbstgegründete Agentur Frontex für 3 Millionen Euro im MONAT das Mittelmeer vor mir zu schützen und Deutschland gibt 20 Milliarden Euro aus um die Hypo-Real Estate zu „retten“.

Alle müssen geschützt werden. Ich war wohl zu viel …

Ich werde den Machenschaften von Schleppern ausgesetzt – die keiner ausfindig machen will – trotz Interpol, CIA, KGB und den besten und raffiniertesten Technologien seit dem die Menschheit existiert.

Ich wollte keinen Krieg in meiner Heimat, ich wollte nicht fliehen, ich wollte nicht sterben.
Irgendwo an einem Strand wo sich sonst Urlauber Sonnen – in einem mir unbekannten Land.

Ich wollte nicht mit meinem Gesicht im Sand liegen, leblos, tot und mit Wasser in meinen Lungen – so das ich keine Luft mehr bekommen konnte.

Ich wollte noch ein bisschen durch das Leben hopsen auf meine kleinen Beinchen und fröhlich sein. Die Blumen wachsen sehen und die Sterne am Nachthimmel zählen.

Ich – meine Schwestern und Brüder – mein Vater , meine Mutter – meine Onkel und Tanten. Wir wollten nur Leben. Denkt an die kleine Phan Thị Kim Phúc – damals im Vietnamkrieg, wie sie mit ihrem von Napalm verbrannten Körper durch die Straße irrt. Denkt an die Toten der Weltkriege und der endlosen Kriege danach und nahezu überall auf der Welt. Es sind alles meine Brüder und Schwestern.

Aber ihr wollt es irgendwie nicht sehen.

Es ist euch egal.

Ihr verfolgt andere Interessen. Erdöl, Waffenexporte, Macht und Politik. Kaltes Geschäft. Das imponiert euch. Das ist stark – das ist faszinierend.

Es macht tot

Derjenige der das gerade alles aufschreibt ist traurig. Er hat meinen Tot nicht verhindern können. Er und viele anderen Millionen.

Er zeigt mein Bild als Warnung und Hilfeschrei – für seine Ohnmacht und seine Trauer.

Es tut mir Leid nicht mein schönstes Lächeln für das Bild aufsetzen zu können. Aber wenn mein lebloser Körper am Sandstrand der Ägäis – irgendetwas bewegen kann, etwas ändern kann – andere retten kann – dann ist es mir das Wert.

Vergisst mich nicht – ich wurde nie gefragt.

Morgen werden irgendwo auf der Welt, Delphine, Wale und andere Tiere an Land geschwemmt werden. Rettet sie!

Aber bitte – sorgt dafür, dass es keine Menschen sind – wenn ihr Menschen seid.

Aylan – 3 Jahre alt – Syrer

BITTE!

Pappnas KEM-Cologne@WUT-ENTÄUSCHUNG-OHNMACHT-TRAUER

Titelfoto : lifeline.de
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