Das türkische Fernsehen – Volksverdummung auf höchstem Niveau

Die politische Situation in der Türkei interessiert die im Land lebenden Türken am wenigsten (es sein denn, sie sind Tastenhauer bei Social-Media). Sie haben nämlich keine Zeit. Wie den auch ?

Ein Türke schaut am Tag (laut Türkstat) 6 Stunden Fernsehen, liest 1 (eine) Minute Buch und verbringt 3 Stunden am Internet. Dabei hat Türkstat leider die gesamte Bevölkerung genommen und keine Unterscheidung gemacht, ab 15 oder ab 18 Jahre.

Geht man also von Volljährigen aus, dürften 9 Stunden Fernsehen und 5 Stunden Internet am Tag durchaus die Normalität sein. Jetzt werdet Ihr fragen : “Ja, wann arbeiten diese Menschen denn ?”.

Das ist in der Zeitangabe zur Internetnutzung mit enthalten. Ausgehend davon, dass die eCommerce Plattformen den meisten Umsatz zwischen 10-12 Uhr und 14-16 Uhr generieren, dürften die Internetnutzungs- und Arbeitszeiten identisch sein.

Gäbe es Endemol Productions aus den Niederlanden nicht, müsste es erfunden werden. Die Türkei könnte sonst nicht existieren. Fast alle Formate des Unternehmens laufen mit einem riesigen Erfolg. So ein Hype gibt es sicher sonst nirgendwo.

Utopia z.B., wo die auf einem Hof isolierten Teilnehmer sich in die Haare geraten, sich beleidigen und total öde die Zeit totschlagen. In der Türkei kommt es richtig gut an. Jeder der Teilnehmer hat Fan-Gemeinden. Der Vorangegangene Tag wird zuerst über eine Stunde resümiert. Dann kommt die neue Folge. Ein Nachbetrachtung mit Ex-Teilnehmern von anderen Shows diskutieren dann nochmals stundenlang, das Warum und Wieso.

Man kann es aus zweierlei Blickwinkeln betrachten. Entweder verblöden die Menschen, weil sie solche Sendungen schauen, oder und das ist die wahrscheinlichere Variante, sie schauen solche Sendungen, weil es im Besonderen anspricht (noch softer kann ich es nicht ausdrücken).

Übrigens, das Utopia-Gemeinde muss bis weit nach Mitternacht wach bleiben. Die Sendung kann erst so spät ausgestrahlt werden, weil davor jeder Sender die Top-Serie zu bieten hat. Auch hier eine Zusammenfassung von einer Stunde von der Vorwoche und dann 2-3 Stunden das aktuelle Teil der Woche. Dabei passiert bei den Serien herzlich wenig. Wie den auch ? Eine Serie, wo das Drehbuch aus den USA eingekauft wurde (Drehbuch für 20 Minuten pro Folge) wird hier auf 2-3 Stunden gestreckt. So können zwar reichlich Werbeeinblendungen platziert werden, jedoch artet die Serie zu einem Foto-Roman. Minutenlang schauen sich die Menschen in den jeweiligen Szenen an und spielen auf Zeit. Volksverdummung auf höchstem Niveau.

Gegen 19 Uhr wird noch eine Nachrichtensendung dazwischen geschoben. Weltnachrichten gibt es nicht. In fünf Minuten werden die Türkei Nachrichten abgehandelt. In diesen 5 Minuten wird der Name Erdogan gleich 60 Mal  erwähnt. Spricht man den Namen ‘Präsident Erdogan’ in einer Sekunde aus, so bleiben für sonstige Inhalte noch 4 Minuten. Dabei dauern die Nachrichtensendungen, mit Werbeblocks eine Stunden. Die weiteren Nachrichten werden von den Anchorman und Anchorwoman mit folgenden Sätzen verkündet : “Die Sicherheitskameras haben diese spannenden Augenblicke, Sekunde für Sekunde aufgezeichnet. Schauen wir es uns an !” (Simdi göreceklerinize sasiracaksiniz. Bu olayi güvenlik kameralari an ve an kaydettiler. Seyredelim !”.

tvturkEntweder krachen zwei Autos zusammen,oder einer wird überfahren, oder ein Juwelier wird ausgeraubt, oder eine Frau wird von ihrem Mann auf offener Straße geschagen, oder …

Hin und wieder gibt es auch die Nachricht “Die Sakarya Universität hat uns zur besten Nachrichtensendung im türkischen Fernsehen auserkoren. Wir danken dafür recht herzlich”.  Grundsätzlich wählt jede Universität eine Nachrichtensendung zum “Besten” im Lande und das Jahr für Jahr. Da muss man echt an den türkischen Akademikern zweifeln. Wo bleibt der Tiefgang ?

Fängt die Fußballsaison an, wird es noch dümmer. Live werden die Liga-Spiele über Pay-TV ausgestrahlt. Ansonsten darf nur der staatliche Sender TRT die Nachbetrachtungen mit Spielausschnitten bringen. Alle anderen Sender bzw. die Fußballkritiker (das ist in der Türkei ein Berufsbild) diskutieren stundenlang trocken dahin. Keine Bilder aber dafür wirklich stundenlang. Am Ende ist nicht der Gärtner aber der Schiedsrichter  der Mörder. Er hatte wieder einmal das Spiel auf dem Gewissen.

Ach so, Big Brother geht wieder los. 30.000 wollen zu den glücklichen 8 gehören, die sich Wochenlang vor Publikum produzieren und am Ende als eine Berühmtheit ihr Leben weiterleben werden. Evtl. gehen sie auch in die Politik.

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