Verkäuferin der traurigen Gestalt

“Arbeiten hier eigentlich alle Menschen ungern ? Warum schauen die alle so trostlos rein ?” fragte mein Bruder als er aus der Schweiz zu Besuch in der Türkei war.

Wenn das die erste Beobachtung eines Einreisenden ist, dann gute Nacht. Besonders in der Tourismusbranche, wo ja das Lachen, ein Bestandteil der Arbeit ist.

“Bei Mindestlohn ist Lachen nicht inklusive” habe ich geantwortet und auf die Tabelle am Ausgang von diesem Kaufhaus gezeigt. Dort steht : “Hier wird der gesetzliche Mindestlohn von 949,07 TL (316,- EUR) bezahlt”.

Die Miete in Antalya kann mit diesem Betrag, samt Nebenkosten, in einer einigermaßen wohnlichen Gegend, gerade mal bezahlt werden.

“Meinst du, dass da noch Platz zum Lachen ist ?” fragte ich meinen Bruder.

Das ist leider die bittere Realität. 6 Tage in der Woche jeden Tag fast 11-12 Stunden (inkl. Fahrzeit) von zuhause weg sein und gerade mal die Miete bezahlen können.

Von den 26 Mio. Arbeitnehmern (74 Mio. Bevölkerung) arbeiten 15 Mio. zu Mindestlöhnen. Es gibt da noch die Zahl von 7,2 Mio. Menschen, die im Monat unter 400 TL Einkommen haben. Für die zahlt der Staat die Krankenversicherungsbeiträge, damit eine Grundversicherung gewährleistet ist. Diese Regelung gibt es übrigens seit 2012. Davor waren diese Menschen und deren Familien alle nicht kranken versichert.

Wie die Menschen ihr Leben meistern, das bleibt deren Geheimnis. Die Vermutung, sie könnten noch Nebenjobs haben, ist eine Legende. Die Zeit dafür haben sie nicht.

Nochmals mein Lieblingsbeispiel :

4köpfige Familie. Jeden Tag wird zum Frühstück, Mittag- und Abendessen Simit (Sesamringe) gegessen und Ayran (Milchgetränk) getrunken. Jeweils ein Simit und Ayran kosten 2 TL. Also gibt unsere Beispielfamilie am Tag 24 TL aus. Satt sind sie nicht, eher einseitig und unterernährt.

In einem Monat geben sie für Simit und Ayran 720 TL aus. Diese Familie hat aber noch kein Dach überm Kopf, hat kein Wasser getrunken, hat keine Kleidung u.v.a.m. nicht. Zu Schulbeginn müssen die Kinder mit Schuluniform, Schreibwaren u.a. ausgestattet werden. Fehlanzeige. Kein Geld da.

Nur, schaut man die einzelnen an, leisten sich manche sogar ein Auto. Drei Mal Volltanken und der Mindestlohn ist weg. Ich sage ja, ich kenne nur den Teil, dass diese Familien auf Pump leben und der Rest bleibt deren Geheimnis.

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