Mein Vater war ein Wandersmann

Mein Vater war ein Wandersmann und fühlte sich nur im Reisezustand wohl. Er war zum ersten Mal als Student 1952 nach Deutschland eingereist.

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Ganz rechts 🙂

Danach ging es für ihn und später mit der Familie, zwischen Deutschland und Türkei, hin und her.

Ich war als Einjähriger, und dann als 5 und 6 jähriger in Deutschland. Die letzte Einreise, wonach wir in Deutschland ausschließlich lebten, erfolgte 1971. In dem Jahr wurde unser Vater als Berater für die Deutsche Entwicklungsgesellschaft nach Frankfurt bestellt.

Als ich 5-6 Jahre alt war, lebten wir in Aachen. Aus der Zeit möchte ich über eine interessante Begebenheit berichten.

Ich besuchte zuerst ein Kinderhort und anschließend die 1. und 2. Klasse der Grundschule. Nach 2-3 Monaten Schule wurden meine Eltern zur Schule bestellt. Wie sie mir später erzählten, waren sie voller Sorge dort hin gegangen und wussten nicht, was sie zu hören bekommen würden.

Es war etwas Erfreuliches. Man wollte mich auf die zweite Klasse versetzen. Warum wohl ? 😉 Schon ging ich auf die zweite Klasse. Mit den Halbjahreszeugnissen hat man meine Eltern abermals in die Schule bestellt. Was könnte es dieses Mal sein ?

Man wollte, dass ich in die dritte Klasse gehe und das Halbjahr dort abschließe. Meine Eltern sagten der Schulleitung, dass wir mit dem Beginn der Schulferien wieder in die Türkei zurückgehen würden und man uns nicht abnehmen würde, dass ein sechsjähriger mit dem Zeugnis der 3. Klasse dort erscheint.

Mit dem Zeugnis der 2. Klasse kam ich dann in der Türkei an. Da die Erenköy Ilkokulu auf der Bagdat Cad. unserer Wohnung am Nächsten war, sollte ich dort auf die 3. Klasse gehen.

Es kam, wie es kommen musste. “Hmm, 6 Jahre alt und 3. Klasse ?”. Wir sollten eine Bescheinigung mit Apostille vom deutschen Kultusministerium bringen, dass mein Zeugnis echt war. Mein Vater erzählte mir, dass er dafür fast zwei Monate gebraucht hätte.

Die Bescheinigung war da. Jetzt musste ich nur noch eine kleine Aufnahmeprüfung ablegen und schon konnte es losgehen. Ich weiß noch, dass ich nicht hin wollte und fürchterlich geweint habe.

Da stand ich nun. Die Eltern vor der Türe draußen und ein Gremium von 6-7 Lehrern vor mir.

Zuerst wurde mir eine Frage aus dem Türkischen gestellt. Leider gab es damals keine Multiple-Choice-Fragen, wo ich hätte etwas ankreuzen können, wo ich doch nicht einmal verstanden hatte, was die von mir wollten. Da es nur diese eine Frage gab, konnte ich die Frage auch nicht zurückstellen. 🙂 Wie den auch, mit sechs Jahren. Keine Antwort.

bölme

7 : 2 = Alles klar ?

“Gehen wir zu Mathematik über” sagte einer der Lehrer. Man schrieb die Aufgabe an die Tafel. Zuerst sollte ich zwei Zahlen addieren. Wie sollte ich das tun, wo die Zahlen dort untereinander geschrieben standen ? Ich kannte das aus Deutschland anders. Geschockt war ich außerdem.

Um es mir dann einfacher zu machen, sollte ich dividieren. Fehlanzeige. Wo war das Doppelpunkt zum Teilen ? Was war das für ein komisches Zeichen ? (siehe Foto). Keine Antwort.

Dann waren wir schon bei der letzten Frage angelangt. Es ging um Völkerkunde. Dass es Völkerkunde war, erzählte man mir später, als alles vorbei war. ‘Keine Antwort’ war das Ergebnis.

Heulend ging ich aus der Klasse raus. Am Ende des Gangs warteten bereits meine Eltern, die mich in die Arme nahmen. Besonders herzlich umarmte mich meine Mutter und sagte : “Aferin benim evladima, basardin !” was so viel heißt : “Sehr gut mein Junge, du hast es geschafft”.

Ich weinte auf einmal nicht mehr. Mit meinen sechs Jahren war die Welt sehr verworren. Ich hatte doch nichts gesagt, wir konnte ich da die Aufnahmeprüfung geschafft haben ?

Erst Jahre später, als ich für einen deutschen Auftraggeber ähnlich agieren musste, verstand ich, was mein Vater damals für mich tat.

Foto : Meine Mutter Leyla, mein Bruder Memo, ich und nicht auf dem Foto ist mein Bruder Ömer.

 

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