Helfen sollte man schon, aber wie ?

So viele rührige Geschichten, die einen nicht kalt lassen. Zum Ramadan-Monat werden diese ausgegraben, aufgewärmt und erzählt.  Wahr oder erfunden, es klingt gut. Rührig alle Male.

Ich bin kein gläubiger Mensch, aber Mensch mit zuviel Herz. Nicht nur im Ramadan Monat, sondern auch sonst. Die Menschen und die Geschehnisse lassen mich nicht kalt. Mein 360 Grad Radar hat sie alle drauf. Ich nehme Anteil daran.

Ein Mann kaufte im Supermarkt jedes Mal, wenn ich ihm begegnete 1 Brot. Dieses war deshalb so auffällig, weil die Türken sogar Nudeln mit Brot essen. Verwandten von mir kaufen zu jeder Mahlzeit 4 Brote für drei Personen. Deshalb sehr ungewöhnlich, dass dieser Mann, auch wenn er alleine lebte, nur ein Brot kaufte.

Einmal packte mich die Neugier und ich folgte ihm. Weit konnte er nicht wohnen, wenn er sein Brot immer in dem einen Laden kaufte. Sein nichtssagender Gesichtsausdruck, sagte mir, dass er unmöglich Spaß an diesem Leben haben konnte.

Er ging 20 Schritte vor mir. So konnte ich zufällig sehen, wo er wohnte. In einem der lieblos gebauten älteren Häuser in Alanya. Zwei Etagen, rundum Balkon. Ich merkte in der Dunkelheit, dass die Scheiben des Hauses zerschlagen waren. Unbewohnt ?

helpDann sehe ich auch, dass er den Eingang des zweistöckigen Hauses nicht benutzte und am Haus vorbei in den hinteren Garten ging. Von Neugier gepackt, musste ich sehen, wo er wohnt. Ich drehte eine Runde um den Block und hatte von hinten einen freien Blick in den Garten. Er lebte in einer Baracke von 4 x 5 Metern. Anders konnte man die Behausung nicht beschreiben. Seine zwei Kinder (ca. 3 und 5 Jahre alt) und die Ehefrau warteten beim gedeckten Tisch, im Garten vor der Behausung aufgestellt, auf ihn. Es gab Suppe und 1 Brot.

Der Abend, der Tag, die Tage wären für mich unerträglich geworden, wenn ich nichts tun würde. Ich bekam bedrückende Gefühle. Was tun ? Die Familie lebte ca. 400 Meter von mir entfernt in Elend.

Am nächsten Tag kaufte ich für diese Familie Lebensmittel ein. Nur, wie sollte ich die Sachen denen geben? Wie würde die Familie dieses aufnehmen ? Würden sie es wie Allmosen sehen und sich noch schlechter fühlen ? Fragen über Fragen schossen mir durch den Kopf. Ich beschloss, die Tüten auf den schmalen Weg, an der Seite vom Haus zu legen, welches zur Baracke im hinteren Garten führte.

Ich hatte Herzklopfen, als ob ich etwas Verbotenes täte. Den richtigen Zeitpunkt abpassen, nicht erwischt werden und überhaupt. Zuhause musste ich mit einer Notlüge aufwarten, dass ich Heißdurst auf Cola hätte. Nur, danach war ich fast 2 Stunden weg.

Der Einkauf hatte 10 Minuten gedauert, die Tüten dort abzustellen fast eine Stunde. Kurz von 22 Uhr bot sich eine Gelegenheit. Die Kinder hielten sich auf der entfernteren Seite vom großen Garten auf, die Eltern auch. Da habe ich die Einkaufstaschen schnell hingestellt und weg. Damit die Tüten von der Familie, vor den Hunden und Katzen gefunden werden, habe ich eine leere Konservendose hinten in den Garten geschmissen, damit es Krach macht und weg war ich. Bevor ich weggegangen bin, konnte ich noch die Mutter sagen hören “Wer hat das den jetzt hierhin geschmissen ?”.

Also wurden die Tüten gefunden. Die Spannung ließ nicht nach und ich konnte mich nicht beruhigen. Es war eigentliche eine komische Situation. Man hätte mich 10-12 Stunden mit der versteckten Kamera filmen müssen. Als ich zuhause ankam schlief mein Sohn schon. Sicher war er böse auf mich, dass ich ihn nicht ins Bett gebracht habe. Meine Frau gab viel Nettes von sich: “Wenn du allein sein willst, sag Bescheid. Cola holen gehen und dann zwei Stunden wegbleiben”. Wer schweigt, kann auch triftige Gründe haben.

Schnell noch geduscht und ab ins Bett. Ich stellte mir immer wieder die Familie vor. So lange, bis der Wecker um 4:30 Uhr ging, ich um 6 Uhr im Shuttle zum Airport saß, um 9:00 Uhr in Istanbul war und um 11 Uhr meinen Termin mit einem CEO von einer großen deutschen Holding wahrnahm. Ich sage ja, man hätte mich mit der versteckte Kamera filmen müssen. Der Mann, der am Vorabend in fremden Gärten sich rum treibt, sitzt 12 Stunden später mit Anzug beim Termin.

Auf dem Rückflug am Abend, wie so oft am Tag, musste ich an diese Familie denken. Dass die Kinder jetzt richtig gut zu essen auf dem Tisch hatten. Die Glücksgefühle dauerten aber nicht lange. Wie sollte es jetzt weitergehen ?

Jetzt hatte ich die Kinder und die Familie auf den Geschmack gebracht. Eine Woche lang sich die Bäuche voll schlagen und dann ? Hatten sie überhaupt ein Kühlschrank für das Fleisch ? Hatte ich der Familie sogar etwas schlechtes getan ? Sollte ich jetzt so weitermachen, oder wie sollte es weitergehen ?

Zwei Tage später habe ich den Familienvater abgepasst. “Entschuldigung, darf ich Sie mal fragen, suchen Sie vielleicht Arbeit ? Mein Freund sucht in seinem Hotel einen Mitarbeiter für die Gartenarbeit”.

Er wäre frei, sagte er. Ich musste auch in diesem Fall alle Eventualitäten einkalkulieren. Es musste ein Arbeitgeber sein, der korrekt zahlt. Die meisten Arbeitgeber in der Türkei lassen die Mindestlohn-Empfänger arbeiten und spucken sie dann aus. Ohne jemals Gehalt empfangen zu haben, ziehen diese dann weiter. Das sollte im Fall von Hasan nicht passieren.

Ich brachte Hasan zu seinem neuen Arbeitsplatz. Ich erfuhr dabei, dass er in den letzten 5 Jahren 7 verschiedene Stellen hatte, nie krankenversichert war und im Ganzen nur 2 Monatsgehälter Lohn ausbezahlt bekam ( in 5 Jahren !!!).

Ich habe ihm gesagt, dass ab jetzt alles anders werden würde. Die schlechten Zeiten wären vorbei. Mein Freund, der Hoteldirektor ist durch und durch korrekt, habe ich ihm berichtet. Geglaubt hat er bestimmt nicht, aber es klang dennoch wie Musik in seinen Ohren, das konnte man ihm ansehen.

Ich hatte noch drei Überraschung für ihn parat. Der Hoteldirektor sagte ihm, dass er mit seiner Familie in den Mitarbeiterwohnungen wohnen könne. Auch wenn das Hotel nur in der Saison geöffnet war, so müsste die Gartenarbeit 12 Monate lang gemacht werden. Also war er kein Saisonarbeiter. Da er ja jetzt aus der ach so weiten, 25 km entfernten Alanya, umziehen musste, bekam er noch 1.000 TL Umzughilfe. Das Wort mussten wir in Türkisch erst einmal für ihn erfinden.  😉

Mein Freund, der Hoteldirektor, hat vor einem Jahr einen noch besseren Job in Antalya bekommen. Da er mir sein Versprechen gegeben hat, nahm er Hasan mit. Hasan habe ich seit seinem ersten Arbeitstag damals nicht mehr gesehen oder gesprochen. Mein Freund der Hoteldirektor hat mir aber berichtet, dass jeder Angestellte im Hotel von Hasan höchstpersönlich seine Geschichte erzählt bekommen würde. Übrigens, in der Geschichte von Hasan würden auch die im Garten gelassenen Lebensmittel vorkommen. Also hat er doch gewusst, dass ich das war.

Einmalhilfen ? Besser überhaupt nicht helfen.

 

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