Der Lotsenlehrer nahm mir die Luft weg – Berufsberatung in der Türkei

In den türkischen Schulen gibt es sogenannte Lotsenlehrer (Rehber Ögretmen). Was diese auszeichnet bzw. auszeichnen soll bleibt für mich im Verborgenen.

Das türkische Bildungssystem ist schon keines mehr. Das kritisieren fast alle. Ich bin noch nie einem begegnet, der es gutheißt. Warum es dieses in der Form noch gibt…

Ich denke, dass es gewollt ist. Die Wirtschaft der Türkei kann ausländische Direktinvestitionen nur dann anziehen, wenn die Mindestlöhne so niedrig wie möglich bleiben. Wie kann man dieses am besten tun ? Das Bildungsniveau so niedrig wie möglich halten.

Auch die Universitäten sind nicht besser dran. Ich möchte aber heute nicht deren Bildungsniveau kritisieren, sondern von den Lotsenlehrern berichten. Psychologische Ausbildung sollen sie haben. Deshalb rufen sie die Problemfälle an Schülern zu sich und machen Einzel- und Gruppenberatung, Auch Berufsberatung fällt in deren Zuständigkeitsbereich.

Jede Schule in der Türkei muss einen Lotsenlehrer haben.

Bis heute habe ich 5 solcher Lotsen kennengelernt. Rein oberflächlich. Es reichte aber, dass ich nichts von ihnen hielt.

blind

Das Piktogramm steht als Zeichen der Blindheit im türkische Bildungssystem und für nichts anderes.

Gestern bin ich aber mit der Tochter eines Freundes zur Berufsberatung eines solchen Lehrers mitgegangen. Sie stellte mich als ihren Onkel vor.

Sie ist eine sehr gescheite Schülerin, die nach dem Abschluss des Gymnasiums, bei der im ganzen Land durchgeführten Aufnahmeprüfung zur Universität eines der höchsten Punktzahlen erreichte. Folglich standen ihr alle Türen weit offen. Mediziner bis Ingenieurswesen, alles konnte sie studieren.

Jetzt ging es darum, dass sie richtig beraten werden sollte. Ich hatte sie vorher gefragt, welche Interessen sie vom Hause aus mitbringt. „Eigentlich nichts. Ich gehe z. B. gerne einkaufen“ sagte sie. Ich musste schlucken. Ich muss dabei erwähnen, dass sie brünett ist.

Hohe Punktzahl für die Uni und keinerlei Interessen. Diese Konstellation war es, was mich bewog mit zum Lotsenlehrer zu gehen.

Der Lotsenlehrer schaut auf das amtliche Papier und sieht die Punktzahl, die Selma, so heißt sie, für die Uni erreichte und sagt : „Gratulation, du kannst selber entscheiden, was du studieren möchtest“.

Toll, als ob wir das nicht gewusst hätten. „Was möchtest du denn werden ?“

„Eigentlich habe ich keine Vorstellung, deshalb bin ich ja hier. Ich möchte mich beraten lassen“.

„Hmm, was für Interessen hast du denn ?“ „Ich gehe gerne einkaufen und schwimmen“.

„Nein, nicht die Hobbies, ich meinte Sonstiges“.   …Schulterzucken.

„Wie ist es mit Architekt, oder lieber Zahnarzt ? In türkisch zypriotischem Teil kannst du Zahnarzt studieren. Die Diplome von dort werden zwar nicht überall anerkannt, aber immerhin hast du dann einen Beruf“.

„Weiß nicht !“

Der tolle Lotse dreht sich zu mir und fragt : „Was meinen Sie ?“

„Ich wundere mich nur, wie sie vorgehen“.

„Wieso ?“

„Das soll Berufsberatung sein ? Eher ist das eine Kleideranprobe. Mal schauen, welches Kleid dir steht“.

Wie soll jemand von Null auf jetzt Architektur studieren, wenn sie nicht mal gut im Zeichnen war und keine gerade Linie ziehen kann, oder Zahnärztin und überhaupt“.

Danach bohrte der Lotsenlehrer tiefer.

„Was ist mit Rechtsanwalt ? Du kannst später auch Richterin werden“.

„Hören Sie mal, wie lange soll das noch so weitergehen ? Geben Sie ihr am besten eine Liste mit Berufen und sie kreuzt was an. Erledigt !“

„Regen Sie sich nicht auf, wir tasten uns ja gerade langsam ran“ sagte er.

„Woran herantasten ? Sie zählen einzeln die Berufe auf, die sie vom Hause aus kennt. Da kann doch am Ende nichts bei rumkommen“.

Dann steigerte sich der Lotsenlehrer schlagartig. „Was ist mit Atom ? Du kannst Atom studieren in Antalya“.

Ich wieder : Wie Atom, so einen Fachbereich  gibt es ja gar nicht. Das heißt anders und außerdem gehen 3 Bekannte von mir dahin. Man hat denen gesagt, die Lehrbücher wären alle auf Englisch und die müssten erst die Sprache lernen. Nach zwei Jahren können die nicht einmal das. Bis zum Atom ist da ein langer Weg“.

Übrigens, meine Bekannten müssen sich auch nicht beeilen. Die drei AKW‘s die geplant wurden, werden wahrscheinlich in 20 Jahren den Betrieb aufnehmen, wenn überhaupt. Als ich meine Bekannten  fragte, was sie bis dahin denn machen könnten (gesetzt den Fall, diese Lernen bis dahin Englisch), sagten sie, dass sie bei der Wartung der Geräte im Nuklearmedizin mitwirken könnten.

Lange Rede kurzer Sinn. Übrigens sagte ich das auch zum Lotsenlehrer. Wir sind aufgestanden und gegangen. Zu guter Letzt habe ich dem Lotsenlehrer den Rat gegeben, er solle sich mal  Gedanken machen, war für eine Aufgabe er in diesem Leben hat. Grausam.

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