Die Syrer in der Türkei – Mitleid, Wut, Ärger …

Ich sehe sie fast jeden Tag. Sie sind überall. Vor allem am Taksimplatz und in der Istiklalstraße. Klar, denn hier sind die Touristen.
Ihre Kleidung ist meist dreckig. Viele haben keine Schuhe haben – und das nicht nur jetzt bei den angenehmen Temperaturen. Ich hab sie auch im Winter barfuß durch den Schnee stapfen sehen. Auch die Gesichter sind mit Staub und Schmutz überzogen.

Wenn sie nicht neben wohlhabend und wohlwollenden Touristen herlaufen und um Geld betteln, dann sitzen sie auf dem Boden und spielen unmusikalisch irgendein Instrument.

Dabei sind dem Alter nach unten kaum Grenzen gesetzt. Die jüngste, die ich bisher gesehen habe, war etwa 2 Jahre alt und bewegte unsicher ihre Hüften zur Trommelmusik ihrer großen Schwester.

An manchen Tagen macht mich ihr Anblick einfach nur traurig. Ich fühle mich selbst hilflos. Ich würde ihnen gerne helfen. Und weiß doch, dass jede Hilfe nur vorübergehend ist. Die Schokolade, die ich dem Wuschelkopf zustecke, das kurze Fußballspiel mit dem Segelohrjungen oder einfach nur ein High-Five mit einem blinden Passagier hinten auf vorbeifahrenden der historischen Straßenbahn. Sie haben schon so viel mitgemacht: Krieg, Flucht, Armut. Ich kann ihnen nicht das geben, was ihnen zusteht. Eine unbeschwerte Kindheit in Frieden.

An manchen Tagen macht mich ihr Anblick nur ängstlich. Weil ich ahne, wohin das führt. Man merkt es ja jetzt schon. Der Hass in der Bevölkerung steigt. Und in einem Land, in dem der Mindestlohn unterm Existenzminimum liegt, die normale Bevölkerung teilweise ohne Krankenversicherung ist, die Renten nur reicht, wenn man eine eigene Wohnung besitzt, die Pro-Kopf-Verschuldung kontinuierlich steigt und Fleisch zu einem Luxusgut wird für jede Durchschnittsfamilie, da steigt der Hass, der Sozialneid. Erst letztens brannte eine Wohnung einer syrischen Familie in Istanbul. Erinnerte mich an Solingen.

An manchen Tagen macht mich ihr Anblick auch einfach nur wütend. Dann irrt mein Blick umher, ob ich nicht doch irgendwo Vater oder Mutter sehe, denen ich zu gerne eine Ohrfeige verpassen würde für das, was sie ihren Kindern antun. Dann lese ich wütend die Selbstbeweihräucherung Deutschlands in der Zeitung, weil doch noch einige tausende aufgenommen werden sollen. Man ist ja so hilfsbereit. Ich werde wütend, weil ich den ganzen Scheiß so satt habe, diese Ungerechtigkeiten, die sinnlosen Kriege, die gestohlenen Kindheiten – Weltsituationskoller.

Ich habe keine Ahnung, warum ich das hier überhaupt schreibe. Es ist vielleicht einfach nur ein Auskotzen. Denn wirklich ändern wird sich nichts.

Ich wollte es nur mal gesagt haben.

Von Anna Heinze Lancalar  / Foto : annascosmos

Anna ist eine gute Freundin aus Istanbul. Eine Power-Frau mit viel Tiefgang. Jetzt hat sie ihren Blog www.annascosmos.com online und bringt nette Beiträge über Istanbul und dem Leben in der Türkei. Kann ich nur empfehlen. Übrigens, dass was sie oben geschrieben hat, auch über die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Türkei, unterschreibe ich glatt.

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