“Rettet den deutschen Urwald” – Türkische Gastarbeiter waren geschockt!

Unser erster gemeinsamer Beitrag : Ahmet Refii Dener (ARD) & Jacqueline Jane Bartels (Jay-Jay)

Autofahrer, die vor dem Zebrastreifen halten, um jedem Fussgänger den Vortritt zu gewähren. Alle 50 Meter ein Müllkübel, der regelmäßig von der Stadtreinigung geleert wird. Bushaltestellen mit Anzeigetafeln, die verraten wann der nächste Bus kommt. Kirchenglocken, die im viertel Stunden Takt die Zeit ankündigen. Frisch gebohnerte Treppenhäuser. Radio und Fernsehen im fast jeden deutschen Haushalt.

Mancher der 850’000 Gastarbeiter, die von 1961 bis 1973 aus der Türkei nach Deutschland kamen, hatten das Gefühl im Schlaraffenland der Moderne und Ordnung angekommen zu sein. Doch spätestens mit dem ersten Sommer, als die Röcke der deutschen Frauen deutlich kürzer und die Blusen ärmellos wurden, der Bauarbeiter wegen der Hitze sein T-Shirts auszog und eine pelzige Brustbehaarung und ein Urwald unter den Achselhöhlen zum Vorschein kam, zuckte der türkische Mann und die türkische Frau erschrocken zusammen. Manch einer rang nach Fassung. Andere bemühten sich darum, sich nichts anmerken zu lassen.

München-Schwabing 1976 im August bei 30 Grad Celsius Außentemperatur in einer Bäckerei. Die bayrische Bedienung trägt einen armfreien weißen Kittel. Unter ihren Achselhöhlen schauen feuchte Achselhaare hervor. Schweißperlen fallen im gefühlten Zeitlupentempo zu Boden. Serpil (58), die damals gerade die erste Woche in München Schwabing angekommen war, und rasch nur ein Weißbrot kaufen wollte, erinnert sich: „Bei diesem Anblick wurde mir speiübel. Ich platzte augenblicklich wieder aus dem Laden und ließ mich dort nie wieder blicken. Das war einfach zu viel für mich.“

Für die türkischen Gastarbeiter Anfang der 60er, 70er und 80er Jahre war des Deutschen Amazonas unter den Armen, auf den Armen, den Beinen und auch seine wuchernde Schambehaarung das Gesprächsthema Nummer eins. Ja. Es fühlte sich für die türkischen Gastarbeiter wie ein nie endender Kulturschock an.

Gerade im Sommer wurde so manche Bus- oder Tramfahrt für den Türken zum Alptraum. Deutsche Männer und Frauen, die sich an den Stangen festhielten und ungewollt so ihren ungepflegten Urwald zur Schau stellten. Wenige Deutsche kämmten sich die Achselhaare zum Scheitel. Junge Hippies flochten sich kleine Zöpfchen mit ihrer Achselbehaarung. Türkische Frauen, rümpften empfindlich ihre Nase, rollten mit den Augen und zischten sich unter ihres Gleichen ein zerknirschtes aber leises „igrenc“ zu, was nichts anderes heißt als „ekelhafte Person“ und wandten sich vom Anblick ab. Was allerdings nicht immer gelang, wenn der Bus oder die Tram voll war.

Des Gastarbeiters Bild vom sauberen Deutschen geriet gehörig ins Wanken 

Die muslimische Sugarlation-Päpstin Idil Bodzağ (40) aus Flensburg bildet seit über zehn Jahren Frauen in der Kosmetik-Branche in ihrer Sugarlation Academy aus (https://www.facebook.com/sugarlationacademy), ebenso auf Kosmetik-Fachmessen und in 5-7-Sterne-Hotels in Deutschland. Idil Bodzağ erinnert sich sehr gut an die deutschen Urwälder: „Meine Sportlehrerin trug immer Leggings und ärmellose Bodys, damit man den Wald auch deutlich durch den Stoff sehen konnte. Es war hart!“

“Eine behaarte Frau bekommt keinen Mann ab“, trichterte Anne Asiye meinen Schwestern und mir bereits im zarten Kinderalter ein. Mein Vater Erol und meine Mutter Asiye kamen als Gastarbeiter aus Istanbul nach Flensburg.” Idil Bozdağ wurde 1974 in Flensburg geboren. “Meine Mama erzog meine Schwestern und mich streng nach türkischen Traditionen. Sie sagte regelmäßig im harschen Ton: „Merkt euch das: „Eine saubere Frau erkennt man an der Körperbehaarung!“

Für die, die es nicht wissen, der Islam schreibt dem gläubigen Muslim eine regelmäßige Enthaarung des Körpers vor, insbesondere der Achselhöhlen und des Intimbereichs, was sicherlich auch auf die klimatischen Bedingungen dieser Länder zurück zu führen ist. Weniger Haare am Körper bedeutet nicht, dass Menschen weniger schwitzen. Allerdings riechen sie deutlich weniger unangenehm. So werden türkische Kinder bereits sehr früh auf die Ganz-Körperhygiene vorbereitet.

Zucker-Partys erobern Deutschland

Idil Bozdağ : „Einmal im Monat fand bei uns zu Hause eine Zucker-Party statt. Dann besuchten uns Mamas Freundinnen zu Hause. Die Schuhe blieben draußen vor der Haustüre stehen. Die Zuckerpaste bereitete Mama immer kurz bevor die Damen anrollten zu. Sie setzte einen großen Topf mit Zucker und Zitrone auf. Dann stellte sie den Herd auf kleine Flamme und rührte eine gefühlte halbe Ewigkeit den Zucker mit einem Holzlöffel zu einer Honiggoldfarbenden Masse. Anschließend breitete sie große weiße Laken auf dem Fußboden aus und meine Mama machte sich an das Werk, die Meisterin unter ihren türkischen Freundinnen im “Ağda” (Zuckern). Das Zucker-Zimmer war für uns Kinder tabu. Trotzdem, diese Zucker-Veranstaltungen waren jedes Mal wie ein kleines Fest. Die Damen tranken Tee aus kleinen Gläsern, die in der Türkei üblich sind, und sie erzählten sich die wichtigsten Geschichten während der zuckrigen Haarentfernung: Wer hat sich mit wem verlobt? Welcher Junge hat demnächst das Beschneidungsfest?
Auch durften türkische Leckereien wie Poğca, Kısır und Salate nie fehlen. Ich habe heute noch das Gekichere, die vielen O’s und ai’s der Damen in den Ohren. Es gab für uns türkische Frauen keine Alternative zum Zuckern in Deutschland. Mit etwa neun Jahren war es soweit. Mama öffnete die geheimnisvolle Zucker-Türe für meine Freundin Nilay und mich. Jetzt waren wir keine Kleinkinder mehr und durften endlich mitmischen. Obwohl Mama kein Hautprofi war, pflegte sie unsere Haut anschließend mit Rosenwasser beruhigt und dann mit Lavendel- oder Rosenöl gepflegt.“

Kulturschock in Istanbul

Als Idil Bozağ 1995 mit 20 Jahren für zwei Jahre nach Istanbul ging, war sie erstaunt. In der Türkei gibt es überall Kuaföre (so wird es in Türkisch geschrieben), die sieben Tage in der Woche bis weit nach Mitternacht geöffnet sind. Hier stehen Verlobungen und Hochzeiten an der Tagesordnung. Da stehen die Haare auf dem Kopf im Vordergrund aber auch der Faden um die üppigen Augenbrauen in Form zu trimmen. Wie gesagt, früher praktizierte jede
Frau das Zuckern bei sich selbst zu Hause oder sie hatte eine Freundin, die das für sie machte. Doch in Istanbul sah ich plötzlich überall Werbeschilder mit der Aufschrift „Sir Agda“ – Wachs-Studio. Ein Profi aus der Türkei erklärte mir, dass es die einzige Möglichkeit war, um die türkischen Damen aus den eigenen Badezimmern hervor zu locken, in dem die Profibranche konsequent behauptete, dass das Sugaring die nachwachsenden Haare dicker machen würde. Die Türkinnen haben sich diesen Blödsinn tatsächlich einreden lassen, nach dem Motto: Eine Erfindung der Amerikaner? Dann muss das ja auch was taugen. Und siehe da: Die älteste orientalische Form der Haarentfernung gerät vor allem in den großen Städten wie Istanbul, Ankara und an der türkischen Riviera seit 20 Jahren immer mehr in Vergessenheit. Eine Schande“, schimpft Idil Bozdağ.

Türkische Gastarbeiterinnen machten das Zuckern in Europa berühmt

In Kanada und Amerika ist das Wachsen längst ausgestorben. Dort wird gezuckert, weil die Frauen an ihrer Haut im Laufe von nur drei Monaten erfahren durften: Zucker ist Gold für die Haut. Auch in der Schweiz, Österreich, Dänemark, Schweden, England, Frankreich, Italien oder Deutschland boomt das Sugaring. Youtube ist voll mit Video-Filmen, die erklären, wie jede Frau die Zuckerpaste selber herstellen kann.

Die Sugarlation-Expertin Idil Bozdağ sagt: „Europäische Frauen haben durch die türkischen Gastarbeiter-Frauen sehr schnell gelernt, dass es für die Haut nichts Besseres als Sugaring gibt. Ja, dank der Hamam Kultur, die inzwischen auch in Europa weit verbreitet ist und dank der Sugarlation hat sich die europäische Körperhygiene perfekt entwickelt.  Inzwischen sind auch europäische Männer von der zuckrigen Epilation überzeugt. Und mal ganz ehrlich: Die Haut fühlt sich doch auch viel weiblicher an so ganz ohne Haare. “

Zuckerpaste mit Erdbeer- oder Schokoduft

„Das Geschäft mit der Zucker-Enthaarung boomt in der europäischen Kosmetikbranche. Fortlaufend erweitert und verfeinert sich das Angebot der Zuckerpasten. Es gibt inzwischen etwa fünf bis sechs Zuckerpasten, vier bis für Pasten für die Hand-Technik und eine weiche Paste für die Flicktechnik, dem Abziehen mit Stoff oder Fließtreifen der Zuckerpaste auf der Haut. In der Profibranche gibt es jetzt auch Pasten mit verschieden Düften und Zusätzen wie Aloe Vera, Kamille, Schokoduft oder gar Erdbeerduft. Das gibt es in der Türkei gar nicht! Eine echte Marktlücke in der Türkei!!!“

Wer schön sein will muss leiden

Im Gegensatz zum Wachsen schmerzt das Sugaring deutlich weniger.
Doch Idil Bozağ sagt: “Na ja, ganz schmerzfrei ist es nicht. Allerdings hängt es auch immer wieder vom Menschen ab. Der eine ist weniger empfindlich, der andere mehr. Allerdings: Nach der vierten oder fünften Behandlung ist die Haut daran gewöhnt und die Haare sind inzwischen deutlich dünner, so dass die Reizempfindung ohnehin deutlich abnimmt. Aber eins ist eine Tatsache: Es schmerzt deutlich weniger als beim Wachsen.”

 

Das Gespräch führte Jacqueline Jane Bartels, freie Journalistin und Bloggerin von Allaroundturkey.com mit der Sugarlation-Academy-Expertin Idil Bozağ:

Idil Bozdağ
Telefon: +49 0157-54736299
Sugarlation Academy:
https://www.facebook.com/sugarlationacademy

Zuckern, wie funktioniert das?

Und so funktioniert es: Die Zuckerpaste wird entweder auf die zu enthaarende Stelle gestrichen und dann mit den Haaren abgezogen oder das Haar wird mit Fingern, auf die etwas Zuckerpaste aufgebracht wird, entfernt. Das Zuckern wird in Wachstumsrichtung der Haare durchgeführt, so brechen die Haare nicht ab. So ist auch die Gefahr gebannt, das Haare unter der Haut einwachsen und sich entzünden können.
Ergebnis: Die Haut wird durch die Zuckerpaste weniger traumatisiert, da sie nicht wie beim Wachs beispielsweise an lebenden Hautzellen festklebt. Wie bei allen Methoden der Epilation verlangsamt sich das Haarwachstum nach einer Zuckeranwendung. Daher bleibt die Haut länger glatt, die nachwachsenden Haare werden dünner, unauffälliger und weicher als bei einer Depilation wie der Rasur zum Beispiel. Der Vorteil ist, dass die Zeitabstände für eine Zucker-Behandlung im Laufe der Zeit grösser werden.

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