Mein erster Lotto-Sechser war in Großraming geboren worden zu sein

Die Kinder von Ahmad

Die Kinder von Ahmad

Als ich diesen Beitrag von Karim El-Gawhary im taz-Blog gelesen habe, konnte ich es nicht seinlassen es ebenfalls zu veröffentlichen. Je mehr Menschen davon erfahren, wie viel Leid die Flüchtlinge ertragen müssen, umso mehr Verständnis wird dafür aufgebracht werden. Hoffe ich.

Der syrische Flüchtling Ahmad Ajram führte mir vor, wie er 44 Stunden lang in einem Kasten von 180cm x 70cm x 70cm mit vier anderen Flüchtlingen eingepfercht war. Ich habe ihn letzte Woche in einem Flüchtlingsheim in der oberösterreichischen Gemeinde Großraming getroffen. Er war mit dem Boot aus der Türkei nach Griechenland gekommen und wurde dann in diesen besagten Kasten bis nach Österreich geschmuggelt. Das war vor einem halben Jahr. Dort hat er dann bei den Behörden Asyl beantragt.

Ahmad hat Dinge erlebt, die man sich im friedlichen Europa kaum vorstellen kann. Zunächst wurde sein Laden für Anzugstoffe in Aleppo zerstört. Dann hatten syrische Rebellen die Straße erobert, in der er mit seiner Frau und seinen fünf Kinder lebte. Daraufhin wurde die Straße von Regimetruppen bombardiert. Sein Nachbar und dessen Kinder sind dabei umgekommen. Ahmad war daraufhin mit seiner Familie und seinen Kindern in die Türkei geflohen. Die Familie beschloss, dass Ahmad zunächst alleine versucht nach Europa zu kommen. Die Reise war gefährlich und sie hatten gerade genug Geld, um den Schleppern die Reise einer Person zu bezahlen. Also ließ Ahmad seine Familie schweren Herzens zurück, in der Hoffnung sie nachholen zu können, wenn er in Europa als Flüchtling anerkannt wird.

Kaum war Ahmad weg, warf der türkische Vermieter seine Frau und seine Kinder aus der in Istanbul angemieteten Wohnung ohne die für mehrere Monate im Voraus bezahlte Miete zurückzuzahlen. Seine Frau und seine Kinder kehrten mittellos nach Aleppo zurück. Seitdem ereilt Ahmad eine Horrormeldung nach der anderen. Als seine Familie zurückkehrte, war seine zweijährige Tochter Sima (rechts im Bild) in Syrien auf dem Weg von der Grenze nach Aleppo von einem Scharfschützen getroffen worden.

Auf seinem Handy zeigt mir Ahmad das Foto von ihrer Schussverletzung. Sima wurde notoperiert und überlebte.
Vor einer Woche bekam er dann die Nachricht, dass auf das Haus seiner Tante und ihrer Kinder eine Fassbombe geworfen wurde. Ihre beiden Kinder kamen ums Leben, seiner Tante musste ein Bein amputiert werden.

Als er das alles erzählt, zittert er am ganzen Körper und weint. Er entschuldigt sich dafür, dass ein 40jähriger Mann offen in Tränen ausbricht. Er schäme sich dafür. „Ich habe Raketen gesehen, die neben mir eingeschlagen sind. Ich habe gesehen, wie Menschen in die Luft fliegen und zerrissen werden.“, entschuldigt er sich.

Die Menschen in dem Ort Großraming seien ausgesprochen nett und hilfsbereit, sagt er. Aber in der für ihn wichtigsten Sache können sie ihm nicht helfen: Einen positiven Asylbescheid zu bekommen und seine Familie nachzuholen. Das Schlimmste, sagt er, sei das Warten und die Angst, dass seiner Familie in Syrien noch mehr zustoßen könnte. Oft hat er an Selbstmord gedacht, sagt er, während er wie ein Häuflein Elend da sitzt in einer dieser langen Nächte im Flüchtlingsheim in Großraming. Aber er weiß auch, sein Asylantrag ist derzeit die einzige Hoffnung für seine Familie, in Sicherheit zu kommen.

Ahmad wartet seit letztem Dezember – nicht auf einen Bescheid der Asylbehörde in Linz, sondern auf einen Termin, überhaupt dort angehört zu werden.

Mit ihm im Zimmer lebt Firaz El-Aish. Er war mit Ahmad zusammen im gleichen Kasten nach Europa geflohen. Das schweißt zusammen. Auf dem Schreibtisch von Firaz liegen Liedtexte der österreichischen Sängerin Christina Stürmer. Die versucht er mit Hilfe einiger ehrenamtlicher Lehrer im Ort zu übersetzen, um Deutsch zu lernen. Auch er lebt von seiner Familie getrennt. Er musste über das syrische Raqqa fliehen. Dort war er eine Woche in IS-Gefangenschaft, weil sie dachten, er sei ein Spion des Regimes, bevor sie ihn dann doch laufen ließen.

Firaz ist ein gebildeter Mann. Hier hält er sein Doktor-Diplom der Agrarwissenschaft mit Auszeichnung in der Hand und seine Ernennung zum Chef eines Forschungszentrums für Saatgut in Syrien. Das war alles bevor der Krieg ausbrach.

Firaz, ein hochspezialisierter Saatgut-Forscher, wird von Europa nicht als Bereicherung, sondern als potentielle Bedrohung angesehen. Er darf nicht arbeiten und bekommt 160 Euro im Monat, um sich selbst zu versorgen, während er in dem Flüchtlingsheim lebt. Auch er wurde seit fünf Monaten noch nicht einmal von den Asylbehörden in Linz angehört.

Firaz ist heute mit mir in der Talkshow „Im Zentrum“ als Gast eingeladen, in der ausnahmsweise nicht nur über, sondern auch mit Flüchtlingen geredet wird.

Eigentlich hätte man dort auch noch einige der Menschen aus Großraming einladen sollen, jenem 2700 Einwohner-Ort der 50 Flüchtlinge aufgenommen hat und in dem einige mit so viel Herzblut ehrenamtlich für Flüchtlinge wie Firaz und Ahmad einstehen. Diese Menschen sind in ihrem Kopf viel weiter als die visionslose Politik.

„Mein erster Lotto-Sechser war in Großraming geboren worden zu sein, jetzt kann ich wenigstens etwas davon zurückgeben.“ meint Hemma Hammann von der ehrenamtlichen Plattform dazu.
Oder wie es die Rentnerin Elisabeth Leitner zusammenfasst, die im Ort in ihrem alten Laden ein Begegnungszentrum für Flüchtlinge aufgemacht hat: „Du kommst nach Hause und sagst, wie schön, dass mein Haus steht. Darüber haben wir in Großraming früher nie nachgedacht“.

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