“Man kann viele Worte finden, aber es war kein Völkermord”

Wir waren 4 armenische Freunde und hatten das Vereinsgebäude verlassen, um in Galatasaray Wasserpfeife zu rauchen und eine gute Zeit zu verbringen. Es wurde viel gesprochen, doch am Ende kam wieder das übliche Thema auf. Ich merkte, dass dieses Thema jeden belastete: Wie kann man seiner Stimme auf der Welt Gehör verschaffen, wenn man ein Türke mit armenischer Abstammung ist, der ein Bürger der Türkischen Republik ist?

Du bist ja kein Künstler, Politiker oder Vorsitzender eines Vereins, denn dann würden sie dir ein Mikrofon reichen und dich interviewen. Du bist kein Journalist, denn dann könntest du deine Gedanken über deine Kolumne über die ganze Welt verbreiten.

Doch wir haben diese Situation satt. Jeder spricht in unserem Namen.
Auf der einen Seite die, die sagen: “An den Armeniern wurde ein Völkermord verübt” und auf der anderen Seite die, die sagen: “Es gab keinen Völkermord”. Und derzeit ist es en vogue zu sagen: “Überlassen wir es den Historikern.
Ich blicke auf die, die sagen, dass ein Völkermord stattgefunden hat. Allesamt handelt es sich entweder um rachsüchtige Vertreter der armenischen Diaspora oder dem Politikerkreis, für den diese einen Vorteil darstellt. Ich blicke auf die, die sagen, dass es keinen Völkermord gab. Diese Vertreter haben keine detaillierte Kenntnis über das Thema, aber es ist für sie zur Gewohnheit geworden, diesen abzulehnen.
Was die Historiker betrifft, stellt sich die Frage, was sie, in Gottes Namen, herausfinden sollen. Kann es einen Beleg für einen Völkermord geben? Sollte wider Erwarten ein Dokument auftauchen, gibt es gewiss auch ein Gegendokument und der Streit setzt sich endlos fort. Die Wahrheit weiß keiner außer mir oder meinesgleichen. Wir sind diejenigen, die die Ereignisse aus erster Hand erfahren haben.

Wir sind türkische Armenier.

Die türkischen Armenier unterscheiden sich erheblich von den übrigen Armeniern. Wir sind die Enkel derer, die während der Deportation entweder in der Türkei geblieben sind, oder nach der Deportation in die Türkei zurückkehrten. Wir haben nur eine einzige Version der Geschichte gehört. Die Diaspora-Armenier kennen nur die Todesversion. Sie sind nach den Ereignissen nicht zurückgekehrt und haben nicht in die verlegenen Augen ihrer Nachbarn geblickt. Sie beschuldigen für all die Toten alle Türken. Sie bewerten die Ereignisse nur als Völkermord.

Für den Türkei-Armenier gibt es allerdings eine weiter gefächerte und abweichende Version der Geschichte:

Mein Großvater zum Beispiel wurde von den Ländereien seines Bruders in Erzincan mitgenommen. Er berichtete, dass man dem Feldwebel einen  Esel voll beladen mit Gold gegeben habe, um ihn freizukaufen.

Weder der Bruder noch das Gold tauchten wieder auf…

Meine Großmutter mütterlicherseits berichtete, wie die armenischen Jugendlichen in den Dörfern bewaffnet wurden, und zu Partisanen gemacht wurden.

Mein Großvater berichtete weinend von dem osmanischen Hauptmann Sinan, der in Kayseri versuchte, die ganze Familie zu retten. Ihm ist es zu verdanken, dass keinem Mitglied dieser Familie ein Haar gekrümmt wurde.

Genauso wie wir die Berichte über die Ermordungen gehört haben, sind wir auch mit den Berichten von den Türken groß geworden, die sich den Soldaten in den Weg legten, als ein armenischer Freund abgeholt wurde, oder von den türkischen Nachbarn, die ihre zurückkehrenden armenischen Freunde warmherzig empfingen.

Daher sage ich “Fragt uns”. Niemand kann objektiver sein als wir.
Zu diesem Ereignis gibt es eine lange und eine kurze Darstellung.

Dies ist die kurze Version: Ein Teil der Bevölkerung wurde durch die Imperialisten angestachelt und verfiel dem Nationalismus. Die osmanische Regierung, die über diesen armenischen Nationalismus in der Region erbost war, beschloss die Durchführung einer Deportation. In der damaligen Lage fand die Deportation unter schweren Bedingungen statt. Die Exilanten, Frauen und Kinder, wurden auf verschiedene Weise niedergeschlagen und niedergemetzelt. Die Niederschlagung erfolgte in Form von Krankheit und Hunger. Niedergemetzelt wurden sie in einer organisierten Form durch die osmanischen Soldaten. Abgesehen von den Krankheiten  handelte es sich um Einzelhandlungen, die von Banditen durchgeführt wurden, die sich des von den Vertriebenen mitgeführten Goldes bemächtigen wollten. Ein weiteres Diskussionsthema ist, ob die osmanische Armee, die zu dieser Zeit an anderen Fronten Krieg führte, zahlenmäßig und von der Stärke her in der Lage war, die Morde zu verhindern. Wenn man berücksichtigt, dass zu dieser Zeit, als diese Ereignisse auftraten, die Armenier, die im Westen des Landes lebten nicht das gleiche Leid erdulden mussten, kann man nicht von einem Völkermord sprechen.

Man kann viele Worte finden, aber es war kein Völkermord.

Zudem bezieht sich die Zahl von 1,5 Millionen Armeniern nicht auf die Zahl der Toten sondern auf die Zahl der Vermissten. Wir als türkische Armenier wissen, dass Anatolien voll ist mit Armeniern, die während und nach diesen Ereignissen zum Islam konvertierten. Obwohl es diesen Leuten nachher frei stand, sind sie nicht zu ihrer eigenen Religion zurückgekehrt und, da sie ihre Vergangenheit für sich behielten, wurden sie der Vermisstenliste zugerechnet.

Dies ist die Kurzfassung.

Wenn man es wollte, würden wir sprechen und die lange Fassung erzählen.

Es gibt keine besseren Historiker als uns.

Was die Franzosen betrifft: ihnen bleibt nur übrig, den verschimmelten Käse zu essen.

Bleiben Sie gesund!

*Sevan İnce*
İstanbul, 6 Oktober 2006

(Sevan Bey ist verstorben. Dieses Schriftstück haben wir von seiner Tochter über einen öffentlichen Social-Media-Account erhalten. Wir haben sie gebeten, ihren Namen veröffentlichen zu dürfen, doch da sie noch nicht geantwortet hat, können wir den Namen nicht offenlegen. 

 

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