Bist du Schweizer, oder bist du Türke ?

In der Schweiz bin ich der Ausländer, in meinem Heimatland bin ich der Schweizer. Dieser Standardsatz hat schon jeder Secondo von sich gegeben. Doch wir wollen nicht wissen, wie die anderen sie sehen, sondern als was sie sich selbst betrachten. „Was bist du?“.

Mein Name ist Berk Bal. Ich bin 31 Jahre alt und lebe in Grenchen. Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Meine Eltern sind Türken, ich habe seit fünf Jahren einen Schweizer Pass.

Die Frage, ob ich Schweizer oder Türke bin, kann ich schnell beantworten: Ich betrachte mich selbst als Schweizer. Ganz klar.

Diese Antwort zu finden, ist aber nicht so einfach. Es sind so viele Faktoren, die bei der Identitätsfindung eine Rolle spielen. Denn natürlich habe ich auch türkische Seiten an mir. Am ausgeprägtesten merke ich dies beim Stolz. Konkret beim Nationalstolz. Jeder Türke ist stolz, ein Türke zu sein. Er ist stolz auf sein Land. Ich verstehe dieses Empfinden und kann absolut nicht nachvollziehen, wieso in der Schweiz der Nationalstolz so verpönt ist. Wenn hier jemand Flagge zeigt, ordnet man ihn gleich der rechten Szene zu. Ich finde das Blödsinnig. Wir könnten ruhig etwas stolzer sein auf unser Land.

Doch ich spüre einen Wandel in der Schweiz. Auch wegen unserer Multi-Kulti-Gesellschaft. An der letzten Fussball-WM sah ich viele Secondos, die mit Schweizer Fahnen an den Hupkonzerten teilnahmen. Sie kommen aus Ländern mit ausgeprägtem Nationalstolz und identifizieren sich mit der Schweiz.

Wenn es um Fussball geht, muss ich zugeben, bin ich nicht der Schweizer. Spielt die Schweiz gegen die Türkei, gilt mein Support den Türken. Dies nicht wegen dem Team an sich, sondern wegen der ganzen Kultur rundherum. Türkische Fans sind einfach mit mehr Leidenschaft dabei. Und das gefällt mir.Ansonsten bin ich Schweizer durch und durch. Das beginnt schon bei der Sprache: Obwohl ich sehr gut türkisch spreche und deutsch erst so richtig im Kindergarten gelernt habe, denke ich in schweizerdeutsch. Nur fluchen tue ich lieber auf türkisch. Das tönt einfach besser.

Wenn ich mich mit meinen Verwandten in der Türkei vergleiche, erkenne ich bei mir die typischen schweizerischen Tugenden. Da wäre zum Beispiel die Pünktlichkeit. Wenn ich mit jemandem eine Zeit vereinbare, bin ich zu dieser Uhrzeit da. Den Türken ist dies nicht so wichtig. Auch von der Arbeitsmoral her sind wir total verschieden. Die meisten Türken mögen es locker – zu locker meiner Meinung nach.

Dass ich in so vielen Punkten schweizerisch bin, hat auch mit meinen Eltern zu tun. Sie sind zwar in der Türkei gross geworden, haben mir hier in der Schweiz aber immer vermittelt, ich müsse mich am hiesigen Verhalten  orientieren. Natürlich gab es auch Punkte, in denen ich und meine Eltern uns kulturbedingt nicht einig waren. Sie wollten immer, dass ich spare. Ich jedoch wollte die Welt erkunden. Die Feriendestination meiner Eltern ist Jahr für Jahr gesetzt: Türkei. Bis ich 16 Jahre alt war, nahmen sie mich immer mit. Doch ab dem Zeitpunkt, als ich selbstständig wurde, zog es mich in die Ferne. Mittlerweile habe ich viele teile der Welt erkundet, habe so viele Kulturen kennengelernt, dass mir die einzelnen Kulturen gar nicht mehr so relevant erscheinen. Entscheidender als die Herkunft ist der Mensch selbst.Nicht erfreut waren meine Eltern auch über meine erste Freundin. Sie war eine Schweizerin mit brasilianischen Wurzeln. Meine Eltern wollten, dass ich eine Türkin nach Hause bringe. Aber da habe ich klar gesagt: Wir sind hier in der Schweiz, hier ist die Nationalität nicht so wichtig.

Dass in der Schweiz die Nationalitäten keine grosse Rolle spielen, ist sicher ein Grund, wieso ich mich mit diesem Land so gut identifizieren kann. Ich bin in Grenchen aufgewachsen, Multi-Kulti ist hier normal. Wenn man in meiner Generation schubladisiert wurde, dann wegen dem Musikgeschmack oder dem Kleidungsstil, aber nicht wegen seiner Herkunft. Ich war nie der „scheiss Türke“. Auch ich selber habe bei der Wahl meines sozialen Umfeldes nie auf die Nationalität geachtet. Ich habe zwar auch Türken in meinem Freundeskreis, doch die meisten sind Italiener und Schweizer.

Die Leute, mit denen ich aufgewachsen bin, stammen aus so vielen unterschiedlichen Kulturen. Doch wir sind zusammen am selben Ort gross geworden und haben eine eigene Kultur geprägt. Eine Schweizer Kultur mit internationalen Einflüssen. Damit identifiziere ich mich. Das ist mein Land. Das ist meine Nationalität.“

Quelle : bielertagblatt.ch

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