Einstiegsdrogen für den türkischen Markt

Auch zu Krisenzeiten ist in der Türkei mehr los als anderswo sonst in Europa.

Wenn ein Unternehmen die Türkei nicht im Fokus hat und politische Bedenken als vordergründig erachtet, sollte es sich das mehrmals überlegen. Die Türkei ist schon allein durch ihre geographische Lage ein Drehkreuz im Welthandel und diese Rolle wird sich in Zukunft immer mehr verstärken.

Das ist die Eigendynamik der Dinge, wie sie sind, ohne politische Beeinflussung.

Die wachsenden Märkte erreicht man leichter über die Türkei. Als Produktionsstandort und Exportmarkt glänzt die Türkei schon seit jeher. Man sagt, dass die Großkonzerne im Allgemeinem schwerfälliger seien, doch haben gerade diese erkannt, was in der Türkei abgeht und wie gut man die Türkei in die Gesamtplanungen einbauen kann.

Ich möchte durch die Auflistung einiger wirtschaftlicher Einstiegsdrogen, den Markt, für die KMU’s transparenter machen und dabei auch den Großen die Augen öffnen, wie sie noch effektiver sein können.

Denn die, die sich an der Spitze des Unternehmens befinden, bekommen nur das mit, was die Mitarbeiter ihnen von der Basis bzw. über den Markt übermitteln. Das Zahlenwerk in der Firmensoftware sagt nicht alles aus. So lebt manch ein CEO oder Geschäftsführer in einer Scheinwelt oder sagen wir in diesem Fall in der „Scheintürkei“.

Wie hat mal einer so schön gesagt: „Die Leute wissen nicht, was sie wollen, bis man es ihnen anbietet“. Holen Sie sich das Beste aller Vorteile für sich heraus und versuchen Sie das ‚Ganze‘ zu verstehen. So werden Sie eines Tages nicht überrascht sein, wenn die Wahrheit von der Basis zu Ihnen durchdringt.

Einstiegsdroge Nr. 1 – Das junge Volk

Konsum wird hier immer groß geschrieben, zumal Sparen ein Fremdwort für den Türken ist. Durchschnittsalter des 76,7 Millionen Volkes (2013) beträgt 30,4 Jahre.

Die Konsumfreude ist nicht nur auf die junge Bevölkerung zurückzuführen, zumal der Konsum auch im Alter nicht abnimmt. Es hat eher etwas mit den Genen und folglich der Art des Kaufverhaltens zu tun.

Nicht lange vom Ersehnten träumen sondern zuerst kaufen und dann überlegen, wie man es abbezahlt. ‚Es wird schon irgendwie abbezahlt werden können‘ ist grob übersetzt ein Satz, der seinen Platz ganz oben in den Top 10 der meistbenutzten Sätze in der Türkei hat.

Auch Deutschland und besonders die deutsche Kreditwirtschaft profitiert von diesem Verhalten. Dort sind die Menschen mit türkischem Ursprung zwar bei kleineren Ausgaben sparsamer, nur wenn es z.B. um eine Immobilie geht, wird nicht sehr lange vom Traumhaus geträumt, es wird sofort erworben und dann abbezahlt. Man wohnt in der Traumimmobilie, ohne dass man Zeit hatte, davon zu träumen.

Die Kreditkarten sind beim Konsum in der Türkei ein entscheidender Faktor. Hierbei wird es nicht lange dauern und die Türkei wird die meisten Kreditkarten in Europa haben. Während momentan in Großbritannien 151,6 Mio. Kredit- und 56,4 Mio. Cash-Karten existieren, folgt die Türkei den Briten hart auf den Fersen, mit 145,6 Mio. Kredit- und 54,3 Mio. Cash-Karten.

Hier kommt noch eine Besonderheit hinzu, wobei die Türkei weltweit der Vorreiter war. Alle Kreditkarten haben eine Ratenzahlungsfunktion. Wie außergewöhnlich dieses immer noch ist, merke ich gerade als mein Rechtschreibprogramm dieses Wort als ‚falsch‘ unterstreicht. Jetzt werden deutsche Köpfe sagen: „Ja klar, nachher ist das Volk überschuldet und irgendwann platzt die Blase“. Die Weltwirtschaft hat es mit den Blasen. Immobilienblase, Schuldenblase… Dabei bekommt der Türke nicht einmal Blasen an den Füßen. Vielleicht auch deshalb, weil das Wandern für den Türken ebenfalls ein Fremdwort ist. Die Übersetzung von ‚Wandern‘ und ‚Spazierengehen‘ sind im türkischen gleich (yürüyüs).

Nimmt man die Kreditkartenschulden so muss man 20% der verschuldeten Gesamtsumme zu jeder Abrechnungsperiode bezahlen. Das geht eine Zeit lang gut. Wenn es schwieriger wird, müssen andere Kreditkarten herhalten. Ab dem Zeitpunkt, wo nichts mehr geht, bekommen die Menschen SMS Werbung von den Banken „Stellen Sie Ihre Kreditkartenschulden auf ‚Null‘. Die Darlehen dafür, gibt es bei uns zu günstigen Konditionen“. Wenn die Raten von diesen Umschuldungsdarlehen nicht bezahlt werden können, registrieren die Handys, anhand des Blutdrucks die Situation und schon bekommt man wieder diese SMS Werbung: „Wir haben die Umschuldungsdarlehen für Ihre Umschuldungsdarlehen“. Lange Rede kurzer Sinn: Am Ende springt die Großfamilie ein oder man meldet Privatinsolvenz an. Die Privatinsolvenz gibt es nicht sehr lange. Auch wissen die meisten nichts davon. Genauso weiß kaum jemand, dass aus der Wohnung nur das gepfändet werden darf, was doppelt vorhanden ist.

Alles Ausländische ist gut und „Made in Germany“ ist besser! Davon geht fast ohne Ausnahme jeder Türke aus. Deshalb muss ich mich wundern, dass einige Marken immer noch nicht den Weg hierhin gefunden haben. Die Marken aus dem Ausland dürfen natürlich nicht zu blauäugig agieren, denn so seltsam wie das Kaufverhalten des Einzelnen ist, so seltsam verhält sich auch die Unternehmerschaft. Den Markteinstieg muss man sorgfältig planen. Ohne hierbei ins Detail zu gehen, möchte ich anhand eines einzigen Beispiels aufzeigen, wie es Ihnen ergehen kann, wenn Sie nicht den richtigen Türkei-Berater an Ihrer Seite haben.

Gehen wir davon aus, dass Sie ein Ladenlokal anmieten. Die Mieten sind durchweg hoch, zumal der Vermieter das hochrechnet, was er verdienen würde, wenn er den Laden selber betreiben würde und verlangt diesen Betrag als Miete von Ihnen. Bei der Anmietung suchen Sie also nach der Ausnahme, die von dieser Regel leicht abweicht.

Die Vermieter sind in 90% der Fälle Privatpersonen, wenn man mal von den EKZ’s absieht. Mieten Sie von einem Privatmann ein Ladenlokal, so müssen Sie alle 3 Monate auf die 3 Monatsmiete 20% Quellensteuer (Stopaj) bezahlen. Überraschung !

Dabei läuft alles korrekt. Der Hauseigentümer bzw. der Immobilienmakler setzt voraus, dass Sie wissen, wie Sie was zu besteuern haben und verschweigen dezent diese 20%. Halb so schlimm ist es, wenn Ihr neuer Vermieter eine Kapitalgesellschaft ist. Dann zahlen Sie die Miete plus 18% Mehrwertsteuer. Auch hierbei werden der Vermieter und der Immobilienmakler korrekt Ihnen gegenüber sein. Schließlich weiß jeder, dass die MwSt. ein durchlaufender Posten ist. Aber Halt!

Auch hierbei gibt es einen kleinen Unterschied zu Deutschland. In der gesamten geschäftlichen Tätigkeit werden Sie fast nie erleben, dass Sie vom Finanzamt Geld zurückbekommen. Nein, das ist eine reine Einbahnstraße. Es wird verrechnet, aber nicht zurückbezahlt.

Investieren Sie z.B. 1 Mio. EUR, sollten Sie 1.180.000,- EUR in Ihrem Businessplan bzw. Kalkulation stehen haben. Solange Sie die Millionen nicht verdient haben, bleiben die 180.000 EUR für Sie ein Betrag, den es zu finanzieren gilt.

Bei Investitionen von Ausländern gibt es Möglichkeiten, sich von vielen Steuer befreien zu lassen (bestimmte Grundvoraussetzungen müssen erfüllt sein bzw. ausgehandelt werden) , aber da müssen Sie, wie auch schon oben genannt den richtigen und erfahrenen Türkei-Berater an Ihrer Seite haben, der auch über die jahrelange praktische Erfahrung verfügt. Zumeist ist das Geschriebene in der Türkei eine Auslegungssache.

Einstiegsdroge Nr. 2 folgt am kommenden Montag.

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