Während das Land Ottomanisch lernen soll… – Wir schreiben das Jahr 1923

Wieder einmal diskutiert ganz Türkei über etwas, was schier unglaublich  ist. Man muss dem Erdogan zugestehen, ob er das selber ist, oder seine Berater, er schafft es immer wieder mit Themen zu kommen, die für das Weiterkommen des Landes völlig unbedeutend sind, aber dennoch das Tagesgeschehen darauf lenken. Während alle darüber diskutieren, werden heikle Themen erledigt. Es werden neue Gesetze erlassen, es gibt Preiserhöhungen, der Mindestlohn wird z.B. dieser Tage festgelegt usw. Das interessiert die Bevölkerung momentan nicht, zumal man darüber diskutiert, wie Ottomanisch Pflichtfach in den Schulen sein kann.

“Ob Ihr wollt, oder nicht, Ottomanisch werden alle lernen müssen” hat der große Meister gesagt. Nur solch eine Sprache existierte nicht. Das, was man als Ottomanisch bezeichnete, war eine Sprache aus Arabisch, Persisch, Türkisch u.a. Dazu kamen sicher noch einige Sprachen hinzu, die dann im Ottomanischen Reich ihre Anwendung fanden und die man in unserer Zeit als Ottomanisch nannte.

Ein weiterer Spruch vom großen Meister war : “Wir können nicht einmal die alten Grabsteine lesen”. Das ist auch bitter nötig, wenn das Land zu einem der größten Industrienationen zählen soll.

Hier einige Auszüge, aus einem Artikel von Yilmaz Özdil. Die Zahlen sollen aufzeigen, was Erdogan und seine Mannen so bewundern.

Wir schreiben das Jahr 1923. Türkei hat 13 Millionen Einwohner. 11 Millionen davon leben auf den Dörfern. Es gibt 40.000. In 38.000 dieser Dörfer gibt es keine Schulen. Kein einziger Traktor. In 5.000 Dörfer gab es den Rinderpest. Mensch wie Tier leiden an Krankheiten. 2 Millionen Menschen leiden an Malaria, 1 Mio. an Syphilis,  Fleckfieber, Typhus, Tuberkulose, 3 Mio. Menschen haben Trachom. Die Kindersterblichkeit war auf Rekordhöhe. 480 von 1.000 Kindern starben direkt nach der Geburt. Also die Hälfte aller Neugeborener.

Das Land hatte nur 337 Ärzte. Unglaublich, wenn man bedenkt, wir groß das Land ist und zu ottomanischer Zeit war. Es gab 60 Apotheker, von denen 8 Türkisch waren. Einen Zahnarzt gab es nicht. Es gab 4 Krankenschwestern und 136 Hebammen. Die Lebenserwartung lag bei 40 Jahren.

Es gabt 115.000 ausgebrannte und 12.000 beschädigte Gebäude. Nach den, so bewunderten Ottomanen musste das Land neu aufgebaut werden. Sogar Ziegelsteine wurden importiert. Die Häfen, Bergbau, die Eisenbahn u.v.a.m. in ausländischer Hand. Vom Volkseigentum gehörte nur 15% den Türken. Aus der Zeit der Ottomanen existierten 4 Fabriken. Hereke Ipek, Feshane Yün, Bakirköy Bez und Beykoz Deri. Alles Textilunternehmen. Nur Istanbul, Izmir und Tarsus hatten Strom. Es gab 1.490 Fahrzeuge. Nur in 4 Städten gab es Privatfahrzeuge.

Frauen waren keine Menschen. Die letzten Herrscher Abdülhamit und der von Erdogan bewunderte Abdülmecid hatten 16 bzw. 22 Frauen, die sie ihr Eigen nannten.

Kein Theater, Musik, Maler, Steinhauer, Sport, keine archeologischen Werke. Diese wurden nicht heimlich gestohlen, nein die Herrscher transportierten diese mit Waggons zu sich. Öffentlich.

Jeder glaubte an was anderes. Für den einen war es 12 Uhr wenn die Sonne unterging, der anderen glaubte, 12 Uhr Mittag ist dann, wenn die Sonne über ihm steht, u.a. Es war also Glücksfall, wenn man nach der Uhrzeit fragte, was einem geantwortet wurde.

Der eine benutzte die Hijri Kalender, der andere wiederum Rumi Kalender. Sogar die Tage und Monate waren, für jeden andere.

Die Maßeinheiten waren gleich 5-6 unterschiedliche (Dirhem, Okka, ceki, Arsin, Kulac, Fersah). Man war im Mittelalter stehengeblieben.

Nur 7% der Männer und 4 Promille der Frauen konnten lesen und schreiben. Die 7% bei den Männern machten die hohen Offiziere oder Nichtmuslime aus. 3/4 der schulpflichtigen Kinder besuchten keine Schule. Es gab 4.894 Grundschulen, 72 Mittelschulen und nur 23 Gymnasien. In den Gymnasien gab es ganze 230 Schülerinnen. 1/3 der Lehrer hatten keine Lehrerausbildung erfahren. Es gab eine Universität. Das Land war von der Bildung und Wissen weit entfernt.

600 Jahre lang wurde das wurde das Land vergewaltigt (schreibt Özdil). Man sagte Ottomanisch und meinte Arabisch, Persisch, Französisch, Italienische Wörterhaufen. Man versuchte mit arabischen Buchstaben Türkisch zu schreiben.

Jetzt kommt die Mutter aller Zahlen, welches die Bildungssituation aufzeigt. In 150 Jahren wurden nur 417 Bücher veröffentlicht. Fast alle von Nichtmuslimen herausgegeben. Der Verlag Müteferrika war sowiesoUngarisch.

In dieser Zeit wurden in Europa 2,5 Mio. Bücher veröffentlich und 5 Mrd. Stück verkauft. Voltaire sagte mal : “Was man in Istanbul in einem Jahr schreibt, wird in Paris an einem Tag geschrieben”.

So, jetzt müssen die Kinder Ottomanisch lernen, um Grabsteine zu lesen. Besser : Zwei Bücher lesen und wissen wie es in der Welt abgeht.

Übrigens, wie soll man eine Sprache lehren, der als solches nie existierte und es auch keine Lehrer dafür gibt ? Muss man nicht ernst nehmen.

Zuerst soll der große Meister Englisch lernen, dann lerne ich Ottomanisch. Nein, auch dann nicht.

Das könnte Dich auch interessieren …