Ich las die Frauenzeitschrift ‘Neue Post’ und die Dinge nahmen ihren Lauf ;)

1987 war ich gerade in die SelbstĂ€ndigkeit gegangen und grĂŒndete in Köln eine GmbH. Unser Stammkapital betrug 50.000 DM. Ich erwĂ€hne diese Zahl deshalb, weil es eine Rolle spielen wird.

Die Frauenzeitschrift „Neue Post“ sollte ebenfalls eine Rolle spielen. Unsere Mutter bekam jede Woche Mittwoch das Lesezirkel. Ich glaube das gibt es nicht in jeder Stadt. Das sind Wochenzeitschriften, die man selber zusammenstellen kann, die wesentlich weniger als den aufgedruckten Preis kosten. Woche fĂŒr Woche werden diese mit den neuen Ausgaben ausgetauscht. Die Ă€lteren Ausgaben gehen dann fĂŒr einen noch geringeren Betrag, z.B. in die Wartezimmer der Ärzte.

Ich glaube es waren 9 Magazine, die wir geliefert bekamen. Von Spiegel, Stern, Bunte, Neue Revue, damals noch u.a. Quick, bis hin zu der o.g. Neuen Post, war so ziemlich ein Querschnitt der großen Magazine Deutschlands vertreten.

Ich bin ein professioneller Leser. Die Zeitungen und Magazine (bei den Wirtschaftsmagazinen halte ich mich etwas lĂ€nger auf) werden in wenigen Minuten verschlungen. Zumeist nur ein kurzer Blick auf die Schlagzeile und dem dazugehörigen Foto und schon entscheidet die Schaltzentrale oben, ob ich es ĂŒberfliegen, lesen oder weglassen soll. GrundsĂ€tzlich wird aber alles registriert, samt Anzeigen.

Es war eine Minimeldung, welches aus 3-4 SĂ€tzen stammte. „Französischer Arzt erfindet das erste tragbare DialysegerĂ€t“. Zu meiner Schande muss ich gestehen, damals wusste ich nicht, was eine Dialyse genau war. Wenn die Nachricht von einem ‘ERSTEN’ tragbarem GerĂ€t berichtete, passte es. Das musste schon was Besonderes sein.

Schon machte ich mich auf die Recherche (ohne Internet). Nach kurzer Zeit wusste ich, was es auf sich hatte mit der Dialyse. Den ca. 20.000 Dialysepatienten in Deutschland standen 2 VW Busse mit DialysegerĂ€ten zur VerfĂŒgung, die sie leihweise hĂ€tten fĂŒr Urlaubszwecke benutzen können. Das Kuratorium fĂŒr Dialyse sagte, wenn ich solch ein GerĂ€t, fĂŒr D zugelassen hĂ€tte, mĂŒsste ich mich um den Absatz keine Sorgen machen.

Also musste das ‚Tragbare‘ DialysegerĂ€t schon etwas Besonderes sein. Es stellte sich heraus, dass ein Arzt, der in Marseille lebte, das GerĂ€t erfunden hatte. Da die Franzosen mit Englisch nicht so haben, bat ich mein Freund Pierre, den Brief zur Interessenbekundung fĂŒr den Vertrieb des GerĂ€tes in Deutschland, in Französisch zu schreiben.

Danach begann das Warten. Die RĂŒckantwort blieb aus. Also recherchierten wir nach der Telefonnummer. Pierre war wieder dran. Wir riefen den Arzt und Erfinder in Marseille an. Er war hoch erfreut, dass wir uns meldeten, dann auch noch in Französisch. Er lud uns zu GesprĂ€chen nach Marseille ein.

Ich, mein Bruder und Pierre flogen nach Marseille. Na ja, nicht ganz. Aus KostengrĂŒnden fuhren wir mit dem Wagen nach Paris und flogen von dort aus nach Marseille. Damals gab es die Billigflieger nicht. Dort angekommen, hat uns der Arzt vom Flughafen abgeholt und in das Beste, oder zumindest in das teuerste Hotel der Stadt gefĂŒhrt. Dort hatte er fĂŒr uns gebucht.

Er war Frauenarzt und hatte ein DialysegerÀt erfunden. Nun gut, wie wir erfuhren, war das GerÀt in Frankreich und Russland schon im Einsatz.

Als wir die ungeöffneten Schreiben auf seinem Tisch sahen, fragte Pierre, warum die ungeöffnet da lagen. Übrigens, ganz oben waren die Schreiben von einem großen deutschen und japanischen Hersteller.

Unser Arzt sagte : „Ach, was soll ich die aufmachen, ist sowieso alles nur in Englisch“. Als wir unser Schreiben aus der Masse rausfischten und ihm sagten, dass der Inhalt unseres Schreibens in Französisch war, bekam er leuchtende Augen. Jetzt waren wir bei ihm angekommen.

Wir sagten fast nichts mehr, er war dran und redete ununterbrochen. Am Ende hatten wir die Europa-Vertretung. Wir waren gar nicht scharf drauf. Schließlich waren wir auf diesem Gebiet auch in Deutschland Neulinge.

Wir verblieben so, dass wir einen Vertrag ausarbeiten und ihm zuschicken wĂŒrden.

Die Abreise nach 4 Tagen hatte zur Folge, dass die Kreditkartenlimits aufgebraucht waren. Wir mussten 12 Übernachtungen im teuersten Hotel bezahlen. Wenn in der TĂŒrkei jemand sie eingeladen hat, zahlt er auch das Hotel. Hierbei war die Überraschung nicht schlecht. 😉

Nach der RĂŒckkehr suchte ich einen Wirtschaftsanwalt, der internationales Recht kannte und uns den Vertrag ausarbeiten konnte. Wie sich einige Jahre spĂ€ter herausstellen sollte, was Dr. G. der absolute Spezialist. Er tauchte nĂ€mlich bei der Auflistung der besten deutschen Wirtschaftskanzleien unter den Top 10 auf.

Ich schilderte die Sachlage und er sagte, dass ich nach ca. 2 Wochen mit dem Vertrag in Deutsch und Französisch rechnen könne.

Mit dem Vertrag kam auch die Rechnung. Auf dem ersten Blick war ich schon erstaunt, wie teuer das Ganze war, aber es sollte noch schlimmer kommen. Ich hatte nĂ€mlich die eine ‚Null‘ hinten ĂŒbersehen. Ihr wisst, eine einzige Null kann die Probleme verzehnfachen. Es waren nicht 5.100 DM (mein erster Blick), sondern 51.000 DM. Also 1.000 DM ĂŒber unserem GrĂŒndungskapital. Wir waren pleite.

Sofort rief ich RA Dr. G. an und fragte, wie das denn sein könne. Er erzÀhlte mir, dass man vom GeschÀftsvolumen oder vom Stundensatz ausgehen könne, aber in beiden FÀllen wÀre der Betrag identisch. Schluck !

Klar, wenn man vor hat den Dialysemarkt Deutschlands zu beherrschen und das auch noch vor den RAen herausposaunt, der darf auch nicht staunen, wenn solch ein Ergebnis dabei herauskommt.

Lange Rede kurzer Sinn, nach mehreren Treffen mit dem Dr. G. wurde er unser Freund und Mentor. Die ĂŒbersehene ‚Null‘ hat er ebenfalls ĂŒbersehen. 😉

Das GerĂ€t musste durch den TÜV. Mit Bauchschmerzen traf ich dort ein. Ich wusste, die deutsche Wirtschaft erzeugt QualitĂ€t und wer unter diesem bleibt, muss leider draußen bleiben.

Ich stand vor dem ZustÀndigen und holte das 12 kg. schwere Teil aus der Tasche.

Der PrĂŒfer nimmt das GerĂ€t in Augenschein und sagt. „Der blaue Einschaltknopf hier ist in der Bedienungsanleitung als ‚rot‘ angegeben“.

Ich glaube, da war ich das erste Mal in meinem Leben wĂŒtend auf einen Franzosen. Schreibt was von rot, baut aber ein blaues ein.

Das muss man sich mal vorstellen, der PrĂŒfer hatte das GerĂ€t nicht einmal angepackt und schon lag ich 1:0 hinten.

Es kam noch Schlimmer.

Der PrĂŒfer : „Haben Sie was zu schreiben, dann notieren Sie !“ Er diktierte mir nur nach Augenschein aus einem Meter Entfernung 16 Punkte, die so nicht akzeptabel waren. Dennoch ließ ich zur Fehlererfassung 2 GerĂ€te, die StĂŒck 25.000 DM kosteten dort. Mir war klar, wenn 16 MĂ€ngel Außen, wie viele mĂŒssten innen noch verborgen sein. 😉

Beim Weggehen sagte ich noch dem PrĂŒfer : „Aber die Patienten in Frankreich und Russland ĂŒberleben doch, fließt durch die Adern der Deutschen ein anderes Blut ?“ Er fand es gar nicht witzig und ging.

Als nach 2 Wochen die Fehler erfasst waren, stand fest, dass der Franzose ein neues GerĂ€t fĂŒr die Deutschen erfinden musste. Die Sache wurde abgeblasen.

Dieser Versuch mit dem Franzosen ins GeschĂ€ft zu kommen hatte dennoch was Gutes. In einer TV Sendung nannte er unsere Firma als seine Europa-Vertretung. Ab dem Tag gaben die Franzosen sich die Klinke in die Hand. LĂ€ngere Zeit waren wir fĂŒr die Franzosen aktiv.

Was haben wir jetzt gelernt ?

  • Auch die kleinste Meldung, sogar in einer Frauenzeitschrift, kann ein GeschĂ€ftsansatz in sich verbergen.
  • Wer GeschĂ€fte mit den Franzosen machen möchte, sollte in Französisch kommunizieren und immer wieder nachhaken (wie in der TĂŒrkei).
  • FĂŒr die VertrĂ€ge den richtigen Fachanwalt aufsuchen. RA Dr. G. sagte : „Herr Dener, wir machen solche VertrĂ€ge, dass die Gegenseite, bei Streitigkeiten, sich lieber mit Ihnen arrangieren wird als vor Gericht zu ziehen“.
  • Den Preis fĂŒr den RA klar definieren und festhalten (falls man von einem großen Umsatz ausgeht, besser auf Stundensatz einigen). Sonst wird man von den vielen Nullen ĂŒberrascht.
  • Bei Handel mit technischen Erzeugnissen in Deutschland, die aus dem Ausland stammen, immer gut recherchieren, welche PrĂŒfsiegel und sonstige Auflagen zu beachten sind.
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