Rote Rosen und 500.000 D-Mark

rosenIch genieße praktisch jede Situation und registriere alles um mich herum bis ins kleinste Detail. Das ist im Privatleben nicht anders als im Geschäftsleben. Angenehmes wie Unangenehmes wird gleichermaßen akzeptiert und kompensiert. Situationen, die für andere evtl. eine Katastrophe bedeuten könnten, nehme ich abgefedert, auf meine Art auf und kann diesen noch etwas abgewinnen. Ich möchte Euch wieder mal eine schöne Geschichte erzählen, die das Leben schrieb.

Es war das erste Jahr meiner Selbständigkeit. Noch völlig unerfahren, suchte ich Geldgeber für ein Projekt. Da ich die Anzeigen einer großen Sonntagszeitung aus Deutschland, unter der Rubrik „Finanz- und Geschäftsanzeigen“ sehr gerne las, dachte ich, dass ich dort inserieren sollte. Das tat ich auch. Ich kann mich erinnern, dass es nicht ganz billig war.

Es haben sich sehr viele gemeldet. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die Gelder nur so auf mich gewartet hätten. Gelder zuhauf. So unerfahren wie ich war, habe ich hinter jedem Kontakt etwas Krummes vermutet. Jeder, der zu viele Fragen stellte, war für mich ein potentieller Spion.

Industriespionage, bei einem, der noch nie zuvor ein Geschäft abgewickelt hatte. 😉 Ich weiß, heute kann ich dem ganzen auch keinen Sinn abgewinnen. Das müssen aber die türkischen Gene gewesen sein. Die Projekte von Türken (bitte nicht mit den Ausnahmen kommen) sind schnell ausgedacht, nicht sehr kompliziert und ebenso schnell und leicht zu kopieren. Deshalb begegnet man dem Gegenüber mit Argwohn. Was ist, wenn er eher loslegt ?

Nur eine ältere Dame aus dem Harz klang am Telefon so vertrauensvoll, dass ich dachte ‚das ist meine Geldgeberin‘.

Wir machten einen Termin aus. Dass meine Einschätzung über sie stimmte, bestätigte sich als sie sagte, dass ich nicht mit Anzug dort aufwarten sollte, auf so etwas würde sie keinen Wert legen. Freizeitlook und Jeans wären okay.

Die Fahrt schien kein Ende zu nehmen. Von Köln in den Harz war ich über sechs Stunden unterwegs. Als ich an der betreffenden Anschrift ankam regnete es in Strömen. Eine schmucke Villa mit einem großen Garten von dem Haus. Nur grüner Rasen und einige Rosen. Schlicht und schön. Die ältere Dame war älter als die Stimme am Telefon. Später sagte sie mir, dass sie 77 Jahre alt wäre. Sie lebte mit der älteren Schwester (84) zusammen. Beide waren vor der Pensionierung Chirurginnen und nie verheiratet. Da konnte man erahnen, dass sich einiges an Geld sich angehäuft haben müsste.

Die jüngere von beiden empfing mich an der Türe des Hauses und bat mich um einen Gefallen. Ob ich ihr helfen und die Rosen im Garten rausreißen könne. Das ich mit all dem, was der Garten zu bieten hatte, in Kontakt kommen würde, konnte ich noch nicht erahnen.

Erstmals in meinem Leben musste ich feststellen, wie tief die Rosen verwurzelt waren. Ich zog mit aller Kraft aber der Stiel bewegte sich keinen Zentimeter nach oben. Bei immer stärker werdendem Regen, zog ich in alle Richtungen. Nachher gab die Dame mir noch eine Schaufel. So konnte ich die Rosen in knapp einer Stunde, unter strömendem Regen, freischaufeln.

Der Groschen war bei mir schon längst gefallen, warum kein Anzug sondern Jeans erwünscht waren. 😉

Da ich schon mal nass war, konnte ich noch weitermachen. Die ältere der Schwestern drückte mir 2 DM in die Hand und beschrieb mir den Weg zum Gartencenter. Ich sollte einen Sack Torf kaufen.

Einige Frauen, die an dem Garten vorbeikamen sprachen untereinander. Die eine sagte zum anderen : „Schau, die Schwestern haben einen Spezialgärtner aus Köln kommen lassen“. Ich, ein Spezialgärtner. 😉 Bis dahin hatte nur die Pflanzen in der Wohnung begossen. Der Weg war gut beschrieben. Ich kam mit dem Sack Torf zurück. Ich gab ein Bild ab, wie in den früheren Schwarzweiß Filmen, wo die Leiche in den Teppich gerollt wegtransportiert wurde. Egal wo ich anpackte, das Ding rutschte mir immer aus der Hand.

Der Rasenmäher war schon angelassen und wartete auf mich. Schnell habe ich in 2 Stunden noch den Rasen gemäht und schon war ich fertig mit der Gartenarbeit. Ich wurde ins Haus gebeten. Die Schwestern zeigten mir wo das Bad und die frischen Handtücher waren. Nach dem Duschen gab es im Wohnzimmer Kaffee und Kuchen. Auch saß dort ein Libanese. Wie die Schwestern mit ihren Brokern telefonierten, ihre Aktien kauften und verkauften, erzählte mir der Libanese, dass die Schwestern ihn finanzieren würden. Er würde gebrauchte Benz Fahrzeuge in Deutschland kaufen und nach Libanon exportieren. Auf meine Frage, wie viel Geld im Spiel wäre und welche Sicherheiten die Schwestern verlangt hätten, sagte er, dass er 1 Mio. DM von ihnen bekommen hätte. Als Sicherheit würde er den Schwestern die Fahrzeugbriefe da lassen. Hinter vorgehaltener Hand sagte er so ganz nebenbei, dass die Fahrzeugbriefe in Libanon sowieso keinen Wert hätten. 😉 Daraufhin habe ich ihn mit einem Lachen im Gesicht gefragt, wann er sich den absetzen wolle. Er sagte, dass er noch einige Jahre so weitermachen wolle, bis er sich in Libanon, welches (wie er mir verrät) der Deckname für Ägypten war, wo er eigentlich herkäme, zur Ruhe setzen wollte.

Mit ihm sprachen die Schwestern ca. 10 Minuten. Danach ging er. Ich vergaß ihn zu fragen, ob er derjenige welche war, der die Rosen damals einpflanzte. 😉

Ich erzählte kurz, was ich vorhatte. Eine der Schwestern sagte, dass 500.000 DM in Ordnung seien. Sie wollten dafür eine Beteiligung an meinem Unternehmen und wöchentliche, persönliche Berichterstattung. Da mein Businessplan den Privatjet, der für diese wöchentlichen Treffen nötig gewesen wäre nicht beinhaltete, habe ich mich bedankt und verabschiedet. Eigentlich konnte ich mich nicht so recht auf das Gespräch konzentrieren, denn ich sah vom Wohnzimmerfenster aus, wo wir saßen, dass der Garten hintern Haus weiterging und doppelt so groß war. 😉 Nach meinen Erfahrungen als ‚Spezialgärtner‘ würde ich für das Rasenmähen alleine 3 Stunden benötigen. Ob da noch an der Mauern entlang Rosen waren, konnte und wollte ich nicht mehr sehen.

Übrigens, nachher habe ich irgendwo gelesen, dass über 90% der Finanzanzeigen in der betreffenden Zeitung mit betrügerischen Absichten aufgegeben werden. Ich hatte mit den Schwestern eigentlich Glück. Die gehörten zu den restlichen 20%, wo Gartenarbeit zu verrichten war. 😉

Foto

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