Ich kenne den Deutschtürken der ersten Generation, der über dem Tellerrand schaute

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Virginia USA

Mein Beitrag von gestern über Mert, der in der Türkei scheiterte und in den USA groß Fuß fasste, fand so viel Zuspruch, dass ich heute eine ähnliche wahre Geschichte hinterher schicken möchte. Fast alle Deutschtürken, die in Köln leben, kennen den PAK FIRIN (Bäckerei) auf der Weidengasse.

Den Gründer Mesut Pak (sein Bild hängt noch im Laden), möge er in Frieden ruhen, habe ich sehr gemocht. Wir waren gute Freunde geworden. Ich war vom Kunden zum Freund aufgestiegen. Er fragte mich oft nach meiner Meinung. Das fing beim Geschmack des Türkischen Pizzas (Lahmacun) an, die bei ihm immer ganz lecker waren und hörte bei Tipps für Bundesligaspiele auf.

Eines Tages, kurz vor den Sommerferien, kam ich in sein Laden. Er wollte Nachmittags zur Bank und zählte Geld. Er sagte, dass die Ferien in 3 Wochen losgehen würden. Ich sagte sofort, lass mich raten, wo du hinfährst. Wohin sollte er schon hinfahren ? Natürlich in die Heimat. Wie alle Deutschtürken der ersten und zweiten Generation. Ein Leben lang niemals neugierig, wie es woanders ausschauen könnte.

Bei Mesut sollte es anders kommen. Es kam auf einmal über mich, dass ich mich Richtung Kasse bewegte und mir die Scheine schnappte. Ich zählte. Es waren 2.250 DM.

„Mit dem Geld buche ich dir eine Reise und zwar in die Ferne“ sagte ich. Er wollte nicht, aber hielt nur halbherzig dagegen. Im Reisebüro buchte ich für das Zeitfenster, was er mir gab, 2 Wochen USA. Von der Ost- zur West-Küste mit dem Auto. Danach waren wir noch eine Woche mit seinem Visum beschäftigt, aber alles lief planmäßig.

Ich fuhr ihn zum Flughafen und weg war er. Nach der Rückkehr hörte er nicht mehr auf zu erzählen. Wer ihn im Laden nach seinem Wohlbefinden fragte, musste sich anhören, wie toll es auf der anderen Seite vom Globus war. Er fing an Englisch zu lernen. Danach reiste er noch mehrmals in die Staaten. In Virginia fing er an, vor irgendeiner Uni, statt Hot Dogs wie üblich, türkischen Lahmacun zu verkaufen. Damals noch ohne Erlaubnis. Sicher dachten die Amis, so blöd kann keiner sein, der ohne Erlaubnis hier verkauft und müssen angenommen haben, dass alles ordentlich registriert war. Nach 3 Wochen musste er zurück nach Deutschland nur hatte er mittlerweile einen Angestellten, der an seine Stelle verkaufte. Dieser hielt sich wenigstens rechtens in den Staaten auf, auch wenn er schwarz arbeitete. Nach 2 Jahren war er mittlerweile offiziell in den Staaten aktiv und eröffnete eine Pak Firin Filiale.

Danach erkranke er. Die Diagnose war Krebs im letzten Stadium. Es ging ganz schnell. Weg war er, der Mesut. Einer der wenigen seiner Generation an Türken, die mitbekamen, dass außer der Türkei und Deutschland noch eine andere Welt existierte. Übrigens bedeutet Mesut ‚glücklich‘ und das war der Mesut. Sein Horizont war durch die eine von mir aufgezwungene Reise so weit, dass er sich richtig frei und glücklich fühlte.

Nach seinem Tode konnte mir der Gute noch ein Schmunzeln abgewinnen. Sein Erbe bestand aus einem Haus an seinem Geburtsort in der Türkei und der Rest war allesamt in den USA. 🙂

Als der ‚Glückliche‘ verstarb arbeitete bei ihm ein Jugendlicher aus Bosnien, der mit 16 Jahren bei ihm anfing. Mesut war nicht nur Arbeitgeber, sondern wie ein Vater zu ihm. Nach seinem Tode bekam dieser Junge den Laden und betreibt es heute noch.

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