Dem Fehlstart in der Türkei folgten 2 Wochen Urlaub. Was danach folgte…

Mert B. war einer aus meinem Netzwerk. Er war vom Beruf Fliesenleger und wollte mit seiner Frau und 2 Kindern, 4 und 8 Jahre alt, unbedingt in die Türkei ziehen. Er fragte mich, wie er das anstellen sollte und welche Genehmigungen er von der türkischen Handwerkskammer bräuchte. Ich habe ihm gesagt, dass er es seinlassen soll. Würde in der Türkei nicht funktionieren. Warum es nicht funktionieren würde, kann ich schnell erklären.

Ein deutscher Fliesenleger ist dem türkischen Kollegen um Lichtjahre voraus. In der Türkei gibt es neuerdings Lehrberufe, die aber unter der Bevölkerung kaum bekannt sind und bei denen, die es wissen, keinen guten Ruf haben. Das ist die Macht der Gewohnheit. In der Türkei kennt man nur den Uni-Abschluss und alles andere zählt nicht. Das erklärt auch die Masse der arbeitslosen Akademiker (25% sind arbeitslos). Die Universitäten schießen, wie Pilze vom Boden. Deutschland hat man in diesem Zusammenhang schon längst überholt. Natürlich nach Anzahl der Uni-Gebäude und nicht, was die Bildung angeht.

Mert erwähnte noch die nötigen Erlaubnisse von der türkischen Handwerkskammer. Ich habe ihm gesagt, wenn er wollte, könnte er in der Türkei einen Metzgerladen aufmachen und keiner würde was dagegen haben. So ist das hier. Jeder darf alles, wenn er mag (Vorsicht ! Die Bestimmungen werden der EU angepasst. Das ist eine Geschichte von 2004).

Wenn wir auf den türkischen Fliesenleger zurückkommen, dann stellen wir fest, das am Anfang der griechische Fliesengott Flisus stand. Danach gab der eine Meister, der sich selber zum Meister ernannt hatte, sein Wissen an den nächsten weiter. Immer blieb etwas an Wissen und Können zurück, weil der Meister nicht wollte, dass der Lehrling besser wird als der Meister.

So kam es, dass in der Türkei zwar Qualitätsfliesen produziert werden, die weltweit sich einen Namen gemacht haben und gut verkaufen, aber was das Legen dieser angeht… Na ja !

Der selbsternannte Maler legt schon mal Fliesen oder baut die Heizung im Haus ein. Universal Soldiers halt. Der Markt bestimmt die Preise. Hat der Handwerker zu dem Zeitpunkt keinen Auftrag, geht alles. Dann könnt Ihr den Preis runterhandeln und selber staunen, wie das gehen kann. Das die Qualität dann auf der Strecke bleibt, versteht sich von selbst. Zu dem Preis ?

Aber beruhigt Euch, auch wenn Ihr mehr bezahlen würdet, der Handwerker kann es nicht besser. Mert hörte nicht auf meinen Rat und war auf einmal in Istanbul angekommen. Ich habe ihn noch davon abbringen können, dass er sich einen teuren Ladenlokal nimmt. Nach der Gewerbeanmeldung legte er los. Mit seinen Preisen zog er immer den kürzeren. Auch wenn der Meisterbrief an der Wand hing, wenn interessierte das ? Alles geht über den Preis in der Türkei. Es sei denn, ein Produkt ist “Made in Germany”. Dann zahlt man einen höheren Preis, aber nicht bei einer Dienstleistung.

Nach einem Jahr gab Mert genervt auf. Er nahm seine Kinder von der türkischen Schule runter und wollte nach Deutschland zurück. Völlig Pleite war er nicht. Er wollte vor dem Neubeginn in Deutschland Urlaub machen und flog für 2 Wochen in die USA. Zuletzt hat er mich vor 2 Jahren angerufen und informiert, wie es ihm und seiner Familie, die mittlerweile um 2 Kinder angewachsen waren ging.

Aus den 2 Wochen Urlaub ist er nie zurückgekehrt. In dem Hotel, wo die in Los Angeles abstiegen, war ein Wasserrohrbruch. Als Handwerker griff er sofort ein und brachte alles in Ordnung. Die Hotelleitung war begeistert und der Geschäftsführer fragte ihn, ob er bei ihm im Haus auch einiges machen könnte. Natürlich gegen Bezahlung. Er tat es. Danach kam er, aus dem Viertel wo der Geschäftsführer wohnte, nicht mehr raus. Er wurde immer weitergereicht. Reparaturen zuhauf. Der Türke in ihm kam zum Vorschein. Er machte alles. Heizung, Sanitär bis Malerarbeiten. Fliesen legte er auch noch.

Als er mich anrief, hatte er 12 Mitarbeiter und 3 Fahrzeuge. Alle Mitarbeiter waren Türkischstämmige. Er hatte es geschafft, weil er ein Deutsch-Türke war. Ein Türke, der in Istanbul pleite geht, käme nie auf die Idee, noch schnell mal Urlaub zu machen, bevor er loslegt. Das ist Deutsch. Die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit im Job, die er an den Tag legt, ist Türkisch.  Ein Ur-Deutscher würde sagen : “Ich bin Fliesenlegermeister”. Ende !

Foto : Fliesenleger- in-Muenchen.de

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