Zu den Baustellen des Baugewerbes kommen noch die Baustellen der türkischen Wirtschaft

baumaxIstanbul (APA) – Die türkische Regierung will die „neue Türkei“ spätestens bis 2023 als wirtschaftliche Weltmacht sehen. Für 2014 rechnet das Land mit vier Prozent Wirtschaftswachstum. Internationale Ratingagenturen halten diese Prognosen für überzogen. Zu viele Risiken liegen auf dem Weg.

Moody‘s hat in einer Einstufung im August die Wachstumsprognosen für heuer und 2015 zwischen 2,5 und 3,5 Prozent angesetzt. Standard & Poor‘s hat seine Prognose für heuer von 2,4 auf 2,9 Prozent angehoben, aber die politischen Risiken weiter als hoch bezeichnet.

Schulden: Die Ratingagentur Fitch hat am Mittwoch neuerlich gewarnt, die Türkei müsse etwas gegen ihre hohe Auslandsverschuldung unternehmen. Im Zeitraum 2008 bis Juni 2014 hätten sich die Auslandsschulden der türkischen Banken um das Dreifache auf 164 Mrd. Dollar (125 Mrd. Euro) erhöht. Die kurzfristigen Auslandskredite, das heißt der Bedarf an schnellem Geld, hat sich in diesem Zeitraum um das Vierfache gesteigert.

Laut türkischem Statistikamt TUIK lag die Arbeitslosigkeit im Mai leicht verbessert bei 8,8 Prozent. Ohne Berücksichtigung der saisonale Einflüsse – der Positiveffekt der Tourismusjobs im Sommer – lag diese jedoch bei 9,5 Prozent. Das war die höchste Arbeitslosenrate seit 35 Monaten.

Die Inflation ist weiter ein gravierender Faktor. Im August lag die Teuerung leicht über den Erwartungen, trotz anderslautender Prognosen der türkischen Zentralbank. Die jährliche Inflationsrate belief sich Ende August auf 9,54 Prozent. Die höchsten inflationsbedingten Preissteigerungen wurden mit fast 14,5 Prozent bei Lebensmitteln und alkoholfreien Getränken gemessen, gefolgt von Möbeln, Beförderung und Gesundheitsausgaben. Die Inflationserwartung der Zentralbank liegt mittlerweile für 2014 bei 7,6 Prozent.

Die türkischen Verbraucher tragen schwer an der Last der steigenden Preise. Fast die Hälfte eines durchschnittlichen Einkommens wurden im Vorjahr nur für Essen und Miete ausgegeben. Rechnet man die Beförderungskosten hinzu, so sind zwei Drittel des Gehalts weggeschmolzen.

Die türkische Bevölkerung lebt auf Pump: Im Juni konnten nach Angaben der türkischen Bankenvereinigung TBB fast 186.000 Türken die Raten für ihre Bankkredite nicht mehr bezahlen. Alarmierend war die über 30-prozentige Steigerung bei Kreditkartenschulden. Rund 116.000 Türken konnten diese nicht begleichen. Im Vorjahreszeitraum waren es noch knapp 90.000 Personen gewesen.

Bildung ist für die ärmsten Schichten ein unbezahlbarer Luxus. Das ärmste Fünftel in der Türkei konnte im Vorjahr gerade einmal 0,7 Prozent seines Einkommens für die Bildung der Kinder aufwenden. Ihr Anteil an den gesamten Bildungsausgaben des Landes lag bei mageren 2,5 Prozent, während der Anteil des gut verdienenden Fünftels in der Türkei an den gesamten Bildungsausgaben des Landes fast 65 Prozent betrug.

Der ungleiche Einkommensverteilung in der Türkei setzt sich fort. 16 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, Millionen Türken besitzen keine Sozialversicherung. Für Härtefälle gibt es die sogenannte „Yesil Kart“ (grüne Karte), mit der man Zugang zur staatlichen Gesundheitsversorgung hat. Vor allem die AKP-geführten Kommunen leisten sich zu Wahlzeiten Hilfen mit Lebensmitteln und Heizmaterialien – Zusatzausgaben, die aus dem Budget des Staates fließen.

Verschwenderische Ausgaben der Kommunen und Sonderprovinzverwaltungen: Diese verzeichneten im ersten Quartal des laufenden Jahres ein Budgetloch von 4,15 Mrd. Lira (1,46 Mrd. Euro). 2013 betrug deren Defizit im Gesamtjahr 4,3 Mrd. Lira. Vor allem die Investitionen der kommunalen Haushalte sind explodiert. Im Vorjahreszeitraum wurden 4,7 Mrd. Lira aufgewendet, heuer waren es 10,1 Mrd. Lira. Am meisten Geld haben die Kommunen für Bauvorhaben ausgegeben. Allein in Istanbul betrug die Summe für öffentliche Gebäude, Straßen, Sanierung und Stadtverschönerung 5 Milliarden.

Quelle : http://www.tt.com/home/8935730-91/die-baustellen-der-t%C3%BCrkischen-wirtschaft.csp

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