‚Der Entscheider‘ von John Grisham

bigbossKennt Ihr nicht ? Solch einen Roman von John Grisham gibt es auch nicht. Ich meine die türkischen Entscheider und Unternehmer.

Der türkische Entscheider, bei rein türkischen Unternehmen, ist zumeist der Boss, der Big Boss an der Spitze. Er entscheidet so ziemlich über alles (‚ziemlich‘ hätte ich weglassen können) und gibt mit seiner Unterschrift sogar das Geld für Schreibwaren im Wert von z.B. 30 TL frei, wohlgemerkt in einem 200 Mann Betrieb. Er, in diesem konkreten Fall, hat ein Stahlbauunternehmen und macht im Jahr ca. 11 Mio. Euro Umsatz.

Ich soll sein Exportberater sein. (Einmal im Jahr versuche ich auch mal einen Auftrag von einem türkischen Unternehmen zu bekommen. Das war solch ein Versuch). Nach 20 Minuten der Beobachtung wusste ich, dass ich von ihm keinen Auftrag bekommen würde.  Vor meinen Augen hat er die 30 TL für die Schreibwaren freigegeben.

Mein Termin war um 9 Uhr. Mittlerweile hatten wir 11 Uhr. In dieser Zeit hat er bestimmt 5-6mal telefoniert, die 30 TL freigegeben, mich 5mal wegen Tee oder Kaffee gefragt, 2mal aus dem Zimmer rausgegangen, Süßigkeiten aus der Stadt kommen lassen (Baklava) und schon gingen wir in die 3. Stunde hinein. In der 3. Stunde ging es um mehr Geld. Er wollte eine Wohnung in Istanbul verkaufen. Dem Mann, der mir gegenüber saß, sagte er : „Wir bleiben bei 800.000 Euro und gehen kein Cent runter“. Dann hat er mir erzählt, wo die Wohnung ist. „Meinen Sie nicht, dass es ein sehr stolzer Preis ist für die Lage ?“ sagte ich.  „Ein Dummer wird sich schon finden, ich habe es vor 2 Jahren für 280.000 Euro gekauft“.

Zum Glück hatte er die Flugtickets geschickt, schließlich befand ich mich in der fast mittel-anatolischen Stadt Kayseri, 770 km von Istanbul entfernt.

„Zu Mittag werden Sie den weltbesten Manti (eine Spezialität der Stadt, gefüllte Teigtaschen) essen“ sagte er. Ich freute mich schon mächtig auf das Essen, zumal hier sonst nichts zu holen war.

Übrigens ist das immer so. Den Weltbesten Döner, Manti & Co. gibt es immer da, wo ich meinen Termin zufällig habe. „Weltbeste“ ist immer der gemeinsame Nenner.

“Kayseri ” ist der gemeinsame Nenner, wenn es zu keinem Beratungsauftrag kommen soll. Den Beraterauftrag hat es in Kayseri für mich auch noch nie gegeben. Die Bewohner rühmen sich damit, knausrig zu sein. Wahrlich kein Zug, um sich Freunde zu machen. Das muss auch der Grund sein, weshalb man sich untereinander besser versteht als mit Auswärtigen . 😉

11:45 schien es so, als wäre ich dran mit meinem Anliegen. „Lassen Sie uns über die Exporte reden“ sagte der Big Boss.

Ich : „Wie sind Ihre Vorstellungen und Wünsche, Sie exportieren wohl hauptsächlich in den arabischen Raum und die östlichen Nachbarländer der Türkei“.

Übrigens, wenn ein türkisches Unternehmen ausschließlich in diese Länder exportiert, kann man davon vieles ableiten. Ich möchte hier nicht alle aufzählen, aber mit Visionen und Ambitionen muss man in solch einem Unternehmen nicht rechnen.  Man denkt auch, dass ein Business mit Menschen vom gleichen Schlag (gemeinsame Religion, Schnäuzer, Bart…), gemeint sind die ganzen Nachbarstaaten der Türkei zum Osten hin, leichter zu bewerkstelligen ist.

Big-Boss : „Ja, das stimmt, wir würden auch gerne nach Europa verkaufen, aber da sind zu viele Auflagen, die wir erfüllen müssten“ (wahrscheinlich nicht könnten).

Dabei ging es beim Vorgespräch (am Telefon vor einer Woche) ausschließlich um ein Export nach Europa, mit Firmengründung in Deutschland.

Ich : „Und wie kann ich Ihnen helfen ?“

Big-Boss : „Das wollte ich Sie fragen, wie können Sie uns behilflich sein ?“

Der Big-Boss sagte erstmals ‚uns‘ und das schallte nur so durch den Raum. Davor sprach er immer ‚ich‘ Form. Auf einmal war das ‚wir Gefühl‘ wohl da. Nur bei mir war alles weg. Kein Gefühl mehr für nichts. Ich dachte nur an das Essen und schnell weg hier.

Mir blieb damals die Luft weg, wie jetzt auch, wenn ich darüber schreibe. Das Essen schmeckte auch nicht besonders.

Anschließend sagte ich, dass ich vor dem Rückflug noch etwas am Notebook zu arbeiten hätte. 5 Stunden vor dem Flug hat man mich, im damals einzigem EKZ, abgesetzt. Da ich mein Notebook sowieso nicht mitgenommen hatte, ging ich ins Kino. Auch da fühlte ich mich ziemlich alleine gelassen. Ich war der einzige Zuschauer, bei einem allerdings tollen Film. So hatte sich die Reise dennoch gelohnt. 🙂

Grundsätzlich mache ich einen Fehler niemals nur einmal, schließlich muss ich wissen, ob es beim ersten Mal ein Zufall war. Nach Kayseri aber würde ich nur noch in Kundenauftrag reisen. 😉

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