Meine Sekretärin, die Selbstständigkeit, die Personalberater, die Erfahrungen, das Leben …

ben1Es gab Zeiten, da hatte meine Sekretärin am Monatsende mehr in der Tasche als ich. Das hat sich mit der Zeit geändert. Jetzt habe ich keine Sekretärin mehr.

Der eigentliche Anlass, warum ich heute das Thema der Selbstständigkeit anschneide ist ein anderer.

Wieder einmal hat mich ein Headhunter angerufen. Ein Top-Personalberater, dessen Name mir auch als solcher geläufig war. Es ging um die Geschäftsführung eines großen deutschen Unternehmens. Man war über meine Referenzen, über Empfehlungen und Dank der Tatsache, dass ich überall im Internet auftauche, auf mich aufmerksam geworden.

Ich genieße solche Treffen mit Personalberatern, wohlwissend, dass es am Ende zu nichts führen wird. Warum ich mir so sicher bin? Die Vorurteile stehen, wie auch in diesem Fall, allen guten Dingen im Weg. Jetzt werden Sie vielleicht denken, „Aha, wieder der Migrationshintergrund!” Weit gefehlt, denn damit habe ich nichts am Hut. Ich stehe mit dem, was ich bewegt habe und immer noch bewege, sehr gut da, so dass es keine Rolle spielt, dass ich als guter Deutscher über einen türkischen Ursprung verfüge. Bei mir ist es ein anderes Problem. Die Selbstständigkeit!

Mittlerweile habe ich Übung. Wenn mich ein Personalberater kontaktiert, sage ich sofort: „Sie wissen, dass ich Zeit meines Lebens nur selbstständig war?“ Schon gehen bei meinem Gegenüber die Jalousien runter. „Oh, dass wird man nicht akzeptieren.“

Man geht davon aus, dass die Selbstständigen nicht teamfähig sind und sich mit Sicherheit nichts sagen lassen würden. „Einmal selbstständig, immer selbstständig!“ Gerade fällt mir wieder mal auf, wie schwer das Wort überhaupt zu schreiben ist, geschweige denn erfolgreich auszuführen.

Es liegt gewiss nicht daran, dass ich auch einer von ihnen bin, doch im Allgemeinen bewundere ich alle Selbstständigen und gönne jedem einzelnen den Erfolg. Auch wenn sie Konkurrenten von mir sind. Es ist ein hartes Brot als Selbstständiger.

Über die Personalberater, die mit mir Termine vereinbarten und nicht wussten, dass ich nie angestellt war, möchte ich mich nicht auslassen. Wenn Sie schon sagen, dass Sie über meine Präsenz im Internet auf mich aufmerksam geworden sind, dann frage ich mich aber dennoch, wie diesen Personen, die oftmals nicht nur über das Schicksal der Bewerber als Einzelpersonen, sondern auch von deren Familien und Angehörigen indirekt mitentscheiden, meine Selbstständigkeit entgangen sein kann, wo doch diese Info förmlich aus jeder Zeile, die ich schreibe, hervorspringt.

Da stelle ich mir natürlich die Frage, ob diese das Recht haben sollten, über die berufliche Karriere bzw. den Lebensweg eines Menschen zu entscheiden, wo sie doch selber Defizite zu haben scheinen.

Ich habe an die 700 Personen für meine Beratungskunden bei deren Markteintritt in die Türkei eingestellt. Ich weiß also selber, worauf es ankommt. „Sie passen nicht zu der Stellenausschreibung, aber die Fähigkeiten, die Stelle auszufüllen, scheinen Sie zu besitzen. Ich werde Sie einstellen und Sie im Auge behalten. Ich bin mir sicher, Sie wachsen mit der Aufgabe mit“… sagte ich oftmals.

Den Kontakt zu diesen Personen habe ich auch tatsächlich nie abreißen lassen. Es ist jedes Mal gut gegangen. Die Menschen standen mir gegenüber in der Pflicht und wollten mich nicht enttäuschen, nachdem ich mich für sie mit aller Kraft eingesetzt hatte. Das ging immer gut.

Gehörte jetzt der letzte Absatz hierher? Egal, klingt nicht schlecht.

Ja, die Selbstständigkeit. Ich habe den Weg in die Selbstständigkeit eigentlich einem dummen Umstand zu verdanken. Während eines Praktikums in Köln bot man mir eine Lehrstelle als Industriekaufmann an. Da ich mich während der Zeit sehr gut bewährt hatte, und als Praktikant sogar bei gewissen Entscheidungsfindungen eingebunden worden war, konnte ich sicher sein, meinen Weg zu machen.

Die Idee fand ich gut. Ich sollte ein ärztliches Attest mitbringen und meinen Vertrag unterschreiben. Ich möchte es nicht in die Länge ziehen, sondern den Grund auf den Punkt bringen: Ich kann mir kein Blut abnehmen lassen. Das war’s! Kein ärztliches Gutachten, keine Unterschrift, keine Lehrstelle.

In diesem Moment stellte ich fest, dass ich nur in die Selbstständigkeit konnte.

Für über hundert Marken und Unternehmen war ich bis heute aktiv. Im Business musste ich drei Kaltstarts hinlegen. Das allein macht mich zum unschlagbaren Experten. Aus den Fehlern lernt man und behält Narben zurück, die aber nötig sind, um eine Wiederholung dieser Fehler zu vermeiden. All die sterilen und reinen Erfolgsgeschichten sind im Nachhinein rekonstruierte, reingewaschene Versionen der realen Abläufe. Es liegt gewiss sogar oftmals keine Absicht dahinter, denn wenn man erfolgreich ist, vergisst man leicht, wie man zu dem Erfolg gelangte.

Übrigens, warum ich mich trotz allem mit den Personalberatern noch unterhalte, liegt wohl an der Eigenart der Hoffnung, stets als letzte zu sterben. Immer habe ich Projekte angenommen, realisiert und mich nach erfülltem Auftrag abgenabelt. Der Reiz, etwas wachsen zu sehen und selber zu lenken, ist geblieben.

Noch ein guter Rat an die, die an einem Scheideweg stehen. Überlegen Sie es sich gut, bevor Sie in die Selbstständigkeit gehen. Der Weg zurück ins Angestelltenverhältnis kann dornig und unüberwindbar sein. Aber gebe es die Selbstständigen nicht, gebe es die Welt nicht.

Kaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

Das könnte Dich auch interessieren …