Immer weniger berufstätige Frauen in der Türkei

Die Beschäftigungsquote von Frauen in der Türkei ist aktuell auf ein Viertel abgesunken. Schlechte Jobs und geringe Bezahlung kennzeichnen ihren Berufsalltag. Die Politik der religiös-konservativen Regierung fördert den Rückzug von Frauen aus dem Arbeitsleben.

Nur rund sieben Millionen Frauen in der Türkei besitzen einen Job mit sozialer Absicherung. Bei einer Bevölkerung von 76 Millionen und insgesamt 25 Millionen Beschäftigten stellen Frauen damit aktuell nur ein Viertel der Beschäftigten im Land. Immer noch arbeiten 2,2 Millionen Frauen in der Landwirtschaft, nur eine gute halbe Million weniger als Männer. Dies geht aus den jetzt veröffentlichten Zahlen des türkischen Statistikamts TUIK hervor.

Mit der Arbeitssituation der Frauen steht es nicht zum Besten. Wochenarbeitszeiten von durchschnittlich 52 bis 53 Stunden und geringe Bezahlung lassen viele nach einer Alternative suchen. Laut OECD zählt die Türkei zu den Ländern, wo am längsten gearbeitet wird, im Schnitt 100 Stunden mehr als in anderen Industriestaaten. 33 Prozent der türkischen Frauen in einem Angestelltenverhältnis sind davon betroffen.

Kindertagesstätten sind eine Seltenheit und teuer. Für viele Frauen ist Heimarbeit oft die einzige Möglichkeit, einen Zuverdienst für das Familieneinkommen zu generieren.

Vizepremier Ali Babacan beklagte in der Vorwoche bei einem Wirtschaftsforum in Istanbul die niedrige Beteiligung von Frauen am türkischen Arbeitsmarkt. Frauen gelten als „verstecktes Energiepotenzial“, das es für die Wirtschaft zu nutzen gilt. Babacan strich heraus, dass im Jahr 2004, zwei Jahre nach Amtsantritt der regierenden AKP, die Beschäftigungsquote von Frauen bei 23,3 Prozent lag und im Jahr 2014 über 30 Prozent erreichte, berichtete die Zeitung „Hürriyet“. Tatsächlich ist letzteres aber die Erwerbsquote von Frauen. Diese lag im ersten Quartal 2014 der Statistikbehörde zufolge nur mehr bei knapp 29 Prozent.

Es gebe eine politische Doppelstrategie bei der Frauenbeschäftigung, strich der Ökonom Özgür Müftüoglu von der Marmara Universität gegenüber der Nachrichtenagentur Dogan hervor. Insbesondere für Frauen gelte, dass sie selbst in einem bezahlten Job ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr decken könnten, geschweige denn die Kosten für Kinderbetreuung.

In Folge der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 waren Frauen als billige Arbeitskräfte gefragt. Gleichzeitig gab es die politische Vorgabe, mehr Kinder zu gebären. Beides zusammen habe dazu geführt, Frauen zu Hause festzusetzen, so Müftüoglu.

Die Zahl der Frauen, die sich nicht einmal mehr um einen Job bemühen, ist im Steigen begriffen. Die Statistikbehörde TUIK reiht sie in ihrer Beschäftigungsstatistik unter die Rubrik „Hausarbeit“ ein. Allein im Jahr 2013 waren fast zwölf Millionen ausschließlich mit „Hausarbeit“ beschäftigt, Tendenz steigend.

Vor 25 Jahren lag die Beschäftigungsquote von Frauen noch bei knapp mehr als 36 Prozent. In den darauffolgenden 20 Jahren ging diese um über zehn Prozent zurück und betrug 2009 nur mehr 26 Prozent. Die Frauenbeschäftigung in Europa und den USA betrug zum selben Zeitpunkt das Doppelte.

In den letzten fünf Jahren stieg die Anzahl der Frauen mit einem sozialversicherten Job wieder leicht an und erreichte die 30-Prozent-Hürde. Seit dem Vorjahr sind die Zahlen erneut rückläufig.

Die neoliberale Wirtschaftspolitik der Türkei seit den 1990er-Jahren hat insbesondere auch die Frauenbeschäftigung in den ländlichen Gebieten völlig auf den Kopf gestellt. Vor 25 Jahren waren nach Angaben der ILO drei Viertel aller erwerbstätigen Frauen in der Landwirtschaft tätig. Während viele der männlichen Einkommensbezieher in den Dienstleistungsbereich abwanderten und dort Arbeit fanden, war 2009 immer noch fast 42 Prozent der weiblichen „Workforce“ in der Landwirtschaft tätig.

In dem Agrarland Türkei waren 1989 über 47 Prozent der gesamten türkischen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft beschäftigt. Die Zahl hat sich innerhalb von 20 Jahren auf knapp die Hälfte reduziert. Im Jahr 2014 haben laut der türkischen Statistikbehörde nur mehr rund 20 Prozent der Einkommensbezieher ihr Geld mit einen Job in der Landwirtschaft verdient, davon über zwei Millionen Frauen.

Was die Statistik nicht erfasst sind Billigjobs ohne Versicherung und Tagelöhner. Nach Schätzungen von türkischen Gewerkschaftsvertretern liegt die Zahl derer, die allein in der Landwirtschaft ohne jegliche Absicherung arbeiten, bei rund 80 Prozent, wobei wiederum der Anteil von Frauen und Kindern ungleich hoch ausfällt.

Quelle : tt.com

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