“Die Straße” und der Stadtteil Kadiköy in Istanbul

cavitpasa

Cavit Pasa Residenz (Köskü) heute

Bagdat Caddesi bedeutet übersetzt ‘Bagdat Straße’. Was für ein Name für die Prachtstraße auf der anatolischen Seite von Istanbul im Stadtteil Kadiköy. Hier bin ich geboren worden. Da meine Mutter nicht mehr ins Krankenhaus schaffte, bin ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, der dickste Brocken, der jemals auf dieser Straße geboren wurde. Satte 6 kg. Nun gut, Bagdat Straße wird nicht wegen mir ‘Die Straße’ genannt.

Sagt ein Istanbuler “Ich gehe heute auf Die Straße !” (Ben bugün Cadde’ye gidiyorum) weiß jeder, was damit gemeint ist.

In den Siebzigern floss der Verkehr in beide Richtungen. Oder sagen wir besser ‘stand’ in beide Richtungen. Das ist die Gemeinsamkeit zu heute. Heute führt die Straße nur in eine Richtung, nämlich zum Hafen Kadiköy, aber der Verkehr steht die meiste Zeit.

Als ich noch klein war, konnte man von unserem Haus aus, wo ein Hühnerstall im Garten war und wir unsere Tomaten und Gurken noch selber ernteten, das Marmara Meer sehen. Das waren wahrscheinlich die letzten Tomaten und Gurken, die jemals in einem Garten auf dieser Straße geerntet wurden. Heute sind schon einige Häuserreihen und die fast 100 m Breite Uferstraße (4 Spuren, die Stadtauswärts führen) vor meinem Geburtshaus und verhindern den Meerblick.

Bis Ende 80er hat man auf der asiatischen Seite von Istanbul gelebt und auf der europäischen Seite gearbeitet oder man hatte lediglich die Sommerhäuser hier. Bis auf die Schulferienzeit (3,5 Monate) war man auf der europ. Seite am Arbeiten. Es waren schöne Zeiten damals. Ein Haus neben dem anderen, große Gärten, wo wir noch rumtoben konnten. Heute gibt es auf der fast 14km langen Straße, nicht mal 10 Häuser von damals. Das feudale Geburtshaus (Cavit Pasa Köskü, Bostanci-Catalcesme Duragi) meiner Mutter  (sie lebt heute in Antalya) steht noch. Nun gut, ‘stehen’ kann man bald nicht mehr sagen, denn das Holzgebäude bricht in sich ein (siehe Foto). Der Automobil Club der Türkei hat es für 15 Jahre gepachtet, mit dem Versprechen, es zu restaurieren. Im 10. Jahr scheinen die immer noch zu planen. Bis heute ist nichts geschehen. Übrigens, das schöne Gebäude tauschte man, wegen der zu hohen Unterhaltskosten, in der Familie, gegen ein Steinhaus in direkter Nachbarschaft aus.

Bis Anfang 70er fuhr sogar noch die Straßenbahn auf der Bagdat Straße. Davon ist jetzt nichts mehr zu sehen. Die Straße ist nicht künstlich entstanden, wie in vielen Stadtteilen von Istanbul üblich, wo Luxus und Geld regieren. Die Menschen, die hier leben, sind größtenteils wohlhabender und gebildeter als der Durchschnitt. Alteingesessene Istanbuler Familien. Ich würde jedem Istanbul Reisenden raten hier mal vorbei zu schauen. Ich für meinen Teil, wünsche ich mir, dass die Türkei so ausschaut, wie auf der Bagdat Straße oder wie vielerorts in Kadiköy.

Übrigens ist es kein Zufall, dass ich 2006 das Vapiano Restaurant (1.000 qm) aus Deutschland, im Stadtteil Suadiye, auf der Bagdat Straße positioniert habe. Hier finden sich alle Top-Weltmarken. Da es keine größeren Läden gibt, haben einige Unternehmen gleich mehrere Filialen auf einer einzigen Straße. ZARA z.B. hat 3 Filialen. Der Elektronikeinzelhändler Teknosa gar über 10, Starbucks 4 usw. Die Straße ist kaufkräftig und wurde in den letzten Jahren zur 4. wichtigsten Straße weltweit gewählt.

Was für die Augen gibt es auch auf der ins Meer hinein aufgefüllte fast 30 km lange Uferstraße zu sehen. Tolle Häuser, Parks und Residenzen. Witzig ist, dass einige noch Ruder- oder Motorboote im Garten haben. Diese Häuser waren nämlich, vor dem Bau der Uferstraße, direkt am Wasser.

Gegenüber sieht man die Prinzeninseln. Einfach mal mit dem Schiff von Bostanci aus rüber und nochmal was anderes sehen als auf dem Festland. In Büyükada, dem größten der Inseln, gibt es nur die Kutschen als Fortbewegungsmittel. Dort ist es traumhaft schön.

Immer führe ich meine Gäste aus dem Ausland auf Die Straße. Gleich ein Schock zu Anfang. Dabei muss ich an einen Klassenkameraden von meinem Bruder denken. Er war in den 70er Jahren mit uns in die Ferien gekommen. Bei der Ankunft (Morgens und noch dunkel), direkt nach der Landung, Stromausfall. Der Notstromaggregat nahm den Betrieb erst nach 5 Minuten auf. Dann die Ankunft auf der Bagdat Straße. Das war der zweite Schock vom guten Hansi, der erst den Stromausfall bei der Landung verarbeiten musste. Er hat bestimmt geglaubt, wir würden in der Türkei in Zelten leben. Irgendwie war er zwei Tage lang sehr still. 😉

Ein Erlebnis besonderer Art kann der Istanbul Reisende ein Stück weiter nochmals erleben. Im Stadtteil Ümraniye-Zentrum ( 10-15 Minuten von der Bagdat Straße entfernt) sieht man dann das Bild der Bagdat Straße 180 Grad verkehrt. Das kommt dem Bild der Europäer, wie sie sich die Türkei vorstellen, wesentlich näher.

VIDEO der Stadtverwaltung von Kadiköy

Das könnte Dich auch interessieren …