Brief eines Migranten-Kindes an seine Mutter: Danke für so viel Mut, Kraft, Liebe und Zeit

mutterkindLiebe Mama,

ich weiß, der Muttertag ist schon vorbei. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass Millionen Einwandererkinder niemals so ganz ihren Dank an ihre Mütter aussprechen konnten. Im Namen aller möchte ich mich deshalb bei dir und Müttern wie dir bedanken.

Danke, dass du mich, wie jede andere Mutter auch, immer beschützt hast und dass ich nun groß genug bin, um dich einmal beschützen zu können. Viele Erzieherinnen in KiTas, Schulen und Kindergärten haben immer gemeint, du wärst eine schlechte Mutter und hilflos, weil du nicht die Sprache des Landes sprechen konntest, in das du eingewandert bist. Ich habe das Gefühl, dass diese Leute gar nicht wissen, was eine gute Mutter ausmacht und wie wenig die Fähigkeit, eine Sprache zu sprechen, dieses Talent beeinflusst. Ich habe das Gefühl, dass sie gar nicht wissen, dass Liebe und Mut alle Barrieren – und insbesondere die Sprachbarrieren – durchbrechen können.

Danke Mama, dass du im Kindergarten trotzdem immer zum Elternkaffee gegangen bist, obwohl du wusstest, dass keine deutsche Mutter neben dir sitzen würde. Danke, dass du trotzdem immer da warst, obwohl du alleine warst, weil sich keiner die Mühe gemacht hat, mit dir zu kommunizieren. Danke, dass du mir immer gesagt hast, dass es dir mehr Spaß macht, mir beim Spielen zuzugucken, wenn ich dich gefragt habe, weshalb du alleine am Tisch sitzt. Danke, dass du trotzdem die Kuchen gebacken hast, obwohl dir diese Nachmittage kein bisschen Spaß gemacht haben.

Danke Mama, dass du mir im Kindergarten – wie jede andere Mutter auch – meine Schultüte gebastelt hast. Danke, dass du mich seelisch auf meinen ersten Schultag vorbereitet hast, obwohl alle anderen Familien in der Gegend erzählt hatten, meine Grundschullehrerin hätte etwas gegen Einwandererkinder. Danke, dass du die Angst, dass ich diskriminiert werden könnte, mir gegenüber nie gezeigt hast und mit Papa heimlich darüber geredet hast, als ich im Schlaf nicht mehr mithören konnte. Danke, dass du mir immer erklärt hast, dass jede Lehrerin – egal woher man kommt – alle Kinder gleich lieb hat, wenn sie fleißig sind, als ich von anderen Kindern mitbekam, dass Lehrer sie diskriminiert hatten.

Danke Mama, dass du mir erklärt hast, wie wichtig Schule ist und wie viel Spaß sie macht. Danke Mama, dass du mir trotz gebrochenem Deutsch meine Diktate vorgelesen und meine Fehler korrigiert hast. Danke, dass du dir mehrmals in der Woche die Zeit genommen hast, um mit mir in die Bücherei zu gehen und um mit mir gemeinsam Bücher auszuleihen. Anschließend haben wir sie gemeinsam gelesen und ich habe dir immer auf Türkisch erklären sollen, was in dem Kapitel drinstand. Danke, dass du Papa immer den Mut gemacht hast, trotz gebrochenem Deutsch zum Elternabend der Tochter zu gehen, auch wenn er zu Beginn alleine da saß und sein Blatt weniger Notizen beinhaltete als die der anderen Eltern. Danke, dass deine Erziehung die eigentliche Ursache dafür war, dass ich jeden Morgen voller Freude und Euphorie in die Schule gegangen bin.

Danke Mama, dass du dir die Angst nicht hast anmerken lassen, als ich auf das Gymnasium kam und du den Eindruck hattest, dass ich nun total auf mich allein gestellt sein würde, wenn ich Schwierigkeiten hätte. Ich erinnere mich noch daran, als Papa voller Freude und Verunsicherung zugleich gesagt hatte: „Du kommst nun auf das Gymnasium, aber ich weiß nicht, ob ich dir von nun an noch mit den Rechenaufgaben helfen kann.” Wir hatten doch zu dieser Zeit niemandem in unserem Umfeld, der auf dem Gymnasium gewesen wäre. Aber Gott sei Dank hattest du mir erklärt, dass es völlig in Ordnung ist, seine Lehrerin zu fragen, wenn man etwas nicht verstanden hatte.

Du hattest mir erklärt, wie wichtig es ist, in der ersten Reihe zu sitzen. Du hattest mir beigebracht, dass ich keine Angst haben sollte und bald wieder ganz viele neue Freunde haben würde. Danke Mama! Obwohl du keine Ahnung über die Inhalte und den Umfang dessen hattest, was ich für das Abitur lernen musste, wusstest du im Nachhinein sehr wohl, wer Michael Kohlhaas, Herr K. und die alte Dame waren. Selbstverständlich hast du niemals zur Prüfungsphase meine Lieblingssüßigkeiten vergessen und zur Aufmunterung meine Lieblingsgerichte gekocht.

Danke Mama, dass du einfach nur gesagt hast: „Nichts geht über dein Glück! Studiere einfach, was dir Spaß macht und womit du glücklich bist. Als Mutter ist es meine Pflicht, dich in all deinen Entscheidungen zu unterstützen.” Danke, dass du mich an den Wochenenden, an denen ich erschöpft von der ganzen Lernerei nach Hause komme, einfach in den Arm nimmst und mich mit positiver Energie volltankst.

Danke Mama, dass du mich zu einer selbstbewussten Person erzogen hast, die sich traut, zu sprechen. Sprechen für Leute wie dich, die es einst nicht konnten, sprechen und schreiben für Menschen, damit sie auch einmal eine Stimme bekommen. Danke, dass du mir beigebracht hast, alles mit viel Liebe zu machen und jedem mit viel Liebe zu begegnen, jeden in die Arme zu schließen und allen Menschen zu helfen. Menschen auf ihre Fähigkeiten aufmerksam zu machen und sie dazu zu motivieren, dass sie mit diesen Wunder bewirken können, genau so, wie du es bei mir getan hast.

Danke Mama, dass du mir immer wieder zeigst, dass es nichts zu bedeuten hat, welchen Bildungsabschluss man hat, sondern die Bildung des Herzens an erster Stelle kommen muss. Mama, du hast nur einen Grundschulabschluss, aber ich habe mehr von dir gelernt und mehr von deinen Worten verstanden als von allen Professoren zusammen, denen ich jemals begegnet bin und jemals begegnen werde. Danke Mama, dass du trotz allem alle Menschen dazu ermutigt und verpflichtet hast, eine Sprache zu lernen, weil du selbst erfahren hast, welche Nachteile daraus entstehen können, sie nicht zu sprechen. Danke, dass du mir erklärt hast, wie wichtig es ist, keinen auszuschließen, weil du selbst den bitteren Geschmack von Ausgrenzung kennst.

Danke Mama für so viel Mut, Kraft, Ausdauer, Liebe und Zeit. Danke für all diese Investitionen in deine Kinder und deine Mitmenschen. Das Lob, das ich bekomme, gebührt alleine dir. Denn ohne eine so tolle Mutter wäre ich heute nichts. Deshalb werde ich es auch niemals zulassen, dass dich andere demütigen und dich zu einer schlechten Mutter degradieren, weil du ihre Sprache nicht perfekt sprichst.

Wir stehen noch am Anfang, aber das ist egal, denn ich weiß, dass du immer da sein wirst – wie jede andere Mutter auch!

Ich liebe dich und alle Mütter, die dieselbe Stärke bewiesen haben.  Deine Tochter.

huffingtonpost.de von Merve Gül

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