“Ankara’nin baglari” und „Commandante Che Guevara“

ankaranin

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Ein Freund aus Istanbul berichtete, was er letzte Woche auf dem Schiff von Kadiköy nach Besiktas erlebte und wie toll er das Ganze fand. Zuerst wollte ich mich an die Sache heranwagen und darüber schreiben, aber seine Beschreibungen der Situation waren etwas wirr. Er war zu mitgenommen, von dem was er erlebte. Heute sehe ich, dass eine bekannte Journalistin mit am Bord war und die Geschichte in ihrer Kolumne veröffentlichte. Ich musste es nur übersetzen. Kurz nachdem ich mein Text veröffentlichte, schrieb mir ein andere Freund aus Istanbul und schickte mir das Video dazu, welches 2/3 des Inhalt auch in Video bringt. Ich rate Euch aber zuerst zu lesen.

Letzten Mittwoch fuhr ich mit dem 15:15 Uhr Schiff von Kadiköy nach Besiktas. Ich war eines der Passagiere im unteren hinteren Salon. Nach dem wir ablegten hörte man Jazz Musik. Gespielt von 3 Jugendlichen, die in einer Ecke saßen.

Der eine spielte auf der Gitarre, der andere ein Saxofon und das Mädchen spielte auf der Mundharmonika. Sie spielten ‚Ankara“nin Baglari Türküsü‘ (türkischer Volksmusik) als Jazz arrangiert. Es machte Allen mächtig Spaß.

Auf einmal erschien ein Riese vom Sicherheitsdienst des Schiffes. Entschiedenen Schrittes marschierte er auf die Jugendlichen zu. Die drei hörten sofort zu spielen auf. Einer von Ihnen sagte „wir nehmen kein Geld dafür, ist den Musizieren jetzt auf einmal auch verboten ?“

Ohne Ansatz sprang ein männlicher Passagier auf und fragte den Sicherheitsmann : „Ist das auch verboten ?“ „Das auch ?“… Ein anderer Passagier stand ebenfalls auf und schrie : „Uns gefällt es und wenn wir wollen, zahlen wir sogar was dafür. Was geht Sie das an ?“ Dabei war der Sicherheitsmann fast von doppelt so großer Statur.

***

Dann passierte etwas Erstaunliches. Der erste Passagier, der aufgestanden war, setzte das Volkslied an der Stelle fort, wo die 3 Jugendlichen aufhörten. Er schrie es förmlich aus sich raus :

“Ankara’nın bağları da

Büklüm büklüm yolları

Ne zaman sarhoş oldun da

Kaldıramıyon kolları!…”

All die Männer und Frauen, die bis dato still saßen, fingen klatschend an es mitzusingen.

Die Erde bebte förmlich.

Der Sicherheitsmann war erschrocken und zog sich zurück. Die Passagiere riefen zu den drei Musikern : „Spielt Kinder, spielt !“

Anschließend spielten sie noch „Commandante Che Guevara“. Die Masse summte oder sang mit, woller Leidenschaft und Wut. Einige regten sich über die momentanen Zustände in der Türkei auf und sagten : „Würden wir im Schiff Gebete sprechen, hätte bestimmt niemand was dagegen“, „Würden jetzt syrische Bettler hier betteln, hätte niemand was dagegen“…

***

Einige gingen zu den Jugendlichen und sagten ihnen : „Auch wenn Ihr es nicht nehmen wollt…“ und steckten denen Geld zu.  Unser Schiff war schon fast in Besiktas angekommen.

Der Gitarist sagte : „Vielen Dank für Ihre Unterstützung aber da wartet schon die Polizei auf uns !“ „Lassen Sie uns gemeinsam rausgehen, vielleicht haben wir dann eine Chance zu entkommen.“

Unser Schiff legte an. Aus den Luken konnten wir 4 Polizisten erkennen.  Die Passiere standen auf und nahmen die 3 Jugendlichen in ihre Mitte und marschierten zum Ausgang des Schiffes.

Ein Vater, mit der Tochter an der Hand sagte : „Wäre nicht gut, wenn Ihr mit den Instrumenten in der Hand aussteigt. Gebt mir die Gitarre !“ Der Vater war eigentlich ein unscheinbarer Typ. An der Hand die Tochter, in der anderen Hand die Gitarre. Ein anderer nahm das Saxophone. Dem Mädchen sagte man, sie solle ihre Mundharmonika gut verstecken und vorweg gehen.

Jetzt war die Zeit gekommen, dass ich auch was tue. Ich hakte bei dem Gitarristen in den Arm und sagte : „Ich bin Deine Mutter und Du bist mein Sohn. Lass uns gehen !“.

***

Die Musiker merkten nicht, wie entschlossen und ernst, jeder der Passagiere waren, während sie der Gefahr nicht bewusst, lachten. Die Passagiere waren bereit zu kämpfen und stiegen mit Tod ernster Miene aus.

Im Gegensatz zu den Jugendlichen beriffen die vier Polizisten den Ernst der Lage sofort und standen wie versteinert da. In deren Augen blickend sind wir an denen vorbeigezogen.  Allesamt !

Auf der Straße angekommen, gaben wir den Jugendlichen die Instrumente. Sie bedankten sich mit : “Sağol abla, sağol abi!” (Danke mein großer Schwester, danke mein großer Bruder – sinngemäß).

Wir Erwachsenen gingen mit ernster Miene unserer Wege.

***

Meine lieben LeserInnen, die Luft ist schwer Blei in diesem Land, in dem die wütende Minderheit in d die unglückliche Mehrheit mit Tritten attackiert. Türkei ist ein heißer Topf, der am Überkochen ist, weil es nicht an die treibende Kräfte gelangt ist. Den Oppositionsparteien ist weder diese Situation bewusst, noch die Tatsache, dass man ihnen nichts mehr zutraut und die Hoffnungen begraben hat, mit ihnen etwas zu bewegen.

Wie lange dieser Schnellkochtopf kochen kann, wann der Deckel in die Luft gehen wird, kann ich nicht wissen. Nur höre ich die Geräuschkulisse und den Wutausbruch, welches die Regierung und auch die Opposition in der politischen Arena übertönen und überrennen wird.

Mine G. Kirikkanat (Cumhuriyet-Zeitung)

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