In welche Schule schicke ich mein Kind? Meine Probleme hat Didier Drogba nicht !

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Didier Drogba mit Dener jr. – Meine Probleme hat Drogba nicht 🙂

Mit dieser Frage kämpfen all die türkischen Eltern, denen eine gute Ausbildung ihrer Kinder am Herzen liegt.

Dass diese Frage den Eltern in der Türkei wohl größeres Kopfzerbrechen bereitet als z.B. in Deutschland habe ich am eigenen Leibe erfahren können.

In einem durch viele Schulwechsel geprägten Leben habe ich die Grundschule in der Türkei abgeschlossen. Ca. 2 Monate vor dem Ende der Grundschule musste ich in die Aufnahmeprüfungen der Privatschulen. An die 12-15 Prüfungen müssten es gewesen sein. Sogar für die Prüfung musste man richtig bezahlen.

Bestanden habe ich eine einzige davon. Also musste ich auf diese Schule. Obwohl die Schule gerade mal 10 km von unserer Wohnung entfernt war, musste ich ins Internat der Schule, den Anfang der 70er Jahre waren dank der damals nicht vorhandenen Infrastruktur diese wenigen Kilometer schon eine gewaltige Entfernung in den Augen der Eltern. Nach 2 Jahren ging es für unseren Vater berufsbedingt und folglich für uns, nach Deutschland.

Siehe da: für die Eltern war es auf einmal egal, in welche Schule wir gingen. Wir besuchten die Schule, die uns am nächsten lag.

Heute, als Vater, wird mir erst bewusst, dass die Frage: „Auf welche Schule sollte mein Kind gehen?“ ein Problem der Stadttürken ist. Die Unterschiede zwischen den staatlichen und privaten Schulen in der Türkei sind gewaltig. Vor allen Dingen, in Bezug auf den Komfort. Es gibt mehr WCs, bessere Turnhallen (aber auch nicht immer) und nettere LehrerInnen, die mehr auf der Deckel zu haben scheinen. Dass dieser Schein allerdings auch trügen kann, ist ebenfalls eine Feststellung, die auf meine Erfahrungen basiert. Dass mein Sohn am Ende etwas mehr gelernt haben wird als auf einer staatlichen Schule liegt meiner Meinung nach daran, dass die Klassenstärke mit 20-26 Schülern in einer Privatschule mehr Wissensvermittlung ermöglicht als eine Klasse mit 50-60 Schülern.

Übrigens haben die Kinder bei den staatlichen Schulen zumeist ein vom Staat ausgegebenen Tablet PC, das sie ihr Eigen nennen können.

Bei den privaten Schulen haben die Schüler das auch, doch bei Ihnen müssen die Eltern es kaufen.

Frustrierend ist es alle Male, wenn man 15 – 40.000 Euro im Jahr (je nach Stadt) pro Kind aufbringen muss.

Damals in Deutschland reichten ca. 100 Euro aus, wenn man ins Schullandheim fahren wollte. In der Türkei muss man eine Kante mehr aufbringen, schließlich fliegen die Kinderlein für 8 Tage nach Kitzbühl und machen dort Ski-Urlaub.

Bringt man die 3.500 Euro für die Reise auf, muss man noch Skiausrüstung kaufen. Halleluja !

Der Lehrplan ist für die staatlichen und privaten Schulen gleich. Also wird der gleiche Mist, nur etwas anders beigebracht. Seit Jahr und Tag muss man viel auswendig lernen. Begreifen muss man herzlich wenig. Denn letztendlich sind die Prüfungen immer noch als Multiple-Choice aufgebaut, d.h. selbst ohne Kenntnis liegen die Chancen dafür, per Zufall die richtige Antwort zu finden, bei 25%. Kein Vergleich zu Deutschland, wo man 90 Minuten lang seine Antworten ausformulieren musste, um manchmal am Ende zu erfahren, dass man das Thema verfehlt hat.

Mittlerweile gibt es auch die Vorschulpflicht. Also können die Eltern schon früh mit dem Bezahlen des Schulgelds anfangen und für später üben. Was für tolle Sachen den Kindern im Vorschulalter beigebracht werden, kann man sich als Außenstehender kaum vorstellen. So kommt es vor, dass die Kinderlein an den PC gesetzt werden oder lernen, was Demokratie bedeutet oder was eine Republik ausmacht. Fast muss man vermuten, dass die bisher fehlende Vorschulpflicht dazu geführt haben muss, dass die derzeit in der Türkei Regierenden kein Demokratieverständnis mitbringen.

Jedenfalls wird den Kindern viel mit unwichtigem Inhalt zugemutet. Ab der 4. Klasse geht es mit den Klausuren los. Kaum ein Schüler, der ohne Nachhilfe weiterkommen kann. Also muss man sich auch hier fragen, was in den Schulen überhaupt beigebracht wird, wenn die Kinder zusätzlich Nachhilfe benötigen. Es ist in der Türkei Tradition, dass die Fehlstunden gerade in den Jahrgängen, bei denen eine Prüfung ansteht, sehr hoch ist, weil auch die Lehrer der Schulen wissen: Die bessere Vorbereitung auf die Prüfungen, finden die Kinder in der Nachhilfe. In manchen Klassen sitzen dann nur eine Handvoll Schüler, der Rest sucht die Erkenntnis in anderen Einrichtungen. Übrigens kostet die Nachhilfe nicht wenig aber ist günstiger als die Schule selbst.

Die Mittelschule von der 5.-8.Klasse, werden fleißig Punkte gesammelt. Auch gibt es wieder Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium (9.-12.Klasse). Ständige Klausuren und Tests stehen auf der Tagesordnung, wobei die Situation bei der entscheidenden Aufnahmeprüfung mehrfach im Unterricht simuliert wird, damit man diese dann bestehen kann. Die Kinderlein sind 7/7 Tage in der Woche unterwegs und im Einsatz. Da für Nachhilfe in der Woche kaum Zeit ist, müssen diese am Wochenende stattfinden, und so sind auch an Samstagen und Sonntagen die Busse voller Kinder, die zu irgendeiner auf die Prüfung vorbereitenden Schule sind.

Hat man es in ein einigermaßen gutes Gymnasium geschafft, so kann man sich dann dranhalten. Schließlich ist die Universität in Sichtweite gerückt.

Punkte und Noten sammeln, die Durchschnittsnote hochhalten, Nachhilfeunterricht, Klausuren, Tests, simulierte Tests etc.

Ich liebe mein Sohn über alles und leide mit ihm. Eigentlich leide ich doppelt oder gar dreifach? Das Geld muss nämlich erst einmal verdient werden.

Demnächst erzähle ich Euch, wie ich und meine Gründungsmitglieder des Vereins „Waldorf-Initiative Alanya“ die Waldorf Pädagogik in die Türkei gebracht haben.

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