Türkei – Die Konkurrenz ins Land geholt

schuhe500.000 syrische Flüchtlinge sind bereits im Land. Manche hat man mit offenen Armen empfangen und manche sind einfach da und man duldet sie. Die Masse muss mit Essen, Trinken und Unterkunft seitens der Türkei versorgt werden. Dennoch gibt es einige und nicht wenige, die sich mit Altbewehrtem aus der alten Heimat Syrien in der Türkei selbständig machen. Die Türkei holt sich die Konkurrenz unfreiwillig ins Land. Hier ein Bericht darüber aus der WirtschaftWoche :

Steil und beschwerlich ist der Weg ins Versteck von Schuhfabrikant Khasim Mustafa (Name geändert). Vor ihm quält sich ein Pritschenwagen den Berg hinauf, und auch Mustafas Uralt-Renault kratzt am Limit, als er nach dem knatternden Kleinlaster eine Ziegenherde überholen muss. Schließlich liegt das Tal vor Augen, eine Ödnis mit viel Geröll, wenig Grün und ein paar Industriehallen. Ein paar Kilometer weiter liegt Syrien, die kriegszerstörte Heimat des Schuhmachers, aus der er vor 18 Monaten in die Gegend um die türkische Industriestadt Gaziantep geflüchtet ist.

Früher war Khasim Mustafa ein erfolgreicher Unternehmer. In der nordsyrischen Stadt Aleppo entwarf er Pumps, die er nach Russland exportierte. Dann kam der Bürgerkrieg, der Schuhmacher floh. Jetzt fertigt er in einer der vielen Lauben aus Blech und Stahlbeton, die im Grenzgebiet entstanden sind und die für syrische Flüchtlinge einen Vorteil haben: Man sieht hier über den Hügel Fahrzeuge von Polizei und Zoll rechtzeitig kommen. „Keiner von uns hat eine Arbeitserlaubnis“, sagt der Schuster. „Wenn die Polizei kommt, schicken wir die Mitarbeiter weg und schließen ab.“

Khasim Mustafa ist einer von mehr als zwei Millionen Flüchtlingen, die Syrien seit Ausbruch des Bürgerkriegs verlassen haben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen ist ein Großteil von ihnen in Jordanien oder dem Libanon gelandet, deren Regierungen die adäquate Versorgung der Kriegsopfer große Probleme bereitet. Etwa eine halbe Million Syrer findet Zuflucht in der Türkei, die meisten in der 1,4 Millionen Einwohner zählenden Stadt Gaziantep, die die jungen Leute hier „Antep“ nennen, denn „Gazi“ bedeutet Veteran.

An sich lenkt die Türkei den Flüchtlingsstrom vorbildlich: Hilfsorganisationen loben die Camps, in denen allein rund um Gaziantep 33 000 Menschen leben, als sehr hygienisch und gut organisiert. Zwei Milliarden Dollar hat sich die Regierung deren Unterbringung bislang kosten lassen.

Gekommen um zu bleiben

Die Flüchtlingsflut führt aber auch zu Spannungen. Oft lassen sich wohlhabende Syrer in Gaziantep nieder. Sie sind gekommen, um zu bleiben; viele haben ihr Geld über die Grenze retten können und stecken es nun in türkische Immobilien. In der Folge sind die Kauf- und Mietpreise in der Region teilweise um die Hälfte gestiegen, was die Menschen in Gaziantep beunruhigt.

Ungemach droht aber auch am Arbeitsmarkt: Syrer können dank der liberalen türkischen Wirtschaftspolitik schnell und einfach Unternehmen gründen, Flüchtlinge erhalten in der Türkei aber keine Arbeitserlaubnis. Folglich blüht die Schwarzarbeit. Ein syrischer Schuhfabrikant wie Khasim Mustafa spart Steuern und Sozialabgaben und ist dadurch wettbewerbsfähiger als seine türkischen Konkurrenten.

Das birgt Zündstoff. Allein für das erste Halbjahr hat der türkische Unternehmerverband Tüsiad rund 500 Gründungen mit syrischem Kapital gemeldet. In Gaziantep registriert die Handelskammer monatlich 40 bis 50 Betriebe, die von Syrern eingetragen werden, sagt Mehmet Emin Berk, der für die türkisch-syrischen Handelsbeziehungen zuständig ist. „Früher kamen sie als Touristen, Investoren oder kauften Luxuswaren, jetzt rennen sie um ihr Leben und versuchen, ihr Geld in Sicherheit zu bringen.“ Berk ist unsicher, ob die Region von den kaufkräftigen Flüchtlingen eher profitiert oder ob ihretwegen Arbeitslosigkeit und Inflation entstehen werden. Fest steht für ihn, dass Hunderttausende die Gegend ins Ungleichgewicht bringen können: „Flüchtlinge in einer solchen Masse sind für die Türkei gefährlicher, wenn sie nicht arbeiten.“

Der Laden läuft

Zumal sie arbeiten wollen. So wie Ali Jasim (Name geändert), der in einem Schnellrestaurant nahe der Universität den Teig für syrische Gebäck-Spezialitäten knetet. Der Geruch von frischem Fladenbrot begrüßt die Kunden beim Betreten. „Der Laden läuft gut, die Türken lieben fremdes Essen“, sagt er. Jasim ist Anfang 30 und stammt aus dem Norden Syriens. Er ist ethnisch betrachtet Kurde und beeilt sich zu versichern, dass das den Leuten im Süden der Türkei egal ist. Nur mit seiner Sprache gebe es Probleme, denn Arabisch könne hier fast keiner. Darum knetet er Teig, anstatt an der Verkaufstheke zu stehen. Jasim will seinen echten Namen nicht verraten – aus Furcht, die Schergen des Diktators Assad könnten Mutter und Vater etwas antun. „Die Türkei ist der beste Ort für Flüchtlinge, aber ich konnte meine Eltern nicht überzeugen mitzukommen.“

Auch der junge Hilfskoch ist nicht legal beschäftigt. Das Restaurant führt ein Syrer gemeinsam mit einem Türken – und Letzterer beschäftigt wiederum auch Landsleute legal und voll versichert. So glaubt der Eigentümer Kontrollen der Behörden zu entgehen. Die Türken sind wie die meisten Kurden Anhänger des sunnitischen Islam – da steht man zusammen gegen Syriens Diktator Baschar al-Assad, der als Alevit zum schiitischen Spektrum gehört

Der Umgang mit den Flüchtlingen ist ein politisch schwer zu lösendes Problem. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat sein Land im Syrienkonflikt von Beginn an auf einen radikalen Anti-Assad-Kurs eingeschworen. Die Flüchtlingsströme nimmt er als Kollateralschaden dieser Strategie in Kauf. Den Vertriebenen hilft die Regierung unter anderem, indem sie ihnen Studienplätze gewährt, die Türken erst nach Aufnahmetests bekommen. Bei Kleinbetrieben in der Gastronomie verzichten die Behörden auf die Jagd nach Schwarzarbeitern, heißt es. Populist Erdogan, nach den vergangenen Massenprotesten in Istanbul innenpolitisch angeschlagen, will Flüchtlingen sogar das Wahlrecht geben, auf dass sie bei den Kommunalwahlen im März 2014 für seine Partei AKP stimmen. Aber eine Arbeitserlaubnis für alle? So weit geht die Großzügigkeit dann doch nicht.

Trotz des Flüchtlingsstroms ist Gaziantep keine Elendsregion, im Gegenteil. Die Stadt ist ein „anatolischer Tiger“. So nennen die Türken die neuen aufstrebenden Wachstumszentren jenseits der Metropolen Istanbul, Ankara und Izmir. In der grünen Innenstadt stehen mittlerweile Hotels großer westlicher Ketten, im neuen Einkaufszentrum öffnet demnächst der erste Media Markt. Aber der Syrienkrieg ist spürbar in Gaziantep, selbst in der Teppichindustrie, dem Herzen der lokalen Wirtschaft. „Kunden aus Europa kaufen bei uns weniger Waren ein“, sagt Unternehmer Ibrahim Dayioglu, Direktor des Familienunternehmens Basaran. „Sie fürchten Lieferausfälle wegen des Syrienkriegs und sichern die Einhaltung der Lieferzeiten mit Zusatzverträgen ab.

Teppichproduktion erfordert High Tech, die man im Süden Anatoliens so nicht erwartet hätte. Es ist spätabends, die Nachtschicht übernimmt und klettert auf haushohe Nähmaschinen, die vollautomatisch edle Perserteppiche knüpfen. Die millionenschweren Anlagen spulen aus Plastikrollen Garne aller Farben ab und spucken die Teppiche in langen Bahnen aus. Im Handel wird der Bodenschmuck meist für mehrere Tausend Euro verkauft. Ökonomisch profitiert er nicht von den Flüchtlingen, sagt Dayioglu.

Die mögen bis zum Krieg zu Abnehmern seiner Waren gezählt haben, inzwischen nicht mehr. Für sein Geschäft braucht der Unternehmer vor allem Stabilität – und hierzu ist erforderlich, dass die Regierung die Flüchtlingsströme im Griff halten kann: „Wir benötigen Gesetze für die Integration dieser Leute.“

Quelle : wiwo.de

Foto : modabalerin.com

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