Wie soll ein Mensch hoffen, der nicht mehr träumt?

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Aus Südanatolien in die Welt: Der große türkische Schriftsteller Yasar Kemal wird am 6. Oktober 90 Jahre alt

In den letzten Jahren ist es still geworden um Yaşar Kemal. Schade wäre es, wenn damit ein Rückgang seiner Leser einher ginge; überhaupt nicht schade wäre es, wenn es für ihn weniger Anlässe gegeben hätte, in der Türkei öffentlich gegen Menschenrechtsverletzungen und Naturzerstörung zu protestieren. Kemal, wurde 1997 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, konnte 2008 sogar den türkischen Staatspreis entgegennehmen. Da äußerte er die Zuversicht, dass die Verleihung des Preises an ihn Ausdruck dafür sei, dass sich die Türkei hinsichtlich der Achtung der Menschenrechte auf dem richtigen Weg befinde.

An dieser positiven Entwicklung hatte Yaşar Kemal einen gewichtigen Anteil. Sein Einfluss auf die öffentliche Meinung ist vor allem deshalb so groß, weil seine Bücher in der Türkei so populär sind. Viele seiner Romane drücken den Transformationsprozess des Landes von einer noch ländlich geprägten Agrargesellschaft in den fünfziger und sechziger Jahren hin zu einer immer mehr städtisch geprägten Gesellschaft in den danach folgenden Jahrzehnten aus. Immer wieder hat er in der Tradition der großen Realisten des 19. Jahrhunderts von den Kämpfen bei der Sesshaftmachung der Nomaden in Anatolien erzählt, von den Problemen bei der Industrialisierung der Landwirtschaft und den ungerechten feudalen Verhältnissen, wie in seinem ersten, wohl berühmtesten Roman, »Mehmet mein Falke«. Aber es geht auch immer wieder um die Natur, die Kemals Kindheit prägte, so dass er zu einem begnadeten Erzähler ihrer Schönheit wurde.

Die Familie, in die Yaşar Kemal hineingeboren wurde, war nomadischen Ursprungs und hatte sich erst zwei Generationen vor ihm in einem kleinen Dorf nahe der syrischen Grenze niedergelassen. Schon als Kind begann er, mit großem Erfolg populäre Heldenepen über den Kampf der Nomaden gegen die Osmanen vorzusingen. Hier liegt auch der Ursprung seiner erzählerischen Begabung. Als er sich dann zwischen Schule und einer Lehre bei dem großen Sänger Asik Rahmi entscheiden musste, wählte er die Schule und damit das Schreiben.

Yaşar Kemals Leben ist immer schon abenteuerlich gewesen. Bereits als Kind riss er von zu Hause aus und lief zu Verwandten in die Nachbardörfer. Nach der Mittelschule, die er in Adana besuchte, hat er einige Zeit als Schreiber gearbeitet und vor Moscheen per Schreibmaschine offizielle Schriftstücke aufgesetzt. Drei Mal war er im Gefängnis, der »Schule des türkischen Schriftstellers«, wie er sagt. In Istanbul, wohin er vor der politischen Verfolgung geflohen war, lebte er als Obdachloser im Gülhane Park, ehe er für die Tageszeitung Cumhuriyet Anfang der fünfziger Jahre Reportagen über das von der türkischen Regierung völlig vernachlässigte Anatolien schrieb.

Immer schon wollte Yaşar Kemal mit seinen Geschichten »zum Geheimnis des Menschen vordringen: Diese Suche war das eigentliche Abenteuer meines Lebens«, sagt er. Ein Geheimnis, von dem er überzeugt ist, dass der Mensch es nie ganz lösen wird. Für ihn drückt es sich in der Hoffnung und im Traum aus. Hier denkt er wie Ernst Bloch, obwohl er dessen »Prinzip Hoffnung« wohl nie gelesen hat: »Wie soll ein Mensch hoffen, der nicht mehr träumt? Die Hoffnung – sie entsteht aus dem Traum, ist sie nicht einer der größten menschlichen Werte?« Seine Bücher sind aus Träumen entstanden und immer Ausdruck der Hoffnung.

Niemand weiß genau, wann Yaşar Kemal geboren wurde. Nach seinen eigenen Berechnungen muss es am 6. Oktober 1923 gewesen sein.

Quelle : Neues-Deutschland

 

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