Nur einige Jahrzehnte später in Deutschland – Über manche Dinge spricht man nicht

passManche Dinge weiß man, aber man spricht nicht darüber, um keine Missstimmung zu erzeugen. Kenan Kolat hat dies aber nun doch getan.

Kenan Kolat, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, hat bei der TGD-Sitzung in Baden-Württemberg betont, dass 80 % der deutschen Bevölkerung unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund haben. Kolat: „In zwanzig Jahren werden Migranten 75 % der Bevölkerung ausmachen. Deutschland muss diese Realität sehen.“ Diese Menschen würden Deutschland in Zukunft regieren und führen, betont Kolat und richtet das Wort an die Parteien, die die nächste Regierung bilden werden: „Die doppelte Staatsbürgerschaft ist die wichtigste Tagesordnung der TGD. Die SPD hat sie uns versprochen. Wenn die SPD zum zweiten Mal ihr Versprechen bricht und türkischstämmige Wähler enttäuscht, werden die Türken dies nicht vergessen.“

Was die doppelte Staatsbürgerschaft mit dem Ganzen, was er da von sich gibt, zu tun hat, muss man glaube ich nicht verstehen.

Fakt ist, dass es in Deutschland tatsächlich in die Richtung geht, die Herr Kolat da beschreibt. Ob seine Feststellung die Deutschland-Türken unter der Bevölkerung jetzt noch beliebter macht, sei mal dahin gestellt. Förderlich für das Miteinander ist es mit Sicherheit nicht. Ganz im Gegenteil.

Bei mir suchen tagtäglich rückkehrwillige Rat, wie sie es anstellen sollen, damit sie in der Türkei leben können. Fast allen rate ich davon ab. Es ist kein Klischee, wenn man sagt, dass die Menschenrechte in der Türkei kaum beachtet werden, und über die freie Meinungsäußerung reden wir lieber erst gar nicht. Ungerecht geht es in der Türkei zu. Die Schere zwischen Reich und Arm wird immer größer. Wer in die Türkei zurückkehrt bzw. richtigerweise in das Land der Eltern kommt und lebt, kann sich dann, in den meisten Fällen, zu den Ärmeren zählen, mit Tendenzen zur Mitte.

Hierbei muss ich erwähnen, dass es selbstverständlich auch Ausnahmen gibt und fast alle mit der Hoffnung in die Türkei kommen, um es hier besser zu haben als in Deutschland. Was fehlt in Deutschland, warum wollen sie in die Türkei?

Zuerst einmal sagen sie, dass sie in Deutschland wie Menschen zweiter Klasse angesehen werden. Dabei haben die meisten einen deutschen Pass. Deutsche  als Menschen zweiter Klasse in Deutschland ? Dann muss man davon ausgehen, dass deren Deutschsein nur auf dem Papier existiert. Richtig Deutsch scheinen sie nicht zu sein. Zumindest das ‚die‘ und ‚wir‘ können sie nicht abschütteln.

Die meisten Rückkehrversuche scheitern. Dann geht der Weg zurück nach Deutschland. Dann heißt es, und das sage ich aus Erfahrung: „zum Glück habe ich einen deutschen Pass“. Noch nie hat einer meiner Gegenüber gesagt: „Zum Glück bin ich Deutscher!“ Nein, sie fühlen sich nicht im geringsten Deutsch.

Übrigens, die Unzufriedenheit die die meisten in Deutschland verspüren, rührt eher von der Arbeitslosigkeit oder Unzufriedenheit am Arbeitsplatz. „Das Betriebsklima ist kalt und als Türke (dabei ist der Betreffende laut Pass ein Deutscher) wird man benachteiligt. Jede kleinste Unzufriedenheit und Unpässlichkeit wird auf das „Türkesein“ zurückgeführt. Findet einer keine Arbeit, dann deshalb weil er türkischen Gene hat. Das hatte ich schon mal so geschrieben, was sollen die Ur-Deutschen sagen, die keine Arbeit finden? Werden diese nicht eingestellt weil sie nicht Deutsch genug sind oder sind es andere Faktoren, die zur Nichteinstellung führen. Das kann eine Menge Gründe haben, wie wir wissen.

Es gibt auch die andere Seite. Der Deutschtürke sagt:  „Ich habe einen Job, verdiene nicht viel aber doch reicht es für einen Lebensstandard aus, welchen ich in der Türkei niemals haben würde.“ Wer so an die Sache rangeht, wird auch glücklich. Warum schaffen das aber nur wenige. Weil sie das Hintertürchen Türkei in sich tragen. Die meisten fühlen sich sicherer, wenn sie die Türkei-Karte im Ärmel wissen. Geht es mal schief in Deutschland, kann ich ja immer noch in die Türkei.  Genau das ist der Grund ihrer Unzufriedenheit, die Unzufriedenheit der türkischstämmigen in Deutschland. Die Türkei-Karte im Ärmel. Das Ganze funktioniert auch umgekehrt. Bei Rückkehrern ist kaum der Druck zu verspüren es unbedingt in der Türkei schaffen zu müssen. Die Türe nach Deutschland ist ja offen.

Wie heißt es im Geschäftsleben: Du musst dich auf ein Geschäft konzentrieren und deine ganze Kraft dafür aufwenden. Fährst du zwei oder mehrgleisig, wirst du bei keinem der Projekte erfolgreich werden, weil du dich verzettelst.

Jetzt wird der Deutschtürke fragen: „Wie kann ich die Türkei-Karte im Ärmel wegdenken?“ Schwer, schließlich ist dies in die Wiege gelegt worden. Die Eltern haben den Kindern immer wieder ins Ohr geflüstert, was sie denken und glauben sollen. Mit mehr Verstand schaffen einige doch anders zu denken und zu handeln als die Eltern, aber nicht was den Glauben bzw. die Religion angeht. Die Religion wird nie oder in den seltensten Fällen hinterfragt. Das ist ein heikles Thema. Wenn ich in einigen Foren religiöse Themen mit gesundem Menschenverstand anschneide, werde ich sofort angefeindet, sogar von Menschen, von denen man glauben sollte, dass sie vernünftig diskutieren können sollten. Muslim und gleichzeitig Deutscher ? Das klingt schon für die Ohren nicht rund.

Schon sind wir wieder bei der Türkei-Karte im Ärmel angekommen. Also wird der Deutschland-Türke diese niemals loswerden und die meisten werden im Job und Leben immer unglücklich bleiben. Oder sagen wir lieber, sie werden nie das Gefühl haben, vollkommen glücklich zu sein. Jetzt soll alles auch noch verbrieft werden. Die doppelte Staatsbürgerschaft.

Es gibt sicherlich wichtigere Forderungen, die man stellen könnte. Ein Beispiel kann ich aus meiner eigenen Situation heraus bringen.  Fast 50 Jahre meines Lebens lebte ich in Deutschland. Ich habe mich immer deutscher als Deutsch gefühlt. So deutsch, dass ich erst mit 50 Jahren auf die Idee kam die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Ich brauchte keinen  deutschen Pass, um mich Deutsch zu fühlen. Dann aber hatte ich ihn. Da dachte ich, mein 2005 geborener Sohn sollte auch Deutscher werden. Geht nicht! Ich hätte es bis zur Vollendung des 1. Lebensjahres machen müssen. Nur da hatte ich die deutsche Staatsbürgerschaft nicht. Wäre ein weiteres Kind gefolgt, der wäre wiederum Deutscher geworden.

Ich möchte nicht, dass mein Sohn die Staatsbürgerschaft eines Staates hat, in dem er seine Meinung nicht frei kundtun kann, die Menschrechte von Fall zu Fall unterschiedlich geregelt werden und wo es in vielen Belangen ungerecht zugeht. Ich als Deutscher darf aber über die Zukunft meines Sohnes nicht entscheiden, das tut schon der deutsche Staat.

Erst zwei Mal war er in Deutschland. Da ich immer auf Geschäftsreise bin, könnte ich ihn eigentlich an den schulfreien Tagen nach Deutschland mitnehmen. Geht nicht! Für ihn ein Visum zu beantragen ist kompliziert genug. Beantrage ich es von der Türkei aus, muss ich die Hosen runterlassen und Sicherheiten bringen, damit der deutsche Staat weiß, dass er nicht dauerhaft in Deutschland bleiben wird. Lade ich ihn von Deutschland aus ein, so muss ich zu der Einladung noch Steuerbescheide etc. aus Deutschland beifügen. Also muss ich mein Geld in Deutschland verdienen.

Jetzt hoffe ich, dass mein Bruder, der Schweizer ist, ihn in die Schweiz einladen kann und er wenigstens mit einem Schengener Visum ausgestattet via Schweiz in die Heimat seines Vaters einreisen kann.

Übrigens möchte er unbedingt nochmals in den Kölner Dom. Der Grund ist lustig wie einmalig. Als wir im Dom waren, sagte ich ihm, dass er Kerzen anzünden und sich was wünschen kann. Das hat er einmal getan. Meine Frau war noch im Dom während ich mit meinem Sohn am Portal auf sie wartete. Da  rennt ein Mann auf uns zu, nimmt einen neuen, noch mit Etikett versehenen Fußball und schenkt es meinem Sohn. Mein Sohn schreit im Kölner Dom so, dass es nur so hallte: „Papi mein Wunsch ist sofort in Erfüllung gegangen, juhu!“ Er rannte sofort los und wollte einige weitere Kerzen anzünden. Ich sollte es vielleicht auch tun!

Zu guter Letzt : Keine Ahnung, was das mit der Forderung der doppelten Staatsbürgerschaft soll. Ich habe wahllos einige gefragt, warum die sie unbedingt wollen. Die Antwort war sehr einfach und einleuchtend: „Dann haben wir halt zwei Pässe.“ Verstehe …

Kaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

Das könnte Dich auch interessieren …