Vor dem Opferfest in der Türkei – Banken treiben die Regierung zur Verzweiflung

krediteGesellschaftlich betrachtet gibt es in der Türkei nur diese Richtung: Shoppen, prassen, schön verteilen
In einem Monat geht es Hammel & Co an die Gurgel. Die türkischen Banken bieten schon Extra-Kredite für das vier Tage lange muslimische Opferfest an und treiben die Regierung damit zur Verzweiflung.

“Nehmt nicht diese Kreditkarten”, hat Erdogan während des abendlichen Fastenbrechens im Ramadan dieses Jahr seinen Zuhörern erklärt, “mein Volk hat große Schulden bei den Banken”. Völlig sinnlos. Knapp einen Monat noch ist es zum nächsten muslimischen Fest, und die türkischen Banken trommeln im Fernsehen, im Radio, im Internet: BAYRAM KREDISI. 10.000 Lira, 30.000 Lira, SMS genügt. Der “Feiertagskredit” zum Opferfest Mitte Oktober ist wirklich eine Lappalie, der Zinssatz kaum der Rede wert, 60 Monatsraten zum Abstottern (bei 30.000 TL) – sehr sozial. Allerdings ist der nächste Kurban Bayramı schon wieder da, wenn der Kredit vom alten gerade einmal – kurz rechnen – zu einem Fünftel getilgt ist. Man sieht schon: “Mein Volk hat große Schulden bei den Banken.”

Volkswirtschaftlich mag das alles in die falsche Richtung gehen. “Wachstum durch Binnennachfrage ist nicht das wünschenswerte wirtschaftliche Bild”, stellte Ali Babacan, Vizepremier und Staatsminister für Wirtschaft, dieser Tage in für türkische Regierungsverhältnisse geradezu entsetzlicher Offenheit fest. Um 4,4 Prozent wuchs die türkische Wirtschaft im zweiten Quartal dieses Jahres (+2,9% im ersten Quartal) – mehr als gedacht, aber dann auch wieder nicht gut, denn: zu viel Konsum, zu viel Investitionen der öffentlichen Hand, zu wenig Investition der Privatwirtschaft, zu große Abhängigkeit von ausländischem Kapital und von teuren Energieimporten. Aber gesellschaftlich betrachtet, gewissermaßen sozio-ökonomisch, gibt es in der Türkei nur diese Richtung: Shoppen, prassen, schön verteilen – oder im Haus und in der lieben Verwandtschaft als armer Schlucker abgestempelt werden.

Beim Opferfest müssen sich die Tische biegen und die Stoffdecken auf dem Fußboden ein Parcours werden mit Schüsseln, groß wie Wagenräder, und Fleischgebirgen, an deren Talsohle die Gäste sitzen. Sonst ist das alles nicht recht. Ein Lebend-Kilo Hammelfleisch soll derzeit um die zwölf Lira kosten; bei vielleicht 40 Kilo Tier legt der Familienvorstand dann also 480 Lira auf den Tresen, umgerechnet 185 Euro dieser Tage, was in manchen Familien schon ein guter Teil des monatlichen Einkommens sein kann. Kuh ist natürlich noch besser als Hammel und Lamm, kostet dafür ungleich mehr. Mit dem Fleisch ist es an den vier Feiertagen des Kurban Bayrami (dieses Jahr: 15.-18. Oktober, plus ein Wochenende) freilich nicht getan. Gäste müssen verpflegt, Nachbarn und Verwandte beschenkt werden. Außerdem ist die ganze Türkei vor und nach dem Fest auf Reisen. Auch nicht umsonst.

Rein technisch gesehen ist es möglich, auf die Heimreise zu Eltern und Verwandten quer durch die halbe oder ganze Republik zu verzichten und während des Opferfests lieber in Istanbul zu bleiben, erklären junge Türken. Familienpolitisch ist es ein absolutes no-go. Ein Kostenbeitrag, diskret geleistet, wird zudem erwartet. Schließlich will die Familie nicht ärmlich aussehen und sich beim Fest von der Nachbarschaft mit Schlachtfleisch beschenken lassen.

Was also zwangsläufig in die Aufnahme eines “Feiertagskredits” bei der Bank des Vertrauens mündet. Hier eine unvollständige Übersicht:

Garanti Bankasi: 10.000 Lira, Zinssatz 1,09%, 36 Monatsraten zu 350,07 Lira, Bearbeitungsgebühr 250 Lira, Versicherung 325 Lira, monatliche Steuerabgabe 1,51 Lira, jährliche Steuerabgabe 18,06 Lira

Iş Bankasi: 10.000 Lira, 1,05%, 24 Raten zu 485,44 Lira, Bearbeitung 200 Lira, Versicherung 75, Steuerabgabe mtl. 1,50 Lira, jährlich 17,98 Lira

Akbank: 10.000 Lira, 0,78%, 12 Raten zu 885 Lira, 330 Lira Bearbeitungsgebühr

Quelle

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