Türkei – An den Werten des Westens in den Wirtschaftsprozessen festhalten

Die Türkei strotzt vor Selbstbewusstsein. Die Erfolge der letzten zehn Jahre durch die islamistische Regierung der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) mit acht bis neun Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr geben dazu Anlass. „Unser Ziel ist, unter die zehn größten Volkswirtschaften der Welt zu kommen“, sagt denn auch der stellvertretende AKP-Vorsitzende und Professor für Wirtschaftswissenschaften, Numan Kurtulmus, bei einem Besuch in Köln.

Dass Kurtulmus ausgewiesener Islamist ist, ein zutiefst konservativer Mann, der wie Premier Tayyip Erdogan für eine starke Durchdringung der Gesellschaft mit muslimischen Werten eintritt, hat dabei offenbar keinerlei Einfluss auf sein Eintreten für eine liberale Wirtschaftspolitik. „Wir bauen die Türkei um“, sagt er. Dabei hielte man an den eigenen Werten fest und nähere sich den „Werten des Westens in den Wirtschaftsprozessen“.

In der Tat hat die Öffnung der Wirtschaft für den Markt der Türkei große Vorteile gebracht. Kurtulmus zählt das in zehn Jahren von 2000 auf 10 000 Dollar gestiegene Pro-Kopf-Einkommen auf, den Rückgang der Arbeitslosigkeit auf elf Prozent und den Abbau der internationalen Verschuldung. „Seit dem 14. Mai haben wir nunmehr null Schulden beim Internationalen Währungsfonds.“ Jetzt gehe es darum, nachhaltig zu wirtschaften, sagt er möglicherweise mit Blick auf die in den vergangenen Monaten zurückgehenden Wirtschaftsdaten. Kein Wort aber über weitere Gefahren und die überhitzte Immobilienbranche. Wachstumspotenziale sieht er vor allem im Energiesektor und in Infrastrukturprojekten wie dem geplanten dritten Flughafen in Istanbul und dem Bau von zwei Atomkraftwerken. Das Investitionsvolumen betrage insgesamt 73 Milliarden Euro. Auch im Wohnungsbau gehe der Boom weiter. Beobachter vor Ort bescheinigen der Regierung denn auch einen ungebremsten Geschäftssinn.

Mitgliedschaft der Türkei als Vorteil für Europa

Dass die Krise der EU der Türkei ein Exportminus von 14 Prozent eingebrockt hat, scheint das Land dagegen wenig zu schmerzen. „Wir konnten das im Mittleren Osten und in Nordafrika mehr als ausgleichen.“ Das neue wirtschaftliche Selbstbewusstsein und die Gewissheit, dass die Türkei ein eminent wichtiges Transportland für Energie nach Europa ist, hat auch den Blick auf die schleppenden Mitgliedschaftsgespräche mit der EU verändert. Dennoch betont Kurtulmus, der als Nachfolger von Premier Erdogan gehandelt wird, weiterhin brav den Wunsch, beitreten zu wollen – in der Bevölkerung gebe es dafür aber keine Mehrheit mehr, warnt er. Eher möchte er heute eine Mitgliedschaft der Türkei als Vorteil für Europa sehen. In der Vergangenheit hätten die Türken ja von Deutschland geträumt. Heute aber sei das anders, sagt er und verweist auf die wachsende Zahl von Rückkehrern aus der zweiten und dritten Zuwanderergeneration. „Heute haben junge Türken in der Türkei noch bessere Möglichkeiten“. Die Forderung nach einem Wegfall der Visumpflicht für Türken ist auch für ihn ein Muss. „Je mehr türkische Unternehmer nach Deutschland kommen, umso besser für Deutschland.“

Sorge bereitet der Türkei neben dem Syrienkonflikt vor allem das Kurdenproblem. Das zu lösen sei ein Hauptziel. Durch Verhandlungen mit der PKK-Führung ist es in den letzten Wochen gelungen, die Kämpfer zum Abzug Richtung Irak zu bewegen. Der Wirtschaftsmann Kurtulmus sieht vor allem die brachliegenden Potenziale dieser Region. Da ist von großem Wachstum im Agrarsektor und bei der Tierzucht die Rede. Die Menschen in der Türkei wollen besser leben. Kriege passen nicht in solche Konzepte. Wie weit die forcierte Islamisierung dazu passt, wird sich zeigen.

http://www.ksta.de/wirtschaft/numan-kurtulmus-in-koeln-ein-islamist-kurbelt-die-wirtschaft-an,15187248,22873280.html

 

Vodafone Türkei FlatKaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

Das könnte Dich auch interessieren …