Sie hat es geschafft ! Sie wanderte von Stuttgart nach Istanbul aus.

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Sie hat es gewagt und geschafft. Hier ein Interview mit Derya, die davon erzählt, wie sie von Stuttgart aus aufbrach und in die türkische Heimat auswanderte :

Derya Du bist doch in Deutschland geboren und aufgewachsen. Wann kam es dir in den Sinn, in die Türkei auszuwandern ?

Genau, ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen und bin deutsche Staatsbürgerin und man sollte niemals nie sagen, aber vor zwei Jahren hätte und habe ich auch gesagt, ich würde NIEMALS in die Türkei auswandern, doch nun bin ich hier 🙂 Der Wunsch kam mitten im Jahr 2011. Das Unternehmen, für das ich in Stuttgart arbeitete, hatte eine Niederlassung in Istanbul eröffnet und ich spürte nach und nach den Wunsch, ein neues Kapitel in meinem Leben zu beginnen. All das hat Istanbul natürlich angeboten. Neuer Job, neue Leute und komplett neue Gegend 🙂

Wie bist du vorgegangen ?

Ich bewarb mich zunächst um eine neue Position in der Niederlassung des Unternehmen, für das ich bereits in Stuttgart arbeitete. “Neue Position” deshalb, weil der Bereich, für den ich in Deutschland zuständig war (Back Office Management), in Istanbul noch nicht angeboten wurde. Um ganz ehrlich zu sein, allzu viel Lust hatte ich nicht auf die Stelle und es fiel mir sehr schwer vorzutäuschen, dass ich  auf die Position sehr scharf wäre, aber eine andere Wahl, um nach Istanbul auszuwandern hatte ich nicht, also, blieb mir nicht viel übrig. Nachdem ich das “OK” von meinem Arbeitgeber bekam, ging es nun um die Frage, woher ich eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung für die Türkei bekommen würde? War schon seltsam, für das Land, aus dem meine tatsächlichen Wurzeln stammten, unter dessen Staatsbürgerschaft ich geboren wurde und der ich auch bis zum Alter von 18 Jahren offiziell angehört hatte, nach einer Arbeitsgenehmigung oder Aufenthaltsmöglichkeiten zu ersuchen 🙂Aber dann kam vom türkischen Konsulat “Stuttgart” die Mitteilung, dass es die tolle “Mavi Kart” (Blaue Karte oder auch “Fluch und Segen zugleich” (aber dazu später mehr) für ausgebürgerte Bürger gebe, die man sogar umsonst bekommen könne. Diese blaue Karte ermöglicht uns ehemaligen türkischen Staatsbürgern, in der Türkei zu leben und zu arbeiten ohne irgendwelche Erlaubnis einzuholen. Das war natürlich super perfekt für mich 🙂 Sofort wurde diese beantragt (nach nur 3,5 Stunden Wartezeit beim Konsulat) und dann begannen die Vorbereitungen. Ich habe meine Wohnung komplett aufgelöst (bin bereits mit 22 Jahren vom Elternhaus ausgezogen), One-Way Ticket nach Istanbul organisiert und kurz bevor ich abflog, fand ich über eine Webseite eine Person, die aktuell nach Mitbewohnerin suchte, und die Wohnung war auch noch in der Nähe meines Arbeitgebers in Istanbul. Also…es stand mir nichts mehr im Wege 🙂

Hattest du ein Hintertürchen, für den Fall, dass du hier scheiterst, noch offen gelassen ?

Ehrlich gesagt nein. Ich habe mich auf den Zufall eingelassen. “Komme was wolle” sozusagen 🙂

Wie schwer oder leicht war es Arbeit zu finden ?

Mir wurde wie vermutet tatsächlich, schnell klar, dass der Job, für das ich mich aus Stuttgart aus beworben hatte, nichts für mich war. Noch während ich mich bei anderen Stellen bewarb (unter anderem auch in dem namhaften deutschen Markenunternehmen, für das ich aktuell als Management Assistentin arbeite), kam seitens der Unternehmensführung meines damaligen Arbeitgebers aus London die Entscheidung, aufgrund schlechter Zahlen und Leistung des Istanbuler Büros allgemein, Mitarbeiter zu entlassen um die Gruppe zu verkleinern. Ich war ebenfalls unter ihnen, was für mich eher besser war, denn so konnte ich mich leichter nach etwas neuem umschauen. Man denkt nicht, wie schwierig es sein kann, in Istanbul einen gut bezahlten und qualitativen Job mit zwei Fremdsprachen (für die türkischen Unternehmen ist mein Deutsch eine Fremdsprache + Englisch) und Berufserfahrung aus dem Ausland und das auch noch aus Deutschland, zu finden. Im “Call Center” wollte ich nicht landen, denn mein erster Job in Istanbul war so ähnlich wie im “Call Center” (Recruiting von IT Freiberuflern auf dem europäischen Markt) in dem ich es nur schwerlich knapp fünf Monate ausgehalten habe. Aber für einen sehr gering bezahlten Job (zwischen 1.500 TL bis 2.500 TL netto) wollte ich meine  Berufserfahrung und Ausbildung nicht “missbrauchen” lassen. Also, wartete und suchte ich. Von dem Unternehmen, für das ich aktuell nun arbeite, habe ich drei Monate auf eine Antwort gewartet. Von vielen anderen habe ich nach einem halben Jahr Antwort bekommen und natürlich diese abgelehnt. Ich war sehr verwundert, denn bei uns in Deutschland 🙂 (go2tr : dieser Lacher ist von mir weil Derya ‘bei uns’ sagte.) dauert es höchstens und das auch selten einen Monat bis man Bescheid bekommt. Eine Managerin meinte noch, dass drei Monate für türkische Verhältnisse sehr kurz seien 🙂

Ich weiß, dass du sehr glücklich bist. War es einfach hier Freunde zu finden?

Ich habe ehrlich gesagt erst nach einem Jahr angefangen, mich nach einemFreundeskreis und sozialen Umfeld umzusehen. Ich persönlich komme eher mit “Deutsch-Türken” besser aus, als wie mit “Türkisch-”Türken. Ich glaube, es liegt an der Mentalität. Wir Deutsch-Türken bzw. die Türken, die Deutschland lieben, auch wenn sie mittlerweise im Heimatland der Eltern wohnen, anders ticken. Ich kann das kaum erklären. Bei einer Person, welcher meine deutsche Seite sieht und versteht, habe ich eher das Gefühl, akzeptiert zu sein. Ich lebe für viele Türken sehr tolerant, denn immerhin bin ich seitdem ich 22 bin, auf mich allein gestellt. Für die Mehrheit der Türken ist es unüblich, dass man unverheiratet alleine als Frau wohnt. Selbst Männer wohnen nicht alleine, solange sie nicht verheiratet sind. Hinzu kommt bzw. kamen noch die sprachlichen Unterschiede. Mein Türkisch ist ebenfalls anders als die von den Leuten hier. Zwar hat sich meine Sprache in der Zwischenzeit stark verbessert, jedoch verstehe ich manche kulturellen Witze noch nicht so ganz und wundere mich manchmal, warum die Leute hier über Dinge lachen, die ich persönlich ganz und gar nicht witzig finde, und umgekehrt geht es den Leuten genauso. Meine Witze verstehen da die Deutsch-Türken eher besser :)) Aber alles in allem entwickelt sich hier für mich langsam ein sehr interessanter Kreis, worüber ich mich persönlich sehr freue :))

Kannst du dir vorstellen, jemals wieder zurück nach Deutschland zu gehen?

Man sollte sicher niemals nie sagen, jedoch aktuell ist dies für mich ausgeschlossen. Klar, ich vermisse meine Heimat manchmal, aber wenn ich in meiner Phantasie in Gedanken eintauche und mir vorstelle, wieder in Stuttgart zu leben, fange ich an, heftig den Kopf zu schütteln und mir selber “NEIN” zu sagen. Höchstwahrscheinlich würde für mich dies erst dann in Frage kommen, falls die Situation in der Türkei sich dramatisch verändern sollte. Wie man weiß, gibt es sehr gespaltene Meinungen in der Türkei. Die einen meinen, dass die Türkei aufgrund der heutigen Regierung der konservativen Partei AKP und dessen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan in Richtung der Scharia geht. Manche verneinen dies. Man kann sich über dieses Thema ständig streiten und tut dies auch. Tatsache ist, dass der Konservatismus zunimmt. Das sieht und spürt man. Dennoch ist es ein Segen, in einer Stadt wie Istanbul zu leben. Ich fahre jeden Morgen über die Brücke zur Arbeit und jeden Abend mit der Fähre nach Hause, denn ich wohne auf der asiatischen Seite und arbeite auf der europäischen. Allein diese Fahrten von der einen Seite auf die andere und das Wahrnehmen der Schönheit lassen mich jeden Tag aufs neue einen Dankesgruß an Gott senden, dass er Sultan Mehmet II., dem Eroberer, es ermöglicht hat, diese Stadt zu erobern :)) Diese Stadt hat alles, was das Leben selbst ist.

Du bist einer der großen Ausnahmen zumal du bei einem deutschen Arbeitgeber untergekommen bist. Hast du gezielt nach einem deutschen Arbeitgeber gesucht oder war es ein Zufall?

Es war sicher ein Wunsch, aber nichts geplantes 🙂 Für mich war es schon wichtig, all meine drei Sprachen benutzen zu können und dementsprechend den passenden Arbeitgeber zu finden, jedoch, dass es so gut passen würde, hätte ich mir selbst nicht erträumen können. Purer Zufall.

Wie sicher schätzt du deinen Arbeitsplatz ein ? Wirst du hier alt werden können ?

Ich denke, dass es hier schon sicher ist, aber wissen kann man das natürlich in keinem Unternehmen. Man muss einfach nur mit dem Job und den Verhältnissen auskommen können, was nicht immer leicht ist. Ich habe drei verschiedene Manager, denen ich assistiere und alle drei sind natürlich verschieden. Es macht Spaß mit ihnen zu arbeiten denn es fördert einen, aber es ist anstrengend zugleich, denn ich möchte allen dreien guten Service bieten können. Hierbei liegt natürlich alles an mir. Anfangs war es schwieriger mit gebrochenem türkisch zu kommunizieren, aber man lernt schnell dazu. Ob ich hier alt werden könnte, weiß ich nicht, jedoch könnte man sich dies vorstellen.

Jetzt, wo du eine eigene Wohnung hast, wolltest du ein Kredit aufnehmen. Schon kam es zu Schwierigkeiten, weil du Deutsche bist. Worin lagen diese? Wie geht es jetzt in der Angelegenheit weiter ?

Oh ja…da kommen wir zum Thema “Mavi Kart” oder “Blaue Karte” alias “Fluch und Segen zugleich”.

Wie bereits erwähnt, bin ich deutsche Staatsbürgerin mit einer türkischen Blauen Karte, die rechtlich und offiziell gilt. Das heißt, dass wir uns keine gesonderte Aufenthaltsgenehmigung einholen müssen. Unsere T.C. Nummer auf der Karte (Personalausweisnummer) ist auch offiziell unsere Steuernummer. Jedoch hat der liebe türkische Staat diese Entscheidungen solcher Art existentiellen Institutionen wie z. B. Banken, Versicherungen, sogar einigen Ämtern oder der Polizei nicht ordentlich mitgeteilt, sodass diese auch ein entsprechendes Erkennungssystem entwickeln können. Nein, von mir verlangt meine Bank, dass ich, weil deren System nun mal nicht auf dem neuesten Stand ist, eine “Yabancı Kimlik Numarası” was so viel heißt wie “Ausländer Ausweisnummer” oder so ähnlich, besorge, welche mich sehr viel kosten würde, für nichts und wieder nichts, denn um diese Nummer zu besorgen, müsste ich Aufenthalt beantragen, was ich aber eigentlich nicht brauche. Auch bringen die gesamten Erklärungen, dass ich aufgrund meiner T. C. Nummer auf der blauen Karte von solchen Anträgen befreit bin, nichts, denn nicht die Logik oder Gesetz bei meiner Bank oder vielen Banken herrscht, sondern das “Computersystem”, welches solche Erneuerungen nicht erkennt. Wie es weitergehen wird, weiß ich nicht, jedoch habe ich erfahren, dass der Staat seit einem Jahr an einem System arbeitet, welches derartige Informationen wie die Sache mit der blauen Karte elektronisch an alle Vereine und Institutionen mitteilen soll. Man sagte mir, dass es nur noch wenige Tage und Wochen dauern wird, bis das ganze sitzt, da die mit der Entwicklung nun fast am Ziel angekommen seien. Ich hoffe nur, dass die das nicht auch letztes Jahr gesagt haben 🙂

Hast du höhere Ziele oder bist du mit dem Erreichten zufrieden ?

Klar, habe ich bestimme Gedanken und Ziele, welche ich anstrebe, aber ich bin auf diese nicht fixiert. Das Leben ist nicht planbar, denn es kommt immer anders, als man es sich gedacht oder gar gewünscht hätte. Ich finde, sich auf etwas krampfhaft zu fixieren und nur noch auf dieses Ziel hin zu arbeiten lässt uns vergessen, dass wir in der Gegenwart leben. Und wenn dann auch noch das gewünschte Ziel scheitert, dann merkt man erst, wie viel Zeit man nicht realisiert und verloren hat. Daher, lebe ich gerne im Jetzt und Hier und freue mich auf den Morgen 🙂

Übrigens, kämen auch andere Städte für dich in Frage oder war Istanbul ein ‘Muss’ ?

Istanbul ist schon meine erste Wahl, aber auch Izmir wäre irgendwann vielleicht  attraktiv. Izmir ist eine Miniaturform von Istanbul und auch sehr schön. Eine Oase, sozusagen 🙂

“Alphones de Lamartine” hat einmal mal gesagt: If they say “you have your last chance to look at the World”, I wish that look would be from Çamlıca of Istanbul”.


 

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