„Wirtschaftlich gesehen werden die beiden Länder füreinander immer wichtiger“

Stuttgart – Was ist die Türkei? Ist sie Europa? Ist sie Asien? Ist sie der gewohnt verlässliche Sicherheitspartner am südöstlichen Rand der Nato oder eine von erstarkenden islamistischen Tendenzen geprägte Regionalmacht?
Während um die politische Rolle der 74-Millionen-Einwohner-Nation in Deutschland seit Jahren heftig gerungen wird, ist auf dem Feld der Wirtschaftsbeziehungen ei­gentlich längst alles geklärt.
„Rein ökonomisch betrachtet sind wir mit der Türkei seit Jahren voll vernetzt“, sagt Ulrich Ackermann, Leiter der Außenwirtschaftsabteilung beim Maschinenbauverband VDMA in Frankfurt. „Die Türkei ist ein wichtiger Partner für uns, die Verflechtungen werden enger, das Vertrauen ist da.“
Was für die Maschinenbauer gilt, würde auch die deutsche Wirtschaft als Ganzes unterschreiben. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich der Wert der Waren, die türkische Unternehmen nach Deutschland exportieren, auf rund elf Milliarden Euro fast verdoppelt. Deutsche Firmen ihrerseits lieferten 2011 Güter für rund 20 Milliarden Euro an den Bosporus, eine Größenordnung, die sich wohl auch fürs Jahr 2012 fortschreiben lässt. Für die deutsche Exportwirtschaft ist die Türkei mittlerweile bedeutender als Japan. „Wirtschaftlich gesehen werden die beiden Länder füreinander immer wichtiger“, sagt Daniel Sahl, Türkeiexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Kein Land weltweit nimmt den Türken beispielsweise mehr Produkte ab als Deutschland.
Etikett der Boomökonomie
Wer sich in der Wirtschaft umhört, bekommt oft Vokabeln wie „unglaublich dynamisch“, „eindrucksvolles Wachstum“ oder „Erfolgsgeschichte“ zu hören, wenn es um die Türkei geht. Dem kranken Mann am Bosporus, wie die Nation noch Anfang des Jahrtausends genannt wurde, als sie nach einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise nur durch einen Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom Staatsbankrott gerettet werden konnte, haftet längst das Etikett der Boomökonomie an. Seit damals hat sich das Bruttoinlandsprodukt auf rund 580 Milliarden Euro mehr als verdreifacht. Die Tourismushochburgen Antalya und Bodrum sind längst nicht mehr die einzigen Devisenbringer des Landes, Billig-T-Shirts mit „Made in Turkey“-Emblem und knackige Orangen schon lange nicht mehr seine alleinigen Exportartikel.
Immer öfter werden in den Industriegürteln im westlichen Teil des Landes auch Produkte der Automobil-, Elektro- oder Baustoffbranche gefertigt. Mit dem zentralanatolischen Kayseri, dem Geburtsort des amtierenden Präsidenten Abdullah Gül, entsteht im lange vernachlässigten Osten des Landes gerade ein weiteres Wirtschaftszentrum. Konzerne wie Bosch, Siemens oder Daimler sind schon seit Jahren in der Türkei mit Werken präsent. Seit 1973 fertigt Bosch etwa am Standort Bursa Zulieferteile für Autos, nahe Istanbul werden zusammen mit Siemens Hausgeräte hergestellt. Im anatolischen Aksaray betreibt der Daimler-Konzern ein international bedeutendes Werk für Nutzfahrzeuge.
Der Aufschwung der heimischen Wirtschaft, die 2010 und 2011 Wachstumsraten um 9 beziehungsweise 7,5 Prozent zulegte, wird von kleinen Gewerbetreibenden und vom Mittelstand getragen. Rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung werden in Firmen mit maximal 250 Mitarbeitern erbracht.
„Die Betriebe müssen sich bemühen, technologisch voranzukommen, um wettbewerbsfähig zu bleiben“
Daneben bestimmen große Familienkonzerne, die oft auch politisch bestens vernetzt sind, das Bild. Der Mischkonzern Koc, der Ende 2007 durch die Übernahme von Grundig von sich reden machte, gehört ebenso dazu wie die im Banken-, Bau- und Energiesektor tätige Sabanci-Gruppe, die unter anderem mit dem deutschen Baustoffriesen Heidelberg-Cement kooperiert. Deutschlands drittgrößter Energieversorger EnBW arbeitet bereits seit 2009 mit der türkischen Borusan-Gruppe zusammen. Gemeinsam errichtet man Wasserkraftwerke und Windräder, um den schnell wachsenden Energiebedarf der Regionalmacht zu stillen.
Aber es gibt auch Probleme und Herausforderungen. Immer noch hinkt der östliche Teil des Landes dem dynamischen Westen hinterher. Die staatliche Mittelstandsförderung wurde zurückgefahren, und trotz des enormen Aufholtempos, das die Türkei im vergangenen Jahrzehnt an den Tag gelegt hat, sind Teile der Wirtschaft technologisch rückständig. Viele Produkte sind weltweit austauschbar. „Die Betriebe müssen sich bemühen, technologisch voranzukommen, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt VDMA-Experte Ackermann. Oft seien die Arbeitskosten der entscheidende Wettbewerbsvorteil – ein Trumpf, der aufgrund steigender Löhne langfristig aber weniger steche.
Gesamtwirtschaftlich ist Inflation ein Problem, das noch nicht gebannt zu sein scheint. Neben einer chronisch defizitären Handelsbilanz sehen Experten hierin eine der größten Gefahren für einen nachhaltigen Aufschwung der Türkei zur wirtschaftlichen Großmacht am Rand der EU.
Von politischer Seite bemüht man sich in letzter Zeit verstärkt, die Bedeutung der Türkei herauszustreichen. Die Reisediplomatie nimmt zu. 2010 besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel den Partner am Bosporus. Im September 2011 machte Staatspräsident Gül im Rahmen eines Deutschland-Besuchs in Baden-Württemberg halt, um sich über die wirtschaftlichen Potenziale erneuerbarer Energien zu informieren. Beim Gegenbesuch in der Türkei vergangenen Oktober betonte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) den wirtschaftlichen Entwicklungskurs, auf den Regierungschef Recep Tayyip Erdogan die Türkei seit seinem Amtsantritt 2003 gebracht hat, und schlug eine Liberalisierung der restriktiven Visumregeln vor. Seit Jahren sind sie vor allem türkischen Geschäftsleuten ein Dorn im Auge. Ein Vorschlag, den auch die deutsche Wirtschaft unterstützt. „Lockerungen würden das wirtschaftliche Zusammenwachsen beider Länder sicher fördern“, sagt Türkei-Experte Sahl.

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.erfolgreiche-aufholjagd-wirtschaftsmacht-tuerkei.0174bc43-b8b5-4d5c-974f-39813f145817.html

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