Schuldenkrise – Was machen die Türken besser ?

Vor einem Jahrzehnt stand die Türkei vor der Staatspleite, die Griechen feierten die Aufnahme in den Euro. Heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Was machen die Türken besser?

Bei gutem Wetter haben die Griechen ihren Konkurrenten stets im Blick: Wer am Hafen der Insel Kos aufs Meer schaut, sieht sofort die türkische Küste. Nur knapp sieben Kilometer Meer liegen dazwischen. Nirgendwo anders in der Ägais befinden sich zwei touristische Zentren so dicht beieinander.
Kos ist eine der beliebtesten griechischen Inseln. Auch viele Deutsche fliegen dorthin. Auf der türkischen Seite liegt Bodrum. Fans schwärmen vom Saint-Tropez der Türkei, vor allem wegen der hohen Promidichte und der Ansammlung von Luxusyachten im Hafen. Die Landschaft ist auf beiden Seiten identisch: felsig, hügelig, rauh. Und auch das Klima: Von April bis Oktober ist es in Kos und Bodrum angenehm warm und im Hochsommer zu heiß.
Gleiche Voraussetzung, unterschiedliche Entwicklung
Obwohl die beiden Regionen die gleichen klimatischen und landschaftlichen Voraussetzungen mitbringen, entwickeln sie sich doch so unterschiedlich: Die Türken beherbergen immer mehr Gäste, die Griechen erlitten in diesem Jahr spürbare Einbußen bei den Buchungen. Und auch schon in den Jahren davor hatte die Konkurrenz auf der anderen Meeresseite die Nase vorn.
Der kleine Mikrokosmos mit Kos und Bodrum lässt sich auf den ganzen Tourismus der beiden Länder ausweiten. Die Türkei wächst und wächst, Griechenland stagniert oder verliert sogar. Schlimmer noch: Was für den Tourismus gilt, gilt für die gesamte Wirtschaft. Die Türkei ist zu einer der stärksten Wachstumsregionen der Welt geworden, während Griechenland im fünften Jahr einer tiefen Rezession steckt, den Staatsbankrott immer vor Augen.
Die Unterschiede zeigen sich auch in der Entwicklung der Infrastruktur. Die Türkei erweitert sie mit Milliardensummen: Neue Schnellstraßen und ein Tunnel unter dem Bosporus sind fertig oder in Bau. Eine Hochgeschwindigkeitsbahn von Istanbul nach Ankara und für die boomende Metropole Istanbul Europas größter Flughafen – das ist konkrete Planung. Wenige hundert Kilometer westlich tut sich hingegen nichts: In Nordgriechenland stehen Autobahnen mangels Geld halb fertig in der Landschaft.
In der Industrie läuft es ähnlich. In der Türkei treten sich ausländischen Investoren auf die Füße, darunter auch die deutschen Autobauer sowie Bosch und Siemens. Sie bauen eigene Werke auf, während sie um Griechenland einen großen Bogen machen. Die Türkei hat nennenswerte Industrie, die auch exportiert, vor allem rund um Istanbul und der Westküste. Aber auch der landwirtschaftlich geprägte anatolische Osten wird von der Regierung gezielt mit Werksansiedlungen gefördert. Die Griechen haben hingegen viel zu wenig Industrie.
Wie kann das sein? Zwei Länder in gleicher geographischer Lage, mit langer gemeinsamer Geschichte während des Osmanischen Reiches sowie mit der Erfahrung mehrerer Schuldenkrisen. Und doch entwickeln sie sich so unterschiedlich. Können die Griechen etwas vom Nachbarn lernen?
Vor zehn Jahren war die Lage noch umgekehrt. Griechenland feierte die Aufnahme in den Euro, während die Türkei kurz vor dem Staatsbankrott stand. Nur Milliardenkredite des Internationalen Währungsfonds (IWF) retteten das Land. Ähnlich wie Griechenland heute, das am Tropf ausländischer Geldgeber hängt. Und wie heute im Fall der Griechen diktierte der IWF der Türkei damals harte Sparauflagen und Reformen. Doch anders als die Regierung in Athen zeigte Ankara mehr Ehrgeiz bei der Umsetzung. Die Banken wurden vor der Pleite gerettet, der Wechselkurs durfte jetzt frei schwanken und die Notenbank wurde unabhängig von der Regierung. Dadurch konnte sie die horrende Inflation besser bekämpfen und musste nicht mehr das Staatsbudget mitfinanzieren.
„Die Türken haben einen guten Job gemacht“
Der Haushalt wurde trotzdem durch Ausgabenkürzungen saniert. In den Jahren danach privatisierte die Regierung viele der Staatsunternehmen. Die Folge: Nach einem massiven Wirtschaftseinbruch 2001 legte die Konjunktur schon ein Jahr später wieder zu und wuchs seitdem mit Jahresraten von zeitweise mehr als acht Prozent und damit fast mit chinesischer Geschwindigkeit. Die Reformen legten den Grundstein für die Wachstumsgeschichte.
Doch das zu kopieren wird für Griechenland schwer. „Die Türken haben einen guten Job gemacht. Aber sie hatten es auch leichter als die Griechen heute, denn sie konnten ihre Währung stark abwerten“, sagt Markus Jäger, Volkswirt der Deutsche Bank Research in New York. Die kräftige Abwertung der türkischen Lira half den Exporten, denn sie verbilligte türkische Waren im Ausland. Zugleich kauften die Türken weniger ausländische Produkte, weil die zu teuer wurden. Heimische Anbieter wurden wettbewerbsfähiger. Beides stützte die Wirtschaft und bremste zum Teil den Absturz durch die Sparmaßnahmen der Regierung. Die waren daher politisch leichter zu verwirklichen.
Die Griechen hingegen hängen vom Euro-Wechselkurs ab. Und der verliert gerade minimal an Wert gegenüber anderen Währungen. Sie haben keine Abwertungsoption. Sie können nur ihre Löhne und Preise senken, was politisch deutlich schwieriger durchzusetzen ist. Vor allem mit einer Regierung aus drei Parteien, deren Interessen weit auseinanderklaffen. Die Türkei hatte hingegen den Vorteil, dass die erste Regierung nach der Krise, die AKP mit Ministerpräsident Erdogan, mit absoluter Mehrheit regieren konnte und daher weniger Kompromisse eingehen musste. Sie wurde wiedergewählt, weil sich rasch Erfolge zeigten, und regiert bis heute – eine in der Türkei davor nie dagewesene Stabilität, die der Wirtschaftspolitik zugutekam und von der Griechenland nur träumen kann.
Junge Bevölkerung und großer Binnenmarkt
Die Türkei hatte in und nach der Krise 2001 noch einen weiteren Vorteil gegenüber dem heutigen Griechenland: Die hohe Inflation reduzierte die Schuldenlast rasch. Griechenland hat solche Preissteigerungen nicht. Es hat auch nicht wie die Türkei eine so junge Bevölkerung, die konsumieren will. Und auch nicht einen großen Binnenmarkt mit rund 71 Millionen türkischen Verbrauchern. Es hat auch bereits ein viel höheres Wohlstandsniveau erreicht, das die starken Wachstumsraten von Schwellenländern, wie die Türkei eines ist, gar nicht möglich macht. Immerhin liegt das Pro-Kopf-Einkommen in Griechenland etwa doppelt so hoch wie in der Türkei.
Das klingt nun alles so, als könnten die Griechen nicht viel gegen die Krise tun: einfach Pech gehabt – mit der falschen Währung, einer ungünstigen Demographie und schon zu viel erreichtem Wohlstand. Doch das ist natürlich zu einfach. Gerade ein Blick auf den für Griechenland so wichtigen Tourismus zeigt, welche vermeidbaren Defizite das Land noch hat. Zwar hat das Land einen Preisnachteil durch die fehlende Abwertungsmöglichkeit der Währung.
„Aber für eine bessere Leistung wäre der Gast auch bereit, mehr zu bezahlen. Doch es hapert vor allem an der Qualität des Angebots“, sagt Roland Conrady, Professor für Touristik an der Fachhochschule Worms. „Griechenland hat wichtige Trends wie Wellness und All-Inclusive zu spät aufgegriffen und besitzt zudem viele kleine Hotels. Es ist zufrieden mit dem Erreichten, es fehlt der Aufbruch. Die Saison ist trotz gleichen Klimas kürzer als in der Türkei. Und die Politik hat keine klare Tourismus-Strategie.“ Ständig wechseln die Tourismusminister und die Vermarktungsslogans. Baugenehmigungen für neue Hotels brauchen ewig.

Die Türkei hingegen hat einen Entwicklungsplan, weist gezielt Tourismusregionen aus und baut Flughäfen, Marinas und Straßen dort aus. Die Hotels sind hochwertiger, größer, und Neubauten werden schneller genehmigt. Die Vermarktung ist professioneller.

Diese Unterschiede zeigen sich auch in der Industrie. Die türkische Wirtschaft erstickt nicht in Bürokratie, die Politik schafft gute Rahmenbedingungen. Die Weltbank ordnet die Türkei in der Wettbewerbsfähigkeit auf Platz 71 ein, Griechenland auf 100. Der Islam als Hauptreligion ist keine Bremse. Staatsgründer Atatürk hat das Land auf westliche Werte verpflichtet, betonen Ethnologen. Staat und Religion sind streng getrennt. Aber der Erfolg hat auch eine Kehrseite: Die Türken praktizieren einen ungezügelteren Kapitalismus als die Griechen, die Sozialstandards sind geringer. Es bleibt eben auch in der Türkei noch einiges zu tun.

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