Das helle Licht am Bosporus – Eine leuchtende Ausnahme

Spricht man über Europas Volkswirtschaften, löst das Wort ‘Peripherie’ bei Anlegern gemeinhin Stirnrunzeln aus. Überbordende Staatsverschuldung, Rezession und eine unter dem Spardiktat der Politik ächzende Bevölkerung sorgen für gedrückte Stimmung. Entsprechend leiden dort auch die Aktienmärkte und weisen eine traurige Bilanz auf.
Eine leuchtende Ausnahme gibt es aber: die Türkei. Von Wirtschaftskrise kann in dem Land am Bosporus keine Rede sein. Und der Aktienmarkt steht mit einem Plus von über 30 Prozent seit Jahresbeginn an der Spitze Europas.
Was treibt die Börse in Istanbul, die im Vorjahr noch wie viele andere Handelsplätze in Europa kräftige Abschläge hinnehmen musste? Die schwache Vorjahresentwicklung überrascht auf den ersten Blick, denn die türkische Wirtschaft war wie entfesselt aus der Finanzkrise hervorgegangenen und wies 2010 und 2011 mit plus 9,2 und 8,5 Prozent geradezu chinesische Wachstumsraten auf.
Für viele Anleger war das allerdings ein Warnzeichen: Seit den 80er Jahren ist die Konjunktur der Türkei von Extremen geprägt – auf einen starken Boom folgte stets ein starker Einbruch. Wenn es gut lief, gab es danach ein Nullwachstum, wenn es schlecht kam, ging es mit der Wirtschaftsleistung um fünf Prozent abwärts. Entsprechend machten sich Analysten und Anleger Sorgen, wie es nach diesem Aufschwung weiter geht.
“Die Erwartungen zu Jahresbeginn waren sehr niedrig und zurückhaltend, einige Marktteilnehmer befürchteten sogar eine technische Rezession im ersten Quartal”, sagt Alexandra Richter, Fondsmanagerin des Allianz Emerging Europe, der auch in der Türkei investiert ist. Aber es kam anders. Auch dank der guten Politik der türkischen Notenbank sei offenbar ein ‘soft landing’ erreicht worden, sagt Richter.
Sowohl die Gewinnschätzungen für die Unternehmen als auch die Konjunkturprognosen zogen im Jahresverlauf immer weiter an, was die Anleger zu Käufen ermunterte. Berna Bayazitoglu, Volkswirtin bei der Credit Suisse, erwartet jetzt für 2012 ein Wirtschaftswachstum von 3,8 Prozent – im europäischen Vergleich ein Spitzenwert. Dafür sorgen soll vor allem die erwartete Wiederbelebung des privaten Konsums in der zweiten Jahreshälfte. Mit einem Anteil von gut 70 Prozent am Bruttoinlandsprodukt ist der private Verbrauch in der Türkei ähnlich bedeutsam wie in den USA und so wichtig wie in keinem anderen größeren Schwellenland.
Gleichzeitig wird die Türkei immer weniger von den Wirtschaftsproblemen in Europa heruntergezogen. Ging früher noch weit mehr als die Hälfte der türkischen Exporte in die Europäische Union, sind es nach neuesten Zahlen nur noch 37 Prozent. Im Gegenzug steigt die Bedeutung des Nahen Ostens und Nordafrikas für die türkischen Ausfuhren, er liegt bereits nahe am EU-Anteil. „Die Türkei hat es geschafft, ihre Exporte regional zu diversifizieren und ist damit weniger abhängig von der Eurozone”, sagt Richter.
Neben der Industrie ist es auch der für die Türkei außerordentlich wichtige Bankensektor, der für Optimismus sorgt. Nach der schweren hausgemachten Finanzkrise im Jahre 2001 wurden die Geldhäuser früher und stärker reguliert als in Europa oder den USA, so dass sie zum Ende des Jahrzehnts ohne Staatshilfen durch die Finanzkrise kamen. Heute sind Eigenkapitalquoten von 15 Prozent normal. Richter zufolge sind die türkischen Banken solide finanziert und verfügen über ausreichend Liquidität. Daneben erfreuten sich die Institute einer zuletzt wieder gestiegenen Zinsspanne und einer verbesserten Kreditqualität.
Stärkung der einheimischen Unternehmen
Ein weiterer Pluspunkt ist die bereits viele Jahre anhaltende politische Stabilität des Landes, die nicht zuletzt auf der erfolgreichen Wirtschaftspolitik der herrschenden AKP unter Führung von Recep Erdogan sowie der unabhängigen Zentralbank gründet. Während es die Notenbank mit einer restriktiven Geldpolitik geschafft hat, das Kreditwachstum nach dem Boom auf ein nachhaltiges Niveau zurückzuführen, setzt die Regierung auf die Stärkung der einheimischen Unternehmen.
Das ist auch weiterhin nötig, denn ein großes Problem für die Türkei ist das hohe Leistungsbilanzdefizit. Zu Jahresbeginn belief sich dieses noch auf zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, was laut Credit Suisse einige Investoren von einem stärkeren Engagement in dem Land am Bosporus abgeschreckt haben dürfte. Als Nettoimporteur von Energie ist die Türkei strukturell benachteiligt, besonders in Zeiten steigender Ölpreise. Inzwischen klart sich aber auch hier der Himmel auf. Angesichts des gesunkenen Ölpreises und der guten Konjunktur rechnet Bayazitoglu von der Credit Suisse zum Jahresende nur noch mit einem Leistungsbilanzdefizit von 7,2 Prozent.
Investitionsbereitschaft europäischer Anleger
Probleme, das Defizit zu finanzieren, hatte die Türkei zuletzt nicht, was vor allem an der Investitionsbereitschaft europäischer Anleger liegt. Auf der Suche nach Alternativen zu den entweder zinsschwachen oder riskanten Anleihen in der Eurozone griffen sie bei türkischen Staatspapieren gierig zu. Die Anleiherenditen sind dadurch bereits von zehn auf 8,5 Prozent gedrückt worden. Aber auch auf diesem Niveau ist die Nachfrage noch hoch.
Mit türkischen Aktien konnten Anleger noch deutlich höhere Erträge erzielen als mit den Bonds. Alexander Redman, Analyst bei der Credit Suisse, ist allerdings skeptisch, ob es in dem Tempo weitergeht. Er hält türkische Aktien inzwischen für „fair bewertet”. Auch die Allianz-Fondsmanagerin Richter gibt sich zurückhaltend. „Nach der zuletzt starken Entwicklung könnte es kurzfristig durchaus wieder etwas volatiler werden”, sagt sie. In ihrem Portfolio europäischer Schwellenländer sei sie bei türkischen Anlagen derzeit „neutral positioniert”. Richter setzt vor allem auf ausgewählte Banken, die nachhaltiges Wachstum zeigen können, sowie auf Industrieunternehmen, die vom erhofften Anziehen der Binnennachfrage und von Exporten profitieren.
Positive Bevölkerungsdynamik
Mittel- und langfristig ist die Fondsmanagerin dagegen vor allem angesichts der positiven Bevölkerungsdynamik sehr optimistisch. „Die wachsende Bevölkerung der Türkei ist jung, strebt zunehmend auf den Arbeitsmarkt und stärkt den Konsum.” Auch die relativ niedrige Verschuldung des Staates und der Privathaushalte sowie die handelspolitisch attraktive Lage zwischen Europa und dem Nahen Osten vermerkt sie als Pluspunkte.
Langfristig also gute Aussichten für das Land am Bosporus, das in den vergangenen zehn Jahren seine Wirtschaftsleistung vervierfacht hat. Trotz aller Aufstiegsträume sollte aber nicht vergessen werden, dass die Türkei noch einen weiten Weg vor sich hat. Selbst in Griechenland, dem krisengeplagten Nachbarn und ewigen Konkurrenten, liegt die Wirtschaftsleistung pro Kopf noch doppelt so hoch wie in der Türkei.
Von JÖRN REHREN ( The Wall Street Journal )
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