Orangen gefaellig ? (Portakal istermisin abla ?)

Es ist lange her. Ich kam damals aus Deutschland und war auf einer Geschaeftsreise in der Türkei. Mein Hotel war in Kadıköy direkt auf der Hafenstrasse (Rıhtım Cad.). Dort ist immer laut. Hört der Verkehrslaerm gegen 3 Uhr in der Nacht auf, fangen die Taxi-Fahrer der Nachtschicht an ihre Autos zu reparieren. Für die Geraeuschkulisse ist also immer gesorgt.  Es war nicht sonderlich kalt draussen und ich wollte etwas frische (von dem ich annahm, dass es frisch ist) Luft reinlassen. Da lauschte ich dem Gespraech eines Strassenverkaeufers, der von seinem Waegelchen Orangen verkaufte. Man sprach von der grossen Ziehung der Staatslotterie an Silvester. Diesmal war der Hauptgewinn fast 2 Mio. Euro. Es hat mir gefallen was der Orangenverkaeufer sagte : “Sollte ich mal den Hauptgewinn erwischen, werde ich meine Orangen aus dem Kofferraum eines 320er Mercedes heraus verkaufen”. Gut ? :))

Die Geschichte fiel mir ein als ich auf den folgenden Artikel stiess. Genauso laeuft es naemlich auch in der Türkei ab.

Kreativ, fleißig und trotzdem arm

Von Hasnain Kazim, Islamabad

Nach einem anstrengenden Tag, man war vielleicht nicht nett zu allen Mitmenschen, ist man froh über Männer wie Mazar. Der läuft mit zwei Käfigen voller Vögel durch Islamabad, ich sehe ihn jeden Tag an einer Kreuzung. Die armen Stare hat er mit Netzen irgendwo am Fuße des Himalaya gefangen. Man stoppt, hält einen Plausch, was machen die Kinder, wann stürzt endlich die Regierung, reicht ihm ein paar Scheine, pro Tier genau hundert Rupien, also 80 Cent. Mazar greift in einen Käfig, holt entsprechend viele Vögel heraus – und lässt sie fliegen.

“Sie haben eine gute Tat vollbracht”, sagt er und grinst. Ich habe ein paar Vögeln die Freiheit zurückgegeben, die er ihnen geraubt hatte. Wenn man so will, ist Mazar ein Verkäufer von guten Taten: Gegen Geld macht er seine eigenen schlechten Taten rückgängig. Man kann sich also ein gutes Gewissen kaufen. Es ist die Straßenversion des Ablasshandels.
Man mag über den Sinn oder Unsinn dieses Geschäfts streiten und die Tierquälerei beklagen, Fakt ist: In Entwicklungsländern müssen Millionen von Menschen sich wie Mazar etwas einfallen lassen, um zu überleben. Kein Sozialstaat, keine Versicherung, kein rettendes Netz, das ihnen im Notfall hilft.
Friseursalon unterm Baum
Und der Notfall ist Dauerzustand: In Pakistan beispielsweise leben mehr als 180 Millionen Menschen, zwei Drittel davon sind unter 30 Jahre. Die Bevölkerung mancher Städte explodiert regelrecht: Die Einwohnerzahl von Karatschi, der Hafenstadt im Süden, hat sich in den vergangenen sechs Jahrzehnten verdreißigfacht. In den benachbarten Ländern sieht es kaum anders aus. Weil der Arbeitsmarkt nicht ebenso schnell wächst, müssen die Menschen kreativ werden und sich selbständig machen.
Farzan zum Beispiel hat vor ein paar Jahren einen alten Stuhl aufgetrieben, einen Spiegel (eine Scherbe genügt), eine Schere, ein Rasiermesser, einen Pinsel – fertig war der Frisiersalon. Der Spiegel wurde an einen Baumstamm gehängt, der Stuhl steht unter den Schatten spendenden Ästen. Farzan verlangt für einen Haarschnitt umgerechnet 40 Cent, Kopfmassage inklusive.
Ohrenputzer investieren in eine Packung Wattestäbchen und ein Fläschchen Olivenöl und ölen den Leuten auf der Straße den Gehörgang. Es gibt Schreiber, die eine Schreibmaschine besitzen, lesen und schreiben können und einem vor Behörden Formulare ausfüllen. Oder Wahrsager, Handleser, Kartenleger. Einer in Karatschi lässt seinen Papagei an einer Reihe von Umschlägen mit Horoskopen auf- und abmarschieren und schließlich einen ziehen. Bei Besitzern von Waagen kann man für fünf Rupien erfahren, ob man wieder zugenommen hat.
Familie ernähren statt Selbstverwirklichung
Handel geht natürlich immer. Obst zum Beispiel. Einfach ein paar Kisten aufgestellt, Bananen an den Baum gehängt, fertig ist der Laden. Genehmigungen sind in den seltensten Fällen nötig, höchstens mal ein bisschen Schmiergeld für nervende Polizisten.
“Noch besser ist es, wenn man zu den Kunden fahren kann”, sagt Saleem, der sich für umgerechnet 40 Euro ein Fahrrad gekauft hat – viel Geld für jemanden, der täglich nur ein paar Rupien verdient. Auf dem Gepäckträger hat er eine Platte montiert, auf der er Obst der Saison feilbietet, derzeit Erdbeeren und Orangen. Was wünscht er sich für seine Zukunft? “Dass ich mal bis zum Mittag alles verkauft habe und Zeit mit meinen Kindern verbringen kann.”
Sie schuften und schuften, oft bis spät in den Abend, und leben trotzdem in Armut. Und doch ist es ein anderes Verständnis vom Leben und vom Arbeiten: Die Arbeit dient dazu, die Familie zu ernähren, nicht der Selbstverwirklichung und dazu, dem Leben einen Sinn zu geben.
Kürzlich erwarteten wir Besuch, ich kaufte eine größere Menge Obst. Nachdem ich gezahlt hatte, fing der Händler an, seine Sachen zusammenzupacken. “Schon Feierabend?”, fragte ich ihn. Er antwortete, durch meinen Einkauf habe er mehr als sein Tagespensum verdient. Also: Feierabend!
Nach diesem Einkauf hatte ich ein besseres Gewissen als nach dem Handel mit dem Vogelfänger.

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/a-819543.html

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