Istanbul = Türkischer Honig

Von Anita Ericson – Istanbul ist unwiderstehlich wie süßes türkisches Naschwerk. Mit dem Unterschied: Die Stadt können Sie ohne Reue genießen.

Orhan hat seinen Enkel mitgebracht. Fasziniert beobachtet der kleine Bub, wie sein Opa den Köder konzentriert am Angelhaken befestigt und nach einem letzten prüfenden Blick die Schnur mit einer weitausholenden Bewegung ins Wasser wirft. Nun warten die beiden in einer Reihe mit ergrauten Herren, die auf der Galatabrücke Tag für Tag ihr Fischerglück versuchen. Hinter ihnen erleidet Istanbul gerade einen weiteren Verkehrsinfarkt. “Schon mein Vater kam oft mit seiner Angel zur Brücke. Damals gab es mehr Fische”, seufzt Pensionist Orhan und tupft sich mit seinem Stofftuch die Schweißperlen von der Stirn. “Wenigstens finde ich beim Angeln meine Ruhe – die Stadt ist längst viel zu hektisch, sehen Sie sich bloß um.”An der Galatabrücke, die sich über den Eingang zur Bucht des Goldenen Horns spannt, sticht jedoch zuerst die Schönheit Istanbuls ins Auge, die sich in einem atemberaubenden Rundumblick eröffnet. Im Süden zeichnen sich die schlanken Minarette und imposanten Kuppeln der historischen Altstadt als unverwechselbare Silhouette im Gegenlicht ab. Im Norden ragt der von den Genuesen erbaute Galataturm als Wahrzeichen des europäisch geprägten Viertels Beyolu, früher auch Pera oder Galata genannt, aus dem Häusermeer. Im Osten gleiten Boote, Fähren und Schiffe über den mächtigen Bosporus, auf dessen gegenüberliegenden Seite Asien in der Sonne flirrt. Direkt vom Bosporus abgehend, schneidet sich das Goldene Horn im Westen weit ins Landesinnere.

Im Minutentakt kommen und gehen die Fähren, ein unablässiger Strom aus Menschen fließt am Kai in beide Richtungen. Fischbrötchenverkäufer bewerben lautstark ihr Angebot, türkische Musik miaut aus Lautsprechern, am Spielzeugstandl tutet und piepst es, Autos hupen wie verrückt. Stiller wird es erst in den steilen Gassen, die nach oben in die alte Stadt führen. Vor der Werkstatt eines Trommelherstellers sitzen zwei Männer im Sakko auf winzigen Stühlen und trinken Tee, çay, das Nationalgetränk der Türken. Ein Sesamkringelverkäufer schiebt seinen kleinen Laden keuchend ums Eck. Buben spielen Fußball auf der schmalen Straße.

Unvermutet steht man immer wieder vor uralten Mauern, wo man schon mal ein paar Stunden liegen lassen kann: Im Çemberlita Hamam, das seit mehr als 400 Jahren zum Dampfbad lädt, im Yerebatan Saray, einer palastartigen, unterirdischen Zisterne aus römischen Zeiten, oder im Kapal Çar, dem überdachten großen Bazar aus dem 15. Jahrhundert, in dem es sich angenehm shoppt – aromatische Gewürze, kupferne Kaffeekannen, knallbunte Kissen, goldener Schmuck, handgeflochtene Körbe, billige Lederschlapfen, morgenländische Teppiche, imitierte Markenparfums, schlabbrige Jogginghosen, Plastikschüsseln made in China, …

Busse, hektische Tourguides, aufgeregte Touristen. Am höchsten Punkt der Altstadt drängen sich nicht nur die schönsten Bauten zusammen sondern auch die Besucher an den Kassenschaltern. Der Topkap-Palast, die Hagia Sofia und die Sultan-Ahmet alias Blaue Moschee erheben sich prominent auf den Fundamenten des antiken griechischen Byzanz.

Das älteste Baudenkmal auf diesem Areal ist die Hagia Sofia. Heute Museum, davor Moschee und noch davor über 900 Jahre lang die größte und bedeutendste Kirche des Christentums: In der Spätantike machte der römische Kaiser Konstantin Byzanz zu seiner Hauptstadt, die 330 unter ihrem neuen Namen Konstantinopel eingeweiht wurde. Bald darauf zerfiel das römische Reich in zwei Teile, der westliche ging rasch unter, während der östliche, das byzantinische Reich, unter seinen christlichen Kaisern erblühte. Im 6. Jahrhundert ließ Kaiser Justinian nach einem Brand an Stelle einer älteren Kirche die Hagia Sofia errichten.

In ihr kommt die antike Form der Kuppelbasilika zu ihrem Höhepunkt. Lichtkegel aus hohen Fensterbögen brechen die Monumentalität der in vielen Farben schillernden Halle, lösen den Raum in sich auf. Ein auffälliges Quadrat aus roten, grünen und weißen Steinscheiben am Boden markiert den Krönungsplatz der byzantinischen Kaiser. Hoch darüber schwebt die Kuppel als Symbol für den schwerelosen Himmel. Die Hagia Sofia ist das perfekte Gotteshaus, nach ihrem Vorbild haben sich sowohl die abendländischen Kirchen als auch die osmanischen Moscheen entwickelt. Ihre Erhabenheit erzeugt Gänsehaut.

Als die Osmanen 1453 die Stadt eroberten und damit das byzantinische Reich zu Fall brachten, wandelten sie die Hagia Sofia sofort in eine Moschee um und begannen mit dem Bau des Sultanspalastes Topkap Saray, durch dessen orientalische Pracht sich heute die Besuchermassen wälzen. Erst im 17. Jahrhundert ließ der damalige Sultan Ahmet I. eine Moschee gegenüber der damit funktionslos gewordenen Hagia Sofia bauen. Sie wird Blaue Moschee genannt, wegen der Farbe ihrer raumfüllenden Fliesen.

Nach diesem Monsterbesichtigungsprogramm tut eine Pause not. Der beste Spot in Reichweite ist der schattige Gülhane Park, der früher zum Palast gehörte. Zur Ruhe kommt man in einem der gemütlichen Teegärten dort, mit unverstelltem Blick auf das Marmarameer, das die Altstadt im Süden abschließt, den Bosporus und den asiatischen Kontinent. Das kräuselige Wasser reflektiert die Sonnenstrahlen in alle Richtungen, Glanzpünktchen tanzen auf und ab. Türkische Klänge sind im Hintergrund zu hören. Sagen Sie Murat bey, sind da immer so viele Besucher? Der Kellner lacht: “Besonders im Frühjahr und Herbst, da haben wir täglich bis zu drei Kreuzfahrtschiffe vor Anker liegen. Aber beim nächsten Mal kommen Sie zur Mittagszeit, dann sind die meisten Gruppen beim Essen.”

Es ist fast wie auf der Kärntner Straße. In schicken Auslagen sind hautenge Cocktailkleider, Hosen aus feinstem Tuch, Smartphones und Highheels drapiert. Krawatten, Schmuck und Schals, Espresso und Fusion Food werden im Erdgeschoß von Häusern verkauft, die mit ihren historisierenden Formen und floresken Jugendstilmustern unschwer als Repräsentanzbauten der Belle Epoche zu erkennen sind. Istanbul, wie die Stadt seit 1930 offiziell heißt, ist an vielen Stellen eine noch modernere City, in Beyolu indes, genau gegenüber der Altstadt, zeigt sie ihr charmant-mondänes Gesicht. Hier residierten ab dem 16. Jahrhundert die Gesandtschaften westlicher Staaten, entsprechend fein war früher das Angebot in der Luxusmeile Grand Rue de Pera – die heute als großzügiger Einkaufsboulevard unter dem Namen Istiklal Caddesi ihre Renaissance erlebt. Am Steinpflaster der Fußgängerzone erliegen die Istanbuler täglich dem Konsumrausch. Wären da nicht die vielen rabenschwarzen Gel-Frisuren, würde man sich in Beyolu tatsächlich wie zu Hause vorkommen.

Unscheinbare Eingänge führen in prunkvolle Passagen wie die Markiz Pasaj. In der traditionsreichen Patisserie Markiz trifft sich die junge Özlem einmal in der Woche mit ihren Freundinnen, um in Kaffee und Kuchen zu schwelgen. “Keinesfalls öfter – wir müssen schließlich auf unsere Figur achten”, sagt Özlem ganz ernst. Ringsum klappert das Besteck, schnattern die Gespräche, läuten die Handys. Die Unterhaltung der Studentinnen dreht sich um die geilste Boutique, den coolsten Club, die attraktivsten Männer. Und um die getätigten Einkäufe. “Auch deswegen nur einmal in der Woche! Wir hätten bald kein Geld mehr, kämen wir öfter in die Istiklal”, sagt Özlem und grinst dann doch dazu.

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