Es tut sich viel am Bosporus

Zu Besuch bei dem Schriftsteller Mario Levi, dem Chronisten des multikulturellen Istanbul

Das stetig wachsende Istanbul ist die Türkei im Kleinen: eine Brücke zwischen Europa und Asien, zwischen Hightech-Fabriken und Handwerksbetrieben mit offenem Feuer, zwischen Partymeilen und Moscheen. An einem literarischen Mosaik dieser facettenreichen Widersprüche arbeitet der Schriftsteller Mario Levi. Von Achim Engelberg

Auch wenn der hellbraune Hund, ein Golden Retriever, Sancho Pansa heisst, sein Herrchen Mario Levi ist dennoch kein Don Quijote, der gegen Windmühlenflügel kämpft. Aber beide lieben es, in der Katzenmetropole Istanbul spazieren zu gehen. Nun aber führt Levi seinen Besucher in das stilvoll mit alten Möbeln und moderner Kunst eingerichtete Wohn- und Arbeitszimmer, von dem aus man auf der anderen Seite des Bosporus historische Wahrzeichen wie den Topkapi-Palast und die Hagia Sophia im Abendlicht liegen sieht.Im Rücken Asien, vor sich Europa, schreibt der frankophile Mario Levi, der 1986 mit einem Buch über den Chansonnier Jacques Brel debütierte, nunmehr fast ausschliesslich an einem Erzählwerk über die sich wandelnde Bosporusmetropole.

Mosaik statt Melting Pot

Reizvoll und fragwürdig zugleich ist es, Jahrhunderte und Epochen mit einzelnen Städten zu verbinden. Oft hört man, Paris sei die Hauptstadt des 19. und New York die des 20. Jahrhunderts gewesen. Istanbul in seiner Vielfalt könnte die unserer Epoche werden. Was genau aber bewegt Mario Levi am Anfang zu einem neuen Roman – ist es ein Bild, eine Figur, ein Thema, ein Sound? «Es fängt stets mit meinen Erinnerungen an», bekennt der Schriftsteller, «Autobiografie ist es bei mir immer.» Vor dem Schreibprozess brauche er keinen Plot, aber er müsse ein wenig das Ende der Geschichte erahnen und vor allem die Temperatur, den Stil eines Buches finden. In der Tat ist «Istanbul war ein Märchen» – sein in der Türkei wie international bekanntester Roman, an dem er von 1992 bis 1998 schrieb – die Geschichte von drei Generationen seiner Familie, die vor dem Hintergrund der allmählichen Modernisierung der Türkei spielt. Das Opus, auch in der etwas gekürzten deutschen Ausgabe nicht ganz ohne Längen, entwirft dennoch ein lesenswertes Porträt der Metropole als Mosaik der Minderheiten: von Türken über Juden und Armenier bis zu Griechen. Es ist eine Auferstehung des kosmopolitischen Istanbul im frühen zwanzigsten Jahrhundert aus dem Geist der modernen Literatur dieser Epoche.

Allerdings lebten die ersten Levis bereits vor einem halben Jahrtausend am Bosporus. Sie wanderten wie viele ihrer Leidensgenossen ins Osmanische Reich ein, als sie in ihrer spanischen Heimat durch die Reconquista und das Alhambra-Edikt vom 31. Juli 1492 vor die Alternative gestellt waren, zum Christentum überzutreten oder zu fliehen. Nicht als geduldete Flüchtlinge reisten sie ein, sondern von Sultan Bayezid II. willkommen geheissen. Ist diese Herkunft der Grund für Mario Levis Obsession mit Minderheiten?

«<Geografie ist unser Schicksal>, sagte Ahmet Tanpınar, ein Autor, den ich sehr schätze. Ich liebe New York. Nach kurzer Zeit sehen sich die meisten Einwanderer als New Yorker. In Istanbul dagegen sagen selbst Leute, die Jahrzehnte hier leben: Ich bin kein Istanbuler, ich bin aus Mardin oder Urfa.»

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