“Deutsche Weine gehören zu den Besten.” “Selten habe ich so gut gegessen.”

Von Rheinhessen nach Moabit: Ein Abend mit der Weinkönigin im türkischen Restaurant Osmanya. Für sie ist es eine Premiere – bisher hatte sie noch nie türkischen Wein getrunken.

Heute bin ich mit der 63. Deutschen Weinkönigin verabredet. Annika Strebel heißt sie, 24 Jahre jung, aus Rheinhessen. Wir haben einen Deal gemacht. Wir gehen gemeinsam essen. Sie sucht die Weine aus, ich das Restaurant. Ich habe das Osmanya in Moabit gewählt, mehr als ein Restaurant, es ist ein türkischer Palast: schneeweißes Parkett, rot-goldene Stühle, Leuchter wie im Märchen aus 1.001 Nacht, würdig jeder Königin.

Das Osmanya ist eines von zwei gehobenen türkischen Restaurants, die es in Berlin gibt, und hat eine beeindruckende Auswahl an Weinen, vor allem türkische. Einige importiert es vom Weingut Kayra aus der Region um Izmir.

Die Weinkönigin liest natürlich als erstes die Weinkarte, sie hat noch nie türkischen Wein getrunken. Und bis auf einen Döner in Berlin auch noch nie türkisch gegessen.

Schwenken, riechen, ziehen

Das ist das erste, was sie mir sagt, aber sie hat sich schlau gemacht. Sie weiß, dass die Türken – seit im Jahr 2000 das staatliche Monopol für die Weinherstellung gefallen ist – aufholen und viel experimentieren: mit deutschem Know-how, französischen Eichenfässern und europäischen Rebsorten. Die Türkei hat fünf Mal mehr Rebfläche als Deutschland, das meiste wird aber als Tafeltrauben gegessen.

„Ein türkischer Sauvignon Blanc?“ Die Weinkönigin ist neugierig, sie nimmt eine Flasche aus der Linie Terra des Herstellers Kayra. Ich bestelle die gemischte Vorspeisenplatte, zu der wir warmes Fladenbrot essen.

Es fällt uns ziemlich schwer zu entscheiden, welche der acht Pasten und gegrillten Gemüse am besten ist. Alle sind fantastisch, frisch zubereitet und haben nicht einen Hauch Kühlschrankgeschmack. Besonders herausstechend finde ich den in Olivenöl blanchierten Seegrassalat, weil man beim Seegras, das auf Wattböden und an Küsten wächst, das Salz des Meeres durchschmecken kann. Der Knoblauch ist dezent, ebenso im Caczik, dem Minzjoghurt, der im Mund belebend wirkt. Und das Humus habe ich selten so gut in einem türkischen Restaurant gegessen: cremig, ohne dass das Tahin aus der Sesampaste dominiert.

Auch Annika Strebel schmeckt es, sie nimmt sich, bis alles leer ist, am liebsten vom Acili Antep Ezmesi. Das scharf gewürzte Püree aus Zwiebeln, Tomaten, Gurken und Peperoni passt für sie gut zum Sauvignon Blanc. „Was selten ist“, sagt sie, „weil Tomaten eigentlich wegen der Säure nicht mit Weißwein harmonieren.“ Sie schwenkt das Glas, riecht: „Grüne und tropische Noten“, zieht den Sauvignon hörbar durch den Mund: „Unkompliziert, leicht, kein Abräumer, aber ein guter Solowein“, sagt sie dann. Es macht Spaß, ihr zuzuhören, wenn sie Weine degustiert.

Anders als die Kartoffel-, Knoblauch- oder die Wurstkönigin, die die Lebensmittelindustrie erfunden hat, kommt eine Weinkönigin vom Fach. Strebel musste sich bei ihrer Wahl gegen 13 Kandidatinnen durchsetzen, mit Wissen über Wein. Sie lebt in Wintersheim, einem hessischen Dorf mit 333 Einwohnern, einer Bushaltestelle, keinem Türken und 17 Hektar Weinbergen, die ihre Eltern bewirtschaften. Nach ihrer Winzerlehre studiert die junge Frau nun Weinbau.

Ein Liter pro Jahr

Zum Hauptgericht Kuzusis, einem unglaublich zarten Lamm, das aufgespießt auf einem Rosmarinzweig gegrillt wird, trinken wir einen Buzbag Reserva, auch von Kayra. Strebel wollte die einheimischen Trauben testen. Der Buzbag ist 24 Monate im Eichenfass gelagert und wird aus den zwei beliebtesten roten Rebsorten der Türkei hergestellt: Öküzgözü und Bogazkere. Bogazkere heißt übersetzt Halskratzer, wie wir erfahren. Und er ist tatsächlich bitter, „wie zermahlene Traubenkerne“, sagt Strebel. „Vielleicht bindet er mit der Zeit die Gerbstoffe ein.“ Da unser Wein von 2006 ist, zweifelt sie aber, ob sich die Harmonie noch einstellt.

Sie wirkt jetzt fast ein bisschen erleichtert. Die Türken machen mittlerweile gute Weine, müssen aber noch aufholen. Ein Liter Wein trinkt jeder Türke im Durchschnitt – pro Jahr. Strebel degustiert das in einer Woche.

„Deutsche Weine gehören zu den besten“, sagt sie. Muss sie ja, die deutsche Weinkönigin. Aber nur selten habe sie so gut gegessen.

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/tuerkischer-tropfen-gut-gegessen—-und-wein-gab-s-auch,10809148,11520480.html

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