4000 Quadratmeter? Viel zu klein – Luxus-Immobilien in Istanbul

Superreiche aus aller Welt zieht es nach Istanbul. In der Stadt am Bosporus boomt das Geschäft mit Luxus-Immobilien. Trotz Protesten von Einheimischen fördert die Regierung den Zuzug wohlhabender Ausländer. Diese warten bei der Suche nach dem passenden Domizil mit extravaganten Wünschen auf.

“Istanbul spielt mittlerweile in derselben Liga wie Paris oder London”, sagt Arman Özver. Er redet nicht von Fußball, sondern von Immobilien. Genauer gesagt von Luxusimmobilien im sogenannten High-End-Segment. Özver ist der türkische Repräsentant von Sotheby’s International Realty. Das weltweit aktive Immobilienunternehmen widmet sich vor allem der gut betuchten Kundschaft. Özver gehört zu den besten Kennern des Marktes für Luxusimmobilien in der Stadt am Bosporus. Er berichtet von einer Preisexplosion, die noch vor wenigen Jahren kaum jemand für möglich gehalten hatte. “Die Quadratmeterpreise in den besten Lagen von Istanbul sind heute mit den Preisen in den begehrtesten Stadtteilen von London oder Paris vergleichbar”, sagt er.

Der Makler hat ein Beispiel parat. Es geht um das Istanbuler Nobelviertel Nisantasi. Dort residiert Sotheby’s Realty standesgemäß in einem sorgfältig restaurierten Stadthaus, das Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. “Ein Bekannter von mir hat ein paar Meter weiter von hier ein ähnliches Haus vor sieben Jahren für 2,5 Millionen Dollar verkauft”, erzählt Özver lächelnd. “Heute würde man für dieses Geld in demselben Haus kaum noch eine Wohnung kaufen können. Das Gebäude würde jetzt mindestens 15 Millionen Dollar erzielen.”
Der Preisanstieg ist nicht allein Folge des Aufschwungs in der Türkei. Zwar ist die Wirtschaft dort in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gewachsen und bescherte den ohnehin Reichen noch mehr Wohlstand, doch die Nachfrage bei Immobilien ist vor allem dem wachsenden Interesse ausländischer Käufer geschuldet.
Der Imagewandel zieht die Superreichen an Sotheby’s hat diesen Trend erkannt und deshalb vor gut einem Jahr sein Büro in Istanbul eröffnet. Der bekannte Name zieht spezielle Kundschaft an. “Bei uns fragen zu 90 Prozent Kunden aus den Golfstaaten an. Die anderen kommen aus Russland oder aus Aserbaidschan”, sagt Özver.
Wenn er über die Gründe des Booms spricht, gerät der Makler ins Schwärmen: “Es ist die einmalige geographische Lage der Stadt und die unverwechselbare Geschichte Istanbuls als Hauptstadt des römisch-byzantinischen und später osmanischen Imperiums, was die Stadt so attraktiv macht.”
Allerdings galt Istanbul auch schon vor 15 oder 20 Jahren als eine der interessantesten Städte der Welt und konnte mit einer einmaligen Geschichte aufwarten – und dennoch sahen sich die Superreichen der Welt nicht nach einem Domizil dort um.
Das derzeitige Interesse spiegelt den Imagewandel der Stadt in den vergangenen Jahren wider. Istanbul ist zu einem Wirtschafts-, Finanz- und Kulturstandort geworden, der über die Türkei hinaus in die gesamte Region ausstrahlt. Die Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat das Land mit einer aktiven Außenpolitik auch für den globalen Markt geöffnet. Istanbul ist dadurch wieder zu einer wirtschaftlichen und kulturellen Drehscheibe geworden.
Der Aufschwung der Türkei manifestiert sich nicht in der Hauptstadt Ankara, sondern in der alten Metropole am Bosporus. Hier wurden die neuen Kongresszentren gebaut, hier entstanden die spektakulären Fünf-Sterne-Hotels am Bosporus und hier wächst das Finanzzentrum des Landes mit immer neuen Bürotürmen in den Himmel. Auch international tätige Konzerne tragen ihren Teil zum Preisauftrieb bei Immobilien. Sie haben Niederlassungen in Istanbul gegründet und brauchen deshalb Büros und Unterkünfte für ihre Mitarbeiter.
“Wir erleben ein spektakuläres Comeback”
“Istanbul ist dabei, wieder an seine früheren Glanzzeiten anzuknüpfen”, schwärmt Arman Özver. “Wir erleben ein spektakuläres Comeback.” Weil sich Erdogan in der arabischen Welt den Ruf eines populären Politikers erworben hat, wurden auch die Scheichs am Golf aufmerksam. “In den letzten Monaten saßen hier auf meinem Sofa mehrere Angehörige arabischer Herrscherfamilien, die den Wunsch haben, sich in Istanbul eine standesgemäße Residenz zuzulegen”, berichtet Özver.
Namen werden in diesem Geschäft selbstverständlich nicht genannt. Auch die Objekte, um die es geht, werden lediglich vage beschrieben. Nur soviel ist klar: Das Beste was Istanbul zu bieten hat, sind die großen historischen Sommersitze direkt am Bosporus, die im türkischen “Yali” genannt werden.
Deren Zahl ist begrenzt, ihre Besitzer sind in der Regel Nachkommen osmanischer Familien aus der früheren Hofaristokratie – anspruchsvolle Kunden also. Sie “wollen ihre Häuser auch nicht auf unserer Website sehen, sondern verkaufen nur im persönlichen Kontakt”, erzählt Özver.
Die Herausforderungen, die Sotheby’s mit seinen Kunden zu meistern hat, führen zu schönen Anekdoten. Der Sohn eines Golf-Emirs war demnach von einer der schönsten Bosporus-Villen, die derzeit zu haben ist, ganz begeistert. “Der Preis von 115 Millionen Dollar hat ihn nicht gestört”, sagt Özver. Das Geschäft scheiterte an einem Luxusproblem: Die riesige Villa auf einem fast 4000 Quadratmeter großen Grundstück sei dem Kunde “zu klein” gewesen.
Der Luxusmakler prophezeit eine weitere Preisrunde
Den durchschnittlichen Einwohnern von Istanbul bescheren die hohen Preise im Luxussegment Probleme. Denn der Auftrieb macht sich auch bei normalen Immobilien bemerkbar. Seit Jahren wird die Innenstadt von Istanbul umgekrempelt. Einst heruntergekommene Viertel erleben eine dramatische “Gentrifizierung”, wie Stadtplaner sagen.
Damit ist gemeint, dass durch Verkauf und Luxussanierung die ursprüngliche Bevölkerung massiv verdrängt wird. Die ärmere Bevölkerung zieht an den Stadtrand. Sie profitiert vom Wirtschaftsaufschwung noch nicht durch mehr Geld in der Tasche, sie hat nur die Hoffnung auf Besserung.
Proteste gegen diese Entwicklung lässt die konservativ-islamische AKP-Regierung von Erdogan kalt. Sie bügelt sogar ihre Wähler ab. Vor einem Jahr gingen Einwohner eines bis dahin noch unansehnlichen Innenstadtbezirks gewaltsam gegen eine Reihe neu eröffneter Kunstgalerien vor. Diese gelten gemeinhin als Vorboten der Gentrifizierung. Der AKP-Bezirksbürgermeister beschied der eigenen Wählerschaft kühl, sie sollten doch nach Kasimpascha ziehen – einen Nachbarbezirk, wo der Trend zum gehobenen Wohnen noch nicht Einzug gehalten hatte.
Özver prophezeit in den kommenden Jahren einen weiteren Anstieg der Immobilienpreise. “Angesichts der Krisen in Europa und den USA ist Istanbul ein sicherer Hafen für Investitionen”, meint der Sotheby’s-Manager. Auch liegt auf Erdogans Schreibtisch ein neues Gesetz: Es sieht vor, dass künftig eine wichtige Beschränkung für ausländische Käufer wegfällt. Bislang durften offiziell nur diejenigen Ausländer in der Türkei Grund und Boden erwerben, in deren Länder auch türkische Staatsangehörige Immobilien kaufen können. “Wenn diese Bestimmung in den kommenden Monaten fällt, ist der Weg für Golf-Araber und Russen erst richtig frei”, sagt Özver. “Das wird die Preise noch einmal anheizen”.

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