Einmal hingeschaut: Kreditkarten-Jonglage

Einkaufen ist in Istanbul eine unterhaltsame Tradition – eine Herausforderung ist die Auswahl der Locations, eine andere der geschickte Umgang mit den Limits möglichst vieler Kreditkarten. Eine Kolumne. DER TAGESSPIEGEL v. 3. Februar 2018, v. Ahmet Refii Dener

Die Ausländer und Deutschtürken, die schon da waren, können euch am besten erzählen, wie toll Istanbul ist. Der Istanbuler weiß vom Hörensagen, dass die Stadt toll ist. So richtig zum Genießen kommt er nicht. Wer arbeiten muss, befindet sich im Dauerstress. Die Arbeitstage dauern meist von sechs bis etwa 21 Uhr. Solange ist man in einer Großstadt wie Istanbul von zu Hause weg.

Und wie erholt sich der Istanbuler am Wochenende? Also, die meisten arbeiten in Mindestlohnjobs (bedeutet unter der vom Staat ermittelten Armutsgrenze) und müssen zumeist auch am Samstag arbeiten, manche sogar am Sonntag. Die Frage zum Wochenende lautet: „In welches Einkaufszentrum sollen wir gehen?“ Ja, der typische Istanbulian verbringt das Wochenende mit der Familie in einem Einkaufszentrum. Damit das Leben an Vielfalt gewinnt und Abwechslung geboten ist, geht man ganz raffiniert vor: Man besucht am Samstag und Sonntag unterschiedliche Einkaufszentren. So kommt Farbe ins Leben der Familie.

Bevor diese sich zum Einkaufszentrum aufmacht, ist ein kleines Check-up von großer Wichtigkeit: Wie steht es um die Limits der Kreditkarten? Neben dem Mindestlohn verfügen die Familien auch über eine Mindestanzahl von Kreditkarten, eigentlich Lebensberechtigungskarten. Nur durch das Hin- und Herjonglieren mit den jeweiligen Limits der Kreditkarten schaffen sie es heil bis zum Monatsende. Denn das Geld geht viel eher aus.

Der Zeitvertreib in einem Einkaufszentrum ist kostspielig – nur durch Schaufenstergucken erfährt man keine wirkliche Befriedigung. Die wahre Erholung kommt mit dem Geldausgeben. Nur Konsum befriedigt einen Türken in der Türkei. Erst ab dem 23. eines jeden Monats fängt man an zu grübeln, wie der Mindestbetrag von der Kreditkarte (das sind 20 Prozent des in der Rechnungsperiode ausgegebenen Geldes) beglichen werden soll.

Die türkischen Kreditkarten haben Ratenzahlungsfunktionen und sind echte Kreditkarten. Nicht so wie in Deutschland, wo man das ausgegebene Geld im nächsten Monat begleichen muss. Nein, in der Türkei muss man lediglich ein Fünftel bezahlen. Der Rest geht als Kredit durch. Natürlich zu üppigen Zinsen. Wo das Ganze endet? Zuerst helfen die älteren Familienangehörigen, die noch Zeiten erlebt haben, in denen man etwas sparen konnte. Später stehen einem die Banken zur Seite. Sie geben Umschuldungsdarlehen. Einige Monate später bietet die Bank dann die Umschuldung des Umschuldungsdarlehens an. Und so weiter. Bis am Ende die Privatinsolvenz folgt.

Foto: A.Balcilar

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