Einmal hingeschaut: Als die Türkei noch modern war

Einmal hingeschaut: Eine Kolumne. v. DER TAGESSPIEGEL 22. Januar 2018, von Ahmet Refii Dener

Es gibt ein tolles Wort im Türkischen für Nieselregen. Es heißt: „Ahmakislatan“. Wörtlich übersetzt bedeutet es: „Naivenbenässer“. Das soll heißen, der Naive denkt: „Was soll das bisschen Nieselregen schon anrichten?“ Nach einiger Zeit ist er dennoch plitschnass.

Nichts anderes passiert mit uns. Ja, uns! Ich als Türkischstämmiger Deutscher meine damit alle Türken, aber nicht weniger die Deutschen und die Europäer.

Von Religion habe ich nicht viel Ahnung. Dachte ich. Bis ich deutschen Politikern zuhörte. Ich meine, in ihrer Gesamtheit als Islamversteher. Wenn ich ihnen zu folgen versuchte, bekam ich immer mehr den Eindruck, dass ich über den Islam viel mehr weiß als sie. Zumindest kenne ich dessen Folgen in der Türkei.

Kann es sein, dass die Politik in Europa tatsächlich nicht weiß, was für ein heißes Eisen sie da anpackt? Und das auch noch auf der falschen Seite? Sie halten es nämlich im Moment am kalten Ende. Wenn es allerdings einmal soweit ist, wird wohl das ganze Eisen heiß sein.

Versteht ihr, was ich meine? Nein? In Ordnung, ich gebe euch ein Beispiel: Mit einem Freund habe ich eine Facebook-Gruppe gegründet. Sie heißt „Before Sharia Spoiled Everything“, wörtlich übersetzt: „Bevor die Scharia alles verdarb“. Darin widmen wir uns dem Andenken säkularer Gesellschaften und Subkulturen des 20. Jahrhunderts in Ländern mit muslimischen Bevölkerungsmehrheiten, die seit dem Ende der Siebzigerjahre zurückgedrängt wurden oder vollständig verschwunden sind. Unser Ziel ist, diese Menschen und ihren ganz gewöhnlichen Alltag bekannter zu machen und in der Öffentlichkeit dazustellen.

In dieser Facebook-Gruppe zeigen wir Fotos aus Ländern wie dem Iran, Irak, Syrien und der Türkei aus den 30er bis in die 80er Jahre, die für sich sprechen. Viele Deutsche betrachten die Fotos und sagen: „Mensch, dort war es ja genauso fortschrittlich und modern wie hierzulande!“ Ja, das war so, auch in der Türkei. Dann aber setzte man den Naivenbenässer ein. Ohne dass die Menschen es merkten, ließen sie die dunkle Seite des Islam in die Gesellschaft hinein.

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