Türkei – Mit einem Studium die Arbeitslosigkeit garantieren

Wer nicht in der Türkei lebt und der türkischen Sprache nicht mächtig ist, wird nichts von dem wissen, was ich jetzt hier erzählen werde.

Im Jahre 2014 gab es in der Türkei 196 Universitäten. Danach habe ich mich für die Zahl nicht mehr interessiert. Ihr könnt jeden Monat die Neueröffnung mindestens einer weiteren Universität über die Medien entnehmen.

Als ich recherchierte war ich überrascht welche Fachrichtungen bevorzugt werden. Die meisten studieren Jura. Wenn man bedenkt, dass jeder Türke grundsätzlich sich im Recht wähnt, kann man es verstehen.

Nach Jura folgen im Gunst der angehenden Akademiker; Medizin, Psychologie, Architektur, Bauingenieur, Krankenschwester, IT, Zahnarzt, Klassenlehrer, Maschinenbau, Betriebswirtschaft, Elektroingenieur …

Ich nahm an, dass die ‚Schönen Künste‘ und ‚Public Relations‘ am meisten bevorzugt werden würden, zumal viele den wissenschaftlichen Fächer weglaufen, war aber nicht richtig.

Die Jugendlichen bzw. eher die Eltern haben ein Ziel: „Mein Kind soll auf die Uni, soll studieren und zu was bringen.“

Zu ‚was‘ bringen?

Mit einem Uni-Abschluss in der Türkei hat man die Arbeitslosigkeit in der Tasche. Ausnahmen bilden die Regel.

Derzeit liegt die Akademiker-Arbeitslosigkeit bei über 25%. Die Zahl stimmt nicht ganz.

Es studieren momentan 5,5 Mio. an türkischen Universitäten. Die Zahl der Jungs und Mädels sind fast identisch also jeweils knapp fünfzig Prozent.

Nach dem Abschluss passiert aber folgendes. Die meisten Mädels heiraten, oder dürfen auf Druck der Familie hin nicht arbeiten. Also bleiben sie dem Arbeitsmarkt fern.

Laut Türkstat gab es Ende 2017 29 Millionen arbeitsfähige Frauen in der Türkei. Nur 26,6% dieser Frauen gehen einer Arbeit nach. Also bleiben fast ¾ der Frauen dem Arbeitsmarkt fern. Auf der einen Seite schlimm für die Frauen, auf der anderen Seite aber gut für die Regierenden, denn sie tauchen größtenteils nicht in der Arbeitslosenstatistik auf.

Auch darf man sich nicht denken, dass die Akademiker Arbeitsstellen besetzen, die ihrer Ausbildung entsprechen. Nein, diese üben zumeist Allerweltjobs aus, die weit unter ihrer Qualifikation liegen.

Auch darf man sich nicht denken, dass die Akademiker, die ihrer Qualifikation entsprechende Jobs haben, damit glücklich werden. Die Möglichkeit, dass ein Chemieingenieur, der den doppelten Mindestlohn bekommt, eines Tages die passende Mixtur nimmt und von uns scheidet ist groß.

Irgendeine Erfassung zeigte, dass die Türken zu den unglücklichsten Menschen gehören, sogar hinter 10 Ländern, wo Kriegszustand herrscht.

Eigentlich ist der beste Beweis für das Unglücklichsein der Türken, die Zahl derer, die sich um eine Stelle bewerben. Auf dem Jobportal yenibiris.com sind derzeit 30.000.000 aktive Bewerbungen. Laut Türkstat arbeiteten 28,7 Mio. Türken zum Juli 2017. Die gleiche Statistik weist auch aus, dass dieses nur 48% der arbeitsfähigen Menschen ausmacht.

Nehmen wir nur die Zahl 30 Mio. Arbeitssuchenden vom Jobportal. Das bedeutet, dass die Masse der arbeitenden unzufrieden weiterarbeiten, Gehalt bekommen und parallel eine neue Stelle suchen. Wie effektiv und mit welcher Hingabe verrichtet so einer seinen Job frage ich mich.

In der Türkei fehlen Handwerker. Lehrberufe, die man aus Deutschland kennt, wie Schweißer, Schlosser, Drechsler …  Diese Berufe kann man über die Berufsschulen der Türkei leicht erlernen, doch wäre das den Jugendlichen und deren Eltern zu peinlich. Wie sollten die Eltern schaffen zu antworten: „Unser Sohn wird Schlosser.“ Das werdet ihr jetzt nicht verstehen aber, das ist für die Masse an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Bestimmt würde der Gegenüber dann sagen: „Hat er die Uni-Prüfung nicht geschafft?“

So ist das in der Türkei. Lieber Akademiker und arbeitslos als Handwerker und ein Job. Zwar zu Löhnen, die knapp über dem Mindestlohn liegen, aber ein Job.

Die Wirtschaftswachstumzahlen, die in der Türkei chronisch positiv ausfallen, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Wirtschaft, was den Arbeitsmarkt angeht, eigentlich schrumpft.

Der Staat macht Schulden und investiert diese in Megabauten, die kaum für zusätzliche Arbeitsplätze sorgen. Auch wird gebaut wie verrückt. Diese beiden Faktoren bringen es mit sich, dass das Wirtschaftswachstum auf dem Papier stimmt, aber real den Bach runtergeht.

In diese prekäre Lage hinein drängen jedes Jahr frische, ca. 1 Mio. Menschen, in den Arbeitsmarkt. Wie lange kann das gutgehen in einer Wirtschaft, der auf der Stelle tritt?

Wenn ich schon die Zahlen von Türkstat vor mir habe, sage ich Euch noch was Schreckliches. Von den o.g. 28,7 Mio. Menschen, die einer Arbeit nachgehen, arbeiten 35,2% in der Schattenwirtschaft, also ohne soziale Absicherung und schwarz.

Ca. 5 Mio. Menschen zwischen 15 und 35 Jahren haben sich noch niemals um eine Arbeitsstelle beworben und auch noch nie gearbeitet. Das sind die absolut Hoffnungslosen, die nicht daran glauben, dass die Gesellschaft ein Platz für sie frei hat. Sie werden von den Verwandten getragen.

Die Türkei steuert nicht in ein Dunkel hinein, ist schon längst mittendrin. Kann man dann noch in der Türkei investieren? Klar, die Menschen suchen händeringend nach Arbeit und das zu Minimalkonditionen. Hauptsache ein ausländischer Arbeitgeber, denn den eigenen traut man nicht über den Weg.

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