„Mayday mayday mayday*, MS Turkey calling!“

Dann erschütterte plötzlich ein Krachen die Fähre, und alles ging rasend schnell:
Das Schiff kippte nach rechts, in die unteren Decks brach die aufgewühlte Ostsee ein, und um 1.21 Uhr setzte Kapitän Andresson einen Funkspruch ab: „Wir haben schwere Schlagseite“, sagte der 40-jährige, „Ich glaube 20, 30 Grad.“ Pause.
Dann gab der „Estonia“-Funker noch die Position durch: 59 Grad, 22 Minuten Nord und 21 Grad, 48 Minuten Ost. Funkstille. Um 1.53 Uhr verschwand die Fähre vom Radar der zur Hilfe eilenden Schiffe. Der genaue Hergang des Unglücks ist bis heute nicht aufgeklärt. Unstrittig ist aber: Das Schiff sank innerhalb einer halben Stunde. Zuvor war die 55 Tonnen schwere Bugklappe, die auf hoher See die Zufahrt zu den Autodecks verschließen soll, knapp 35 Kilometer südlich der finnischen Insel Utö abgebrochen. 852 Menschen sterben und nur 137 überleben. Sicher hätten einige mehr mit dem Leben davonkommen können, wenn diese nicht auf die beruhigenden Worte des Kapitäns: „Bitte bewahren Sie Ruhe, wir haben alles unter Kontrolle“ gehört hätten. Laut Medienberichten hatten die Überlebenden nicht auf den Kapitän gehört und waren schnell in die Rettungsboote gestiegen oder ins eisige Wasser (13 Grad) gesprungen.

Die MS** Türkei hat auch Schlagseite bekommen. Der Kapitän beruhigt die Passagiere und sagt, dass man dem IWF nichts schulde. Er verschweigt dabei aber, dass man dafür bei diversen anderen Banken hoch verschuldet ist. Er spricht von einem steigenden Wirtschaftswachstum zum Jahresende hin, das fast zweistellig sein soll und täuscht die Passagiere. Die in der Türkei bestehende hohe Arbeitslosenquote erwähnt er nicht. Sie ist bereits zweistellig und auf Rekordhöhe. Damit täuscht er erneut.
Der verantwortliche Minister sagt: „In der Türkei ist die Armut ausgerottet: Die Welt beneidet uns darum!“ Genau das Gegenteil ist der Fall! Praktisch jeder, der das Mindestgehalt erhält und das sind immerhin weit über 15 Mio. Menschen von 29 Mio. Berufstätigen, leben unter der Armutsgrenze! Die Arbeitslosen werden nicht berücksichtigt. Wie auch? Bilden sie doch die Masse an arbeitsfähigen und arbeitswilligen Menschen, die nicht einmal als Arbeitslose registriert bzw. erfasst sind. Sie verfügen keinerlei legale oder legitime Einnahmen.

Die Wahrheit, dass der türkische Staat über 400 Mrd. USD Auslandsschulden hat und die private Wirtschaft über eine ähnlich hohe Summe verschuldet ist, wird bewusst verschwiegen, um Bevölkerung und Investoren zu täuschen.
Neben dieser bewussten „sozialistischen“ Wirtschaftstäuschung werden nach einer eigentlich ausgestorben geglaubten Methode nationalislamistische, größenwahnsinnig anmutende Ablenkungsmanöver gestartet.

Der erste PKW aus türkischer Produktion, den kein Industrieller bauen möchte, weil es sich nicht rechnet. Der erste türkische Panzer, der eigentlich ein Koreaner mit deutschem Tuning ist. Man könnte hier unendlich fortfahren.
Themen und Superlative zuhauf, die die Menschen vom Eigentlichen, nämlich der Schlagseite des MS Türkei ablenken sollen.

Auch das türkische Bildungswesen ist ein noch nie da gewesener Superlativ. Der türkische Bildungsminister macht sich ebenfalls gerne zum Kasper und ist sich im Wettrennen um die Superlative für nichts zu schade und sagt zu Beginn des neunen Schuljahres: „Es gibt kein fortschrittliches Bildungssystem als das Unsere.“
Zwei Wochen später erklärt dann der Kapitän: „Die hellsten Köpfe verlieren wir an den Westen.“ Der Kapitän fährt dann fort: „Für unsere Kinder sind die Schulen, die dem Wohnort am nächsten sind, die Besten.“ Der Satz danach, macht die Sache dann richtig rund: „In jedem Stadtteil werden wir bald Imam Hatip Schulen (religiöse Schulen) haben.“
Die Ablenkung vom Eigentlichen funktioniert auf allen Ebenen und in allen Bereichen.
Kaum sind all` diese Worte gefallen, singen einige den „Izmir Marsch“!

Dieser „Marsch“ steht symbolisch für die Verbundenheit zu Atatürk und seinen liberalen und auf den Naturwissenschaften orientierten Ideen.

Sie singen den Marsch aus voller Inbrunst just in dem Moment, wo jedem bekannt wird, dass nun mehr als 1.000.000 Schüler diese religiösen Schulen bereits besuchen. Tendenz steigend!

Die Zahl der Einschulungen ist auf einem 10 Jahres Tief. 1.240.000 Kinder haben die Schule vor der 9. Klasse abgebrochen. Die Lotsen an Board schreien laut heraus, was falsch läuft. Nur möchten die Passagiere lieber mit dem Kapitän untergehen. Der Unterschied zu der Geschichte von Estonia ist dennoch gewaltig, denn die Passagiere der MS Türkei, die nicht auf den Kapitän hören, werden ebenfalls untergehen, weil sie nichts dagegen unternehmen.

(*) Mayday ist das internationale Notsignal im Sprechfunk. Es wird weltweit im mobilen Seefunkdienst, mobilen Flugfunkdienst und im BOS-Funkdienst verwendet und hat im Funkverkehr oberste Priorität.

(**) MS: Motor Ship

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