“Wir haben 337 Ärzte, 434 Gesundheitsbeamte und 136 Hebammen.”

Mustafa Kemal Atatürk – Auf der Rennbahn. Er sagte: “Die Pferderennen sind für die modernen Gesellschaften eine soziale Notwendigkeit.”

12. September 1683, an einem Spätsommertag fand die entscheidende Schlacht um Wien statt. Die Osmanen hatten die Stadt mit 200.000 Soldaten belagert und konnten in den vergangenen zwei Monaten die Entscheidung dennoch nicht herbei zwingen. An diesem Morgen rückte das kaiserliche Ersatzheer an. 20.000 Kavalleristen, mit polnischen Flügelhusaren (Flügelhusaren (Hussaria) trugen Brustpanzer, Armschienen und knie hohe Lederstiefel), damals die schwerste Waffe überhaupt einsetzten, kamen vom Kahlenberg runter und zerstörten die Flanke des osmanischen Heeres.

Die Schlacht am Kahlenberg besiegelte nicht nur die Rettung Europas vor den Osmanen, sondern war auch der Startschuss für den endgültigen Abstieg des osmanischen Reiches. Nach Kahlenberg werden die Osmanen zu einem Spielball europäischer Machtinteressen.

Damals, wie heute auch, passierte es, dass die Osmanen die Moderne verschliefen. Verglichen mit Europa war nichts mehr zeitgemäß. Die Korruption, politische Verkrustung und der Islam lähmten die Osmanen, während der Westen durch ein dynamisches Bürgertum sich immer weiterentwickelte.

Die technischen Erneuerungen und die Wissenschaft schritt in Europa mit riesigen Schritten voran, während die Osmanen auf der Stelle traten und durch den Vorsprung des Westens, im Abstieg begriffen waren.

Die damalige Zeit möchte ich mit der heutigen Zeit vergleichen. Die Industriestaaten ziehen weiter und die türkische Republik tritt auf der Stelle. Momentan geht es in der Türkei nur um Machterhaltung.

Das osmanische Heer muss noch viele Kriege durchstehen, bis es zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum „Kranken Mann am Bosporus“ erklärt wird. Mit den Folgen des Weltkrieges, mit den Deutschen als Verbündete, ist das Ende dann besiegelt.

Zu damaliger Zeit waren die Deutschen für die Türken die einzig wahren Freunde. Dreimal besuchte Kaiser Wilhelm II. die Türkei. Die Deutschen halfen an allen Ecken mit.  1920 dann, mit dem „Frieden von Sevres“ wurden die Grenzen der heutigen Türkei abgesteckt.

In diesem Moment schlug die Stunde von Mustafa Kemal, der die Türkei aus dem tiefsten Mittelalter abkratzte und in die Neuzeit führte. Oder, zu führen versuchte, kann man es zu der damaligen Zeit passend beschreiben, denn vielerorts war es nicht einfach das Kalifat aufzulösen, die ihre Felle wegschwimmen sahen. Er setzt, nicht für möglich gehaltene Reformen durch, welches in der Geschichte der Menschheit, von vielen Historikern als ‚Einmalig‘ bezeichnet wird.

Mustafa Kemal bekommt den Ehrentitel ‚Atatürk‘ verliehen, welches „Vater der Türken“ bedeutet. Er baut die türkische Republik auf, ein souveränen Staat. Ab 1923 versucht er durch Reformen den orientalischen Staat an die europäische Zivilisation anzugleichen.

Das laizistische Staatsgebilde entsteht. Das Schweizer Zivilrecht, mit Ergänzung des Wahlrechts für die Frauen, das italienische Strafrecht und deutsches Wirtschaftsrecht werden übernommen.

Auch die Kleidung wird auf Europäisch umgestellt. Das Fez, was die Türkei-Urlauber gerne kaufen und auf den Kopf setzen, wird verboten. Die Beamten haben ab jetzt immer mit Anzug und Hut zur Arbeit zu erscheinen. Das Straßenbild in Istanbul, Izmir und anderer größerer Städte ist kaum mehr von europäischen zu unterscheiden.

Mit der lateinischen Schrift erfolgt eine weitere Trennung von der arabisch-islamischen Welt.

Atatürk führt die Türkei mit eiserner Hand Richtung Zivilisation, wird aber nicht zum Tyrannen. Als zum 12. Jahrestag der Republik ihm Plakate vorgelegt werden, die ihn als den „Größten der Nation“ ausweisen, lehnt er ab. Auf den Plakaten wird der Spruch in: „Einer von uns“ geändert.

Leider stirbt er, bei der Schwere der Aufgabe, zu früh. 1938 hinterlässt er ein verpflichtendes Erbe zurück. Nur heute stellen wir fest; wir sind dem nicht gerecht geworden.

Was wir ebenfalls erst heute feststellen können, ist die Tatsache, dass die Türkei nach Atatürk dennoch bessere Zeiten gesehen hatte, als wir sie jetzt durchleben.

Die Vernichter sind am Werk. Als Herr Erdogan die Türkei zu der Zeit der Osmanen führen wollte, habe ich schon nicht verstanden, warum man für Rückschritt sein kann. Es kam aber noch schlimmer. Erst als er anfing die letzten osmanischen Herrscher, die allesamt Versager waren, zu heroisieren, konnte man erahnen, wohin das Ganze führen sollte, nämlich zu der schlimmsten Zeiten des osmanischen Reiches vor der Kapitulation.

Die türkische Republik war noch nie in so einer ausweglosen Situation wie heute. Die Bildung liegt am Boden und mit jedem Tag arbeitet man daran es noch schlechter zu machen. Der Islam, welches noch niemals zuvor, nirgendwo auf der Erde, Fortschritt bedeutete, marschiert mit riesigen Schritten voran.

Eigentlich müssten alle Türken und die im Ausland lebenden im Besonderen, oder eigentlich alle Menschen, diesen Brief von Atatürk gelesen haben. Dann wird man besser verstehen, aus welchen Anfängen die Türkei entsprungen ist.

ATATÜRK GIBT SEIN ZIEL VOR

Im Jahre 1923 besiegelte der Vertrag von Lausanne die Befreiung der Türkei. Die Tage vergingen schnell…

Am 29. Oktober 1923 dann, um 20:30 wurde Republik Türkei gegründet und Mustafa Kemal Pascha wird zum ersten Staatspräsidenten der Republik gewählt.

Noch am selben Abend wird die Gründung der Republik im ganzen Land mit Salutschüssen verkündet.

Am 30. Oktober 1923, also einen Tag nach der Republikgründung schreibt  Mustafa Kemal Pascha handschriftlich einen Brief an Ismet Pascha, seinem Freund und Kampfgefährten.

Den Text und die Kopie des Briefes gibt es in dem Buch “Atatürk Milliyetçiliği.” (Parola Verlag).

Der Brief zeigt ein osmanisches Erbe, das die Gesichter erröten lässt, und zeigt aus welchen Anfängen die Republik bis zum heutigen Tag gelangt ist.

Atatürk stellt fest, dass man zwar einen großen militärischen Sieg errungen hätte, dennoch würde man noch am Anfang stehen und bei Null anfangen.

Die Feststellungen sind einmalig. Lange Rede kurzer Sinn. Hier ist die Übersetzung des Briefes:

* * *

Mein Lieber Ismet Pascha,

dich stelle ich mir als den ersten Ministerpräsidenten der Republik vor. Halt, sag jetzt nicht sofort ‚Nein‘.

Ich sage dir, warum ich mich für dich entschieden habe.

Uns erwartet wieder ein großer Krieg. Einen Teil davon kennst du als Frontkommandant und Hauptdelegierter bei den Verhandlungen zum Lausanner Vertrag natürlich selber.

Nach deiner Rückkehr aus Lausanne hast du uns selbst berichtet, dass die großen Nationen unsere katastrophale Lage kennen und  damit rechnen, dass wir uns bald ergeben werden.

Ich sage dir aber jetzt etwas noch Traurigeres und resümiere unsere momentane Lage.

Wir haben ein überschuldetes und krankes Land geerbt.

Wir sind eine Nation, die aus einer bettelarmen Landbevölkerung besteht.

Wir haben kaum Straßen, die über vier Jahreszeiten dauerhaft benutzt werden können. 4.000 km Schiene, wovon uns nicht ein Meter gehört.  Außerdem nicht ausreichend. Wir müssen das Land vom Norden bis Süden und vom Westen bis nach Osten zu einer Einheit werden lassen.

Die Marine ist in einem traurigen Zustand.

Wir müssen der Bevölkerung Land und zwei Ochsen geben und diese zu Bauern werden lassen.

Die Konstellation mit den Stämmen, Agas und Scheichs im Osten ist mit der Republik nicht vereinbar.

Wir müssen die Situation in Ordnung bringen und das Volk retten. Die Geldverleiher nehmen das Volk vielerorts aus.

Eigentlich sollen wir ein Agrarland sein, nur das Mehl für unser Brot müssen wir aus dem Ausland kaufen. Die Rinderpest vernichtet unsere Rinderzucht.

Wir haben 337 Ärzte, 434 Gesundheitsbeamte und 136 Hebammen.

Apotheken haben wir nur in den wenigsten Städten.

Die Seuchen töten unsere Menschen. 3 Millionen Menschen haben alleine Trachom (Erkl.: Stark ansteckende Krankheit, lässt die Menschen erblinden).

Malaria-, Typhus-, Tuberkulose-, Syphilis- überall (Erkl. : Hat die Republik gänzlich in den Griff bekommen).

Das sind ernste Probleme.

Das halbe Volk ist krank. Die Kindersterblichkeit liegt bei über 60%. 80% der Bevölkerung lebt auf dem Lande und ein Großteil davon sind Nomaden.

Telefon, Motoren und Maschinen haben wir nicht.

Die Industriegüter kaufen wir alle aus dem Ausland. Sogar die Ziegelsteine müssen wir im Ausland kaufen. (WIE HEUTE AUCH WIEDER) Strom gibt es nur in Istanbul und in einigen Vororten von Izmir.

Die Feinde haben 830 Dörfer komplett vernichtet. 114.408 Gebäude wurden in Brand gesteckt. Wir müssen fast das ganze Land nochmals neu aufbauen.

Es gibt alleine über 400.000 Flüchtlinge aus Griechenland.

Unsere Wirtschaft und der Bildungsstand sind mitleiderregend. Wir haben kaum Ökonomen

Nur ¼ der Schulpflichtigen können eine Schule besuchen. Um die Bildung der Bevölkerung hat sich niemand gekümmert.

Eigentlich muss die Republik Menschenmaterial heranschaffen und die Front der Ehrenhaftigkeit muss gestärkt werden. (HEUTE WIEDER DIE RÜCKWÄRTSROLLE. IMMER SCHLECHTERE BILDUNG).

Die Kulturwerte und Historisches wurden und werden außer Landes geschafft. Die Berichte sind detailliert und geben bittere Wahrheiten Preis.

Gebe diese Informationen auch an die Minister und den Parteivorstand weiter. Sie sollen komplett informiert sein.

Unser Budget und unser Einkommen reichen nicht aus. Ich habe da eine Idee, wie wir aus der wirtschaftlichen Misere herauskommen können. Das erkläre ich dir, wenn wir uns sehen.

Unser Ziel muss die ökonomische Unabhängigkeit und zwar die dauerhafte wirtschaftliche Unabhängigkeit sein. (HEUTE KOMPLETT VOM AUSLAND ABHÄNGIG).

Die Osmanen haben diese Situation zu spät erkannt und als sie es gemerkt hatten, war es zu spät.

Wir müssen der Republik eine entsprechende Verfassung geben. Um aus dieser Misere herauszukommen haben wir weder ein Beispiel noch einen Erfahrungswert zur Verfügung.

Wir dürfen nicht aufgeben und uns mit vorläufigen Lösungen abgeben. Um das Volk zu retten, die Probleme zu lösen, einen Aufbruch auszulösen, weiterzukommen und zu einem souveränen Volk zu werden, das Niveau des Jahrhunderts zu erreichen, kurz und bündig: mit der Zeit zu gehen. Diese Ideale müssen wir erreichen. (HEUTE GENAU DIE GEGENGESETZTEN ZIELE).

Dieses Ideal vor dem Augen habend, sind wir hierhergekommen. Wir müssen ab jetzt noch schneller vorwärtsschreiten. Den geeigneten Weg hierzu werden wir gemeinsam suchen und finden.

Wir werden für die armen und gefangenen Nationen ein Beispiel abgeben.

Das Schicksal hat diese heilige Verantwortung unserer Generation auferlegt.

Ich wollte die Schwere und die Ehre dieses Auftrages mit dir teilen.

Allah möge uns beistehen! (SOLL EINER GESAGT HABEN, DER ANGEBLICH GEGEN DEN ISLAM WAR?!)

 

Bei der ersten offiziellen Volkszählung von 1927 betrug die Einwohnerzahl der Türkei 13,6 Millionen.

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